All men

Wir haben keine Tischreservierung im Brauhaus, aber nach einem abschätzenden Blick auf unseren Schmuck bekommen wir einen großen Tisch zugewiesen, mit der Vorwarnung, dass sich andere später dazu setzen können. Im immer lauter werdenden Raum und mit Zunahme der nicht abgeräumten Bierkrüge auf unserem Tisch, werde ich zunehmend abgelenkter und beginne, den Raum zu beobachten. Meine sehr schöne Freundin wird von diversen Tischen beäugt, redet aber weiterhin konzentriert mit mir. Ich höre zu, während ich weiter den Raum scanne und zwischendurch auf Leute aufmerksam mache.
Ein Paar setzt sich zu uns, die Dame neben mir, der Partner ihr gegenüber, im respektvollen Abstand zu meiner Freundin. Wir fangen an zu reden und stellen fest, dass die Dame ebenfalls aus Hamburg kommt. Mehr Bierkrüge, eine Gruppe kommt und die Dame verabschiedet sich zu ihren Freund*innen, während der Mann sitzen bleibt, nun in einer Unterhaltung mit meiner Freundin vertieft. Es ist sehr laut, ich verstehe das Gespräch akustisch nicht und lehne mich etwas zurück. Der Mann sitzt mir nun gegenüber und hat sich Richtung meiner Freundin körperlich über den halben Tisch ausgebreitet. Nicht bedrohlich, sondern sehr.. interessiert. Hochgradig irritiert beobachte ich seine aufgerissenen Augen und den nach vorne gelehnteen Oberkörper, die Arme kurz davor zuzugreifen. Meine Freundin hat offensichtlich kein Interesse und wirkt gelangweilt, ohne seine Avancen auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Der Typ schiebt ihr einen Zettel mit einer Telefonnummer zu, ihren Namen hat er schon erfragt. Steht auf und geht zur seiner Lebensgefährtin (!!) zum Tisch und ward nie wieder gesehen. Verblüfft frage ich meine Freundin, ob er sie vor den Augen der Lebensgefährtin angebaggert hat, nur um mir zu bestätigen, was ich dort gesehen habe.

Die Dunstabzughaube geht geräuschvoll an und das dazugehörige Rohr bläht sich auf. “Sehen Sie, die funktioniert doch!” sagt der Eigentümer geringschätzig. Ich halte die Hand darunter, spüre nicht den Hauch eines Luftzugs, will ansetzen und antworten, als mein Mitbewohner einschreitet: “Ja, das Rohr zieht es ja ab wenn es sich bewegt, und da ist auch der Kaminschacht.” Ungläubig drehe ich mich um, und bleibe sprachlos.

Wutenbrannt schleudert sie ihm alle Worte entgegen, in allen drei Sprachen, die sie kennt. Es ist ein Versöhnungsgespräch, begleitet von Freunden. Der Mann kniet auf den Boden und bettelt “lass mich zurückkommen, wir sind doch eine Familie, ich will die Kinder sehen”. Minuten zuvor hat er gestanden, drei Affären mit Kolleginnen gehabt zu haben und auch in der Zeit, wo er auswärts gearbeitet hat, mit einer anderen Frau Sex gehabt zu haben “es war nur Sex”. Sie ahnte, dass er sie bescheißt, und hatte schon längst einen Plan, aber das zu hören, die wahren Ausmaße, dazu die verlogenen Tränen während er sein Gesicht auf ihr Oberschenkel legt, als sei sie Mutter Maria. Wie lange hatte er sie angelogen? Sie, die schon von ihrer Familie gewarnt wurde, sie sei zu gut für ihn? Sie steht auf, schreiend, stößt ihn weg – der andere Man zieht sie zurück und hält sie fest, während Scham und Unglauben aus ihrem Mund erbrechen. “Hey, lass ihn in Ruhe!”

Das sind kleine Sachen. Es sind die Lügen, das Wegschauen, der Vertrauenbruch. Männer, die andere Männer schützen, statt das Opfer. Es sind Männer, die bei misogynen Witzen unangenehm berührt schweigen. Die wissen, dass ihr Kumpel die Frau, die vor ihnen sitzt, betrügt. Die lieber anderen Männern zustimmen. Die Bibelzitate bringen, nach der die Frau den Mann verführt hat, weshalb er unschuldig sei.
Es sind Männer, die eine emotional verletzliche Frauen zu Sex überreden, und ihr Zögern abtun. Männer, die sich nicht einmischen wollen, weil es sie “nichts angeht”. Männer, die ihre Partnerinnen hassen. Männer, die Leichen missbrauchen. Männer, die Verbrechen zusehen. Männer, die ihre Macht missbrauchen. Männer, die andere Männer vergewaltigen, schlagen und umbringen.

Alle Männer. Ich kenne Männer, für die ich früher meine Hand auf die Herdplatte gelegt hätte. Aber würden sie sich auch einmischen oder doch wegschauen? Würden sie Angst haben, den anderen Mann zu “verraten”? Welcher Mann würde wirklich auch vermeintlich kleine Missstände benennen?

“Vertraue keinem Mann” sagt meine Freundin, während sie sich aufmacht. Ich lache höhnisch und werde ernst: “Was machen wir mit unseren Söhnen? Ich habe wirklich Angst, dass sie zu Frauenfeinden werden, gerade weil und wenn sie so starke Frauen wie uns als Mutter haben.” Sie rollt mit den Augen. “Quatsch.”
Sie ist jünger als ich, ich frage mich innerlich ob es ein Generationenproblem ist, während sie schon halb aus der Tür ist. Boomer, Millenials, Gen X. Wann verstehen Männer, dass Frauenfeindlichkeit lediglich ein Instrument ist, um sie gefügig zu halten? Damit sie in den Krieg geschickt werden können? Damit sie sich immer über jemand erheben können, als Ablenkung davon, dass sich andere Männer in Wirklichkeit schon lange über sie erhoben haben?

Ich nehme die Vorhänge ab und stecke sie in die Waschmaschine. “Das Problem ist nicht, was du getan hast, sondern was du nicht getan hast.” Diesen Satz habe ich diese Woche gesagt, getextet, gedacht.

Das Problem ist, was du nicht getan hast.
Meine Vorhänge hängen jetzt höher, sie passen zum Teppich.

Kunst wird uns nicht retten

Kunst ist die Antwort, war ich der Meinung, die Lösung, ein sine qua non, es wird uns retten. Es rettet vielleicht mich persönlich, aber genauso wie Wissenschaft die Welt nicht rettet, wird Kunst es auch nicht tun können.

Kunst und Wissenschaft bleiben Notwendigkeiten, doch sind sie schon immer, wenn man ehrlich ist, eine genuine Form von Ungerechtigkeit.
Wer kann sich Kunst und Wissenschaft leisten?
Welche Personen sind sich ihrer Privilegien bewusst und setzen sie für mehr Gleichheit ein?
Wie kann Kunst und künstlerische Tätigkeit, dem Menschen immanent, zugänglicher gemacht werden?

Wie immer lautet die Antwort: GELD. Geld in Schