Wahlkampf in Lüneburg – Kompetenz oder Cholerik?

…neuerdings sind Oberbürgemeiserin-Wahlen in Lüneburg und die Stadt ist plakatiert mit allerlei inhaltsleeren Plakaten mit Gesichtern. Der wahre Wahlkampf findet in der Lokalzeitung und auf Social Media in den Kommentarspalten statt, wie mir Instagram zeigt.
Ich habe sogar das Höllenportal Facebook geöffnet, um mir einen Eindruck zu verschaffen, denn die meisten Menschen hier sind keine Millenials mehr, und man muss die größte Wählergruppe natürlich auch dort einfangen.

Ich finde, dass so ein Kuhkaff ein Miniaturbiotop ist: Hier sind alle privat und geschäftlich verzahnt, jede*r kennt jeden und Politik und Wirtschaft – naja, in anderen Ländern ist es Korruption, hier nennt man es “Netzwerk”. Das wirklich Schlimme ist: Es ist ein Männernetzwerk und DU KOMMST HIER NICHT REIN. Schaut man in die schMerz Regierung, findet man das selbe Konstrukt, nur dass die Beträge, um die es geht, viel mehr Nullen haben. Es sind ja auch mehr Nullen da LOL.

Zuletzt habe ich in Lüneburg die grüne Kandidatin gewählt, Claudia Kalisch. Der Grund ist einfach: Wir haben einen gemeinsamen wissenschaftlichen Background, und sie ist eine Frau. Für mich ist der Zug abgefahren, aber unsere Töchter brauchen Vorbilder!

Mich für diese Wahlen zu interessieren fing an, als ich auf Instagram las, dass sie ja die letzten Jahre nix hinbekommen hätte. Sollte ich meinen Augen ntrauen? Ich sehe doch die Dinge?!
Fast forward vier Jahre später sehe ich als unbedarfte Person die Dinge, die in der Stadt passiert sind: Grünflächen, Spielplätze, Radwege, soziales Miteinander im Blick. Oberbürgermeisterin sein bedeutet offenbar permanente Sichtbarkeit, permanentes Arbeiten – ich habe sie sogar einmal kurz live gesehen. Auf einem SA, wo sie eine kleine Rede für Schüler*innen hielt und dann zu nächsten Termin sauste. Krasser Energiepegel, und super nett.
Weil ich neugierig bin, habe ich sie dann auch mal ernsthaft gestalkt, und war bei einer Veranstaltung, wo sie den Habeck inhaltlich und rhetorisch in die Tasche gesteckt hat. Klaro, sie ist eine Umweltwissenschaftlerin, heute vollmundig Nachhaltigkeit, und hat einen MBA in Wirtschaft. Da ich den Lehrstuhl kenne, weiß ich dass sie Haare auf den Zähnen haben muss, da wird einem so gar nix geschenkt.

Meine dann doch etwas längere Recherche ergab, dass ich drei Dinge aus dreißig sehe. Wie immer sind die Dinge an mir vorbeigegangen, weil es sich um wenig sichtbare Umweltschutzdinge handelt. Nachhaltigkeit ist kein sexy Stichwort mehr, und so bekam ich nicht mit, dass etliche Piloprojekte ausgerollt wurden. Dann so Sachen mit Ganztagesbetreuungin Grundschulen, igitt! Wie kann sie nur?! Sie ist dann auch noch Vizepräsidentin des Städtetags, der größte kommunlae Verband, die tatsächlich auch in der Gesetzgebung mitmischen. Sonst hätte ich keine kostenlose Ganztagsbetreuung, das hat sie tatsächlich durchgedrückt, – weil sie weiß, wie sch*** es ist wenn das verdiente Geld für die Kinderbetreuung abfließt. Männer would never. Aber wieso kriegt man so wenig über die umgesetzten Sachen mit??
Es ist sehr einfach: Die lokale Medienlandschaft sind alte weiße Männer, die wollen sowas nicht, und als ich gestern an einem Ferrari mit Lüneburger Kennzeichen vorbeiging, war mir auch irgendwie klar, warum.

Dann habe ich mir aber auch die anderen Pappnasen, ich meine Kandidate*innen, angeschaut: Der eine ist ein Tech Bro und hat sich scheinbar Peter Thiel als Vorbild genommen, heillos überfordert. Ein wohl kompetenter, aber mir persönlich ungeheuer unsympathischer CDU Dude. Die SPD? Eine weitere Frau, eine alte Häsin im Geschäft, kann aber nicht sagen wofür sie steht, das ist momentan ein großes Problem der SPD…
Spannender wird es, wenn man die Leute schon kennt: Der stets politische ehemalige Kommilitone, der windigerweise mal so eben die Partei wechselt. Der Choleriker, der unglaublich gut vernetzt ist und dessen Parteilosigkeit scheinbar braune Spurenelemente enthält und dessen Kugelschreiber in allen Briefkästen der Stadt gelandet sind.
Es ist ein Miniaturabbild unserer Zeit: Die Inkompetenten, die Vernetzten, die nach Oben-Gelobten, die Windigen, die überqualifizierten Frauen.
Wenn man als Frau Karriere gemacht hat, oder es versucht hat, kennt man diese Menschen, die ekligen Blicke und die noch ekligeren Gespräche, die man abends abduscht. Als Politikerin musste sich die aktuelle Bürgermeisterin öffentlich!! über ihre Scheidung rechtfertigen. ALTER. Währenddessen wird der Kumpel von dem anderen Kumpel medial gepusht, um dann als Mann allen ernstes Dinge von sich zu geben wie: Er dürfe ja Sonntag ausschlafen und seine Familie würde das ja alles mittragen. Es lebe das gute, alte Patriarchat, der Mann hat seinen Spaß, während ihm einen nicht weiter benannte Frau den Rücken freihält. Illustration dazu: Er mit seinem Thronf… Sohn. Solche Leute habe ich ja gefressen.

Natürlich wähle ich wieder die Frau, die offensichtlich Sonntags aufsteht, sich nicht zu fein ist vor Grundschulkindern zu sprechen, Ganztagesschule ermöglicht hat, und dessen Haare ich unglaublich beneide. Sie ist eine Frau, die es “geschafft” hat, und was mir besonders gefallen hat: Die ihr Rampenlicht auch teilt. Send the elevator back down – die wirklich mächtigen Frauen machen genau das.

Was ich noch gelernt habe: Entsiegelung, also das Entfernen von betonierten Flächen, Begrünung und Moore sind die paar Sachen, die unseren Arsch in der Klimakrise retten können, wenn wir sie angehen. Danke hier an den Landratskandidaten Torsten Franz und Professorin Vicky Temperton, wo ich ein Gespräch belauscht habe. Guerillabegrünung auf die Lehrpläne!

Das erste mal: Alleine in der Oper


Ich möchte mich darüber auslassen, dass das Humboldtsche Bildungsideal davon sprach, Kultur im Original “allen” zugänglich zu machen, denn der Eindruck und das Gefühl seien maßgebend dabei – okay, das weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, ob das in seinem Pamphlet drin stand, es ist unter Umständen von mir hinzugedichtet worden.
Die guten Tickets im Parkett kosten zwischen 60 und 200 Euro und das ist harsch – sagen wir es mal so.
Schwieriges Thema.

Anyway, so kam es, dass ich meinen billigen Platz im Parkett zwischen lauter älteren Herrschaften einnahm, sowie einer handvoll Studentinnen und kulturell interessierte in jeglichem Alter. Ich bin ja nicht jung, aber ich sehe jung aus – sind es die Klamotten? Ja. Wenn ich ältere Herrschaften sage, meine ich durchaus über 70.

Nun möchte ich die Perspektive aus der Fun-Seite beschreiben, denn ich bin natürlich, komplett medioker angezogen weil super spontan, trotzdem sehr interessiert an den Outfits der anderen Herrschaften gewesen. Stellte sich heraus, das Outfit, mit dem ich sonst einkaufen und arbeiten gehe, taugt auch für die Hamburger Oper in der Woche, ich fiel gar nicht auf. Aufgrund der Kälte trug ich zwei Kilogramm Kaschmir: Der etwas zerfledderte Pullover hatte den Tag schon seinen Kücheneinsatz hinter sich, ein Stück, das ich so nicht anziehen würde. Eine billige Hose von Hasi und Mausi, die aufgrund ihres Stretchanteils den Weg in meinem Kleiderschrank fand, sowie ungeputzte dicke Stiefel. Alles schwarz. Darunter mehrere Schichten Wolle/Seide. Als Accessoire hatte ich lackierte Fingernägel, ein buntes Hermès-Tuch, einen bunten Hermès Armreif, und meine Clutch, das einzige was tatsächlich in die Oper gehört.
Was ich lieber getragen hätte: Ordentliche Schuhe, und etwas mehr Glanz und Gloria aka Farbe und mehr Schmuck, am liebsten etwas für die Haare oder grundsätzlich etwas mit mehr Glitzer um den Hals, zum Beispiel einen Schal oder Tuch mit feinen Pailletten (Brunello Cuccinelli Style).

Und weil frau alleine war, hielt ich mich an meiner Clutch fest – denn das ist auch Sinn und Zweck der Übung mit der Clutch, die übrigens eigentlich auch zur Kontaktaufnahme dient, da sie sehr “interessant” ist, spazierte umher und schaute mir, freundlich lächelnd, die Menschen an. Zwei Damen, ebenfalls in Schwarz und mit schönem Schmuck, ein Pärchen mit Anzug, Abendkleid, und eine weitere Dame, hell gekleidet (ich lieb’s, weiß man ja!) mit moderaten High-Heels, einem Hauch Pelz, damit schon eindeutig keine Hamburgerin, und einer Arbeitstasche, also eine Opernkennerin, die sich solche Veranstaltungen statt Netflix gönnt. Da strebe ich auch hin, habe eh kein Netflix. Einem Herren, der ebenfalls alleine war und irgendwann in meine Richtung navigierte, konnte ich gerade noch so entkommen. Eine Brezel, ein Wasser und eine Spende für einen Obdachlosen später gab es eine zweite Pause, wo ich mich mit der hell angezogenen Dame unterhielt – und zu einem wesentlich besseren Platz manövriert wurde. Umsetzen ist kein Thema in der Oper, kräht kein Hand nach – und wer wie ich große Menschenansammlungen eher nicht goutiert, freut sich über eine leere Reihe. Die Unternehmerin hatte einige lustige Dinge zu erzählen und bewegte sich sehr selbstsicher über das Parkett, ich finde mich dabei immer wieder etwas linkisch; muss ich mehr üben. Netzwerken ist natürlich für uns Unternehmerinnen das A und O und ja, das tun wir nur mit sympathischen Leuten.

Damit war mein Abend gerettet.

Tatsächlich gibt es zum Thema Bekleidung in diesem Bereich auch noch eine andere Perspektive: Kultur zu solchen Preisen ist klassistisch (Klassismus: Diskrimierung durch soziale und wirtschaftliche Klasse) und schließt finanziell schwache bzw.arme Menschen aus. Wiederum gibt es vergünstigte Ticktes und durch die mangelnde, auch nur inoffizielle, Kleiderordnung, wird der Zugang vereinfacht. Hat auch etwas Gutes!
Für mich persönlich kann es gar nicht genug Gelegenheiten geben mich aufzubrezeln, Aldi, Edeka, Oper, I do not care: Ich bin lieber overdressed und werde angestarrt – werde ich sowieso, aber ich verstehe mich als Künstlerin und Kunstwerk, da kann ich eben auch inszenieren, denn das tun wir im Alltag eh permanent.

Also, sobald das Wetter über zehn Grad sein wird, werde ich versuchen, over dressed (also auf Hamburgsich!) in die Oper zu gehen. Ich habe von Oper ohnehin keine Ahnung, aber immerhin ausreichend musikalische Bildung um zu merken wenn der Dirigent zu schnell ist; ich genieße die Bühnenbilder und hebe oft genug eine Augenbraue über die Symbole, die man da nutzt. Der intellektuelle Zugang ist jedenfalls niedrigschwellig, und das ist auch gut so. Die Übersetzungen bzw. eingeblendeten Texte zum Stück sind grauenhaft, wenn man etwas verstehen möchte, ist man gut beraten sich ein Libretto zu besorgen (danke Internet!). Ich verstehe leider auch gerade genug Italienisch und Französisch, um die Übersetzung zu bemängeln, aber eigentlich soll sich einem das Ganze auch so erschließen. Mit ein bisschen Glück gibt es noch eine russische Oper, wo ich absolut gar nix checke, da ich exakt zwei Wörter Russisch kann; das wird dann die Gegenprobe.

Also: Nicht in schwarz gekleidet gehen (okay, wir Künstler*innen blabla), gerne mehr Frabe und mehr Glitzer, gerne schöne Schuhe statt Sneaker, und bitte keine hellbraunen Schuhe zum hellgrauen Anzug, die Herren, und wenn dann Oxfords, Wildleder in Dunkelbraun für Loafer als Ersatz für Opera-Pumps würde ich auch noch nehmen, ist ja schließlich nicht die Scala. Die Herren waren durchweg eine Katastrophe, bis auf zwei Männer, der eine in korrekter Abendgarderobe und der andere in der Uniform der Intellektuellen, Rolli, Jackett, alles schwarz und gut sitzend und sichtlich teuer. Und ich rede gar nicht von zur Oper passender Kleidung, sondern einfach passende Kleidung, rein nach dem Motto: Gab es das auch in Ihrer Größe??
…doch müsste ich mich da heuer mit einreihen, mit meinen ungeputzten derben Stiefeln. Unten pfui, oben hui, das Make-up hat es wieder gerettet, danke Chanel.
Übrigens trug die Dame neben mir Chanel No 5. – ich nicht, ich trug Paris Paris, passend zum Sück.

Das erste Mal: Shopping bei CHANEL

Habt Ihr schon mal zugesehen, wie man einen fünfstelligen Betrag in anderthalb Stunden für Accessoires ausgibt? Ich schon – life is cheap, it’s the accessoires that kill you.

Also, Termin ausmachen am besten, oder spontan vorbei gehen – solche Luxusläden leben von Dir als Kudnen, also keine Scheu. Kaffee, Wasser und Konsorten sind ohnehi im Preis inbegriffen, die Frage ist ob man sich gleich zu Anfang betrinkt, um die Preisschilder ignorieren zu können. Apropos Preise, die sollte man nicht fotografieren, ich habe ohnehin nichts fotografiert, weil ich cool bin (Achtung Sarkasmus).
Die vorbestellten Taschen lagen bereit, um ausgewählt und adoptiert zu werden. Als die Verkäuferin über das Lammleder-Exemplar sagte, das müsse man sehr vorsichtig behandeln, in einer Menschenmenge lieber nicht damit durchgehen, und aufpassen mit Schlüssel sollte und eigentlich allem, rollte ich innerlich mit den Augen.
Fun fact, wer sich sowas kauft, hat das Geld auf für die anderen Taschen, die dann folgen, liegen die Dinger preislich im fünfstelligen Bereich, was auf entsprechenden kaufkräftigen Background schließen lassen kann.
Der Hype um Chanel Taschen ist allerdings abgeebt und man kann sich derzeit unkomplizierte seinen Handtaschentraum erfüllen, es gibt genug auf Lager! Liegt allerdings auch an den saftigen Preiserhöhungen der letzten Jahre, wobei die Zielgruppe sich davon nicht gestört fühlt.

Nach der Wahl der typischen Tasche in Caviar-Leder ging es um die Auswahl weiterer Accessoires – oder sollte ich eskalieren sagen? Kette, Ohrringe, Brosche, Armband und ein Seidentuch komplettierten perfekt die Tasche. Ein Träumchen. Jeans und Shirt dazu, Kostüm, Abendkleid – alles würde dazu gehen und gut aussehen.

Man sollte dazu wissen, für nicht Eingeweihte, dass Chanel Modeschmuck verkauft, und da ist außer dem Label nichts “preziöses” dran. Es gibt natürlich auch eine “fine jewelry” Linie, die man aber vermutlich nur unter dem Ladentisch oder auf Anfrage bekommt. Im Preisbereich von 500 Euro also keine Vergoldung und nur Strassteine – dafür entzückende Designs. Und wie gesagt: I don’t judge. Mensch muss eben Hardcore Fan von etwas sein, um das nachvollziehen zu können.

…und das Gefühl, mit der monströsen und schweren Tüte aus dem Laden zu stolzieren: Unbezahlbar.

Und so öffneten sich sämtliche Türen der Luxusboutiquen zügig und die Verkäufer*innen hatten alle feuchte Augen.
Dabei muss man wiederholt sagen, dass man den Leuten in den Luxusboutiquen nicht unbedingt das Geld ansieht – Hamburg eben. Wir lieben Understatement. Es ist eher das Selbstverständnis, mit dem frau ein paar Schuhe für tausend Euro anprobiert und sich sehr höflich und nett bei der Verkäuferin bedankt.

Übrigens geht es danach zum Bezahlen in einem Séparée – I kid you not, denn schließlich muss ja nicht jeder um einen herum mitbekommen, wieviel Geld mensch ausgegeben hat. Und man kann sitzen, was wohl ganz gut ist.

Nach der Rundtour ging es dann in eine Seitenstraße, wo das kostbare Gut für weiteren Transport in eine riesige Aldi – Tüte verstaut wurde. Japp.

Meine Lektion aus dieser Erfahrung:
– Die Sachen sind qualitativ das Geld nicht wert. Der Dopamin-Kick hingegen ist monströs.
– Wir sind alle Konsum-Opfer, ich nehme mich da nicht aus, egal wie sehr ich versuche das zu rationalisieren. Ich hätte im Zweifel das Geld genommen, aber die Tasche hat mir trotzdem gefallen, und die andere auch.

Für alle, die mich gerne als Beraterin bzw. Personal Shopper buchen wollen: Nein, Chanel und Hermès sind nicht meine reguläre Shopping-Wiese, das ist zu einfach, wobei ich da meine Fashion-Kompetenz auf internationalem Niveau ausleben kann – was trägt man in Mailand, was trägt man in Dubai, was trägt man in Houston?
Dennoch, ich finde nach wie vor: Die Mischung macht es. Ordentliche Qualität, nicht unbedingt Labels, und hier und da eine wohldosierte Prise Luxus *sprinkle sprinkle* – ich kann halt auch C&A, nicht nur Chanel.

Das erste Mal: Mutter allein’ zuhaus’! – Edited

EDIT Mai 2023:

Nun habe ich mir vorgenommen, alte Beiträge zu nehmen und ein Update dazu zu schreiben. Zufällige Auswahl. Ein Blog ist ja nicht unbedingt ein Tagebuch, obwohl es draus entstanden ist, sondern etwas was sich primär dadurch von reinem Publizistentum unterscheidet, dass man es kommentieren kann. Sonst kann man einfach eine Zeitung rausbringen… und wenn heute Zeitungen Kommentare zulassen, nur aus dem rein technischen Grund, dass dadurch die Reichweite erhöht wird. Ist hier nicht anders, allerdings habe ich tatsächlich Interesse am Austausch mit anderen, wenn diese auch zunehmend auf anderen Plattformen geschieht: Twitter und Instagram, wo mich die meisten Kommentare zum Blog mittlerweile per DM erreichen, ist halt schneller.

Ganze acht Jahre ist der Beitrag jetzt her – and little did I know! Weiterlesen…

Das erste Mal: Paralleluniversum Landwirtschaft

DISCLAIMER: Paralleluniversum bezieht sich auf mich, die von Landwirtschaft nichts weiß.

Heute habe ich mal richtig erfasst, dass ich seit knapp 20 Jahren in Niedersachsen wohne, und natürlich auch schon seit 44 Jahren landwirtschaftliche Produkte konsumiere. Wie es sich für ein richtiges Stadtkind und für eine “Intellektuelle” gehört, habe ich so richtig keinen Plan davon, was dieses ganze Essen und Zeug alles ist und wo es herkommt. Heute habe ich mir mal wieder belustigt bis ernsthaft, wenn auch nicht erbittert, die Frage gestellt, warum ich nicht “was richtiges” gelernt habe.

Es ist keine Lebenskrise, aber es ist krass seltsam, aus seinem Social Media- und Buchmenschen- und Klamottenkram mal richtig runter geholt zu werden. Und da stehste auf dem Acker, und der Häcksler und das Dingenskirchens dazu tanzen gemeinsam Ballett auf ein Stück Dauergrünland (da wächst Gras und so), um das Winterfutter für die Tiere reinzuholen.
Natürlich kam hinzu, dass wunderschönes Wetter war und milde Sonne – ich denke der Alltag in Norddeustchland ist in Wahrheit geprägt von fiesem Regen, bleierner Müdigkeit und durchdringender Feuchtigkeit in den Knochen bei einer de facto 7-Tage-Woche.

Während ich vor diesem Häcksler stand, und ehrlich, ich musste nachfragen wie man Häcksler schreibt, kannte die Dinger nur aus dem Spielzeug-Laden,- Modellbau Fahrzeuge anyone? und absolut nicht wusste, was das ist, natürlich völlig unbeeindruckt* von der Größe des Gefährts, erklärte mir meine Begleitung, welche Gräserarten ich da gerade mit meinen 400Euro Designer Schuhen niedertrampelte. Ich habe zwar Biologie als erstes in der Schule abgewählt, aber hätte ich dort wirklich gelernt, dass es zig verschiedene Gräserarten gibt? Vermutlich nicht, und hey, heute habe ich mal namentlich mit meine Allergenen Bekanntschaft gemacht.

Der Landwirt Thomas lud auch noch in den Kuhstall ein – vorbei an den ganzen landwirtschaftlichen Fahrzeugen und rein zu den Kälbern. Große, kleine, riesige Kühe. Und da stehe ich, mit meinem Burberry Seidentuch und roter Jacke, und werde von diesem Kälbern freundlich abgeschleckt, völlig eingeschüchtert die Hände in die Hosentasche, weil ICH Angst vor diesen Tierchen habe. Die haben nicht mal eine Kauleiste oben, davon mal ab, dass sie sich eher nicht für Menschenfinger interessieren. Und spätestens bei den “Babytieren” musste ich weg. Ich esse ja gerne Fleisch, und die Milchkühe und auch die Fleischkühe sind eben ein landwirtschaftliches Erzeugnis, das irgendwann auf dem Teller landet. Mit Liebe und Respekt, aber irgendwann trotzdem sehr tot.
Was mir allerdings imponiert hat, und das sehr sehr mächtig, waren die paar Leute dort, die mit traumwandlerischer Sicherheit diese Geräte bedienen, durch Kuhscheisse watten, mit einer Flex etwas abschneiden und dann reparieren, alles Dinge, die sich in 30 Minuten abspielen, und einfach Null, aber auch Null Allüren haben, wobei dieses das falsche Wort ist. Wenn ich jetzt authentisch schreibe, muss ich mich zwar selbst auf der Tatstaur erbrechen, aber das ist es.

Ich bin auch authentisch, eben in meinem eigenen Universum, und erstaunlicherweise kam ich mir da nicht fehl vor, denn ich war dort willkommen, weil diese Leute so offen und cool sind. Natürlich kam ich mir total bescheuert vor, mit meinen glitzernden Schmuck an den Fingern, der schicke neue Haarschnitt, und einer knallroten jacke, die noch unpassender nicht sein konnte. Ich hatte das Bedürfnis, mich auch schmutzig zu machen, und zumindest die Kälberspucke habe ich drangelassen. Das nächste mal schlecke ich zurück! Da werden die aber gucken! (Werde ich dann irgendwo eingesperrt??)

Vermutlich kann ich erst einmal kein Fleisch mehr essen, und jedes schnöde Brötchen wird jetzt eine eigene Lebenswelt sein, die man zu sich nimmt. Wie man hier Habermas reinbringen kann, als ob das relevant wäre! Kuhscheisse ist halt reeller, und manchmal braucht es hoffentlich auch solche Menschen wie mich, die Angst haben, ein Kalb zu streicheln, um diese Lebensrealitäten in Buchstaben zu fassen. Trotzdem, so zu arbeiten (und verdammt hart zu arbeiten) und so essentielle Dinge zu tun, was ist das für ein himmelsweiter Unterschied zu den unverhältnismäßig vielen Bullshitjobs!

Was mache ich hier eigentlich?! Es ist okay eine Bloggerin, Intellektuelle, Aktivistin und persönliche Stylistin zu sein – ich werde keine Grassorten(KORREKTUR: Gräserarten, Grassorten sind Kräuter zum Rauchen) Influenzerin LOL und Kalb&Kühe werden ein Randthema bleiben; dieses Parallelunviserum, dass aber das echte, eigentliche Leben darstellt, wird mich jedoch sicherlich noch beschäftigen. Ich darf nämlich wiederkommen und die Elisa, die dort mehr Feminismus und Gleichstellung lebt als in jedem Scheiß-Büro, wird mich auf einen diesen Monsterteilen mitnehmen und vielleicht kann ich dann auch endlich mal ein Tier anfassen. Kann wie in “mich trauen”. Wer wettet drauf?

*total fertig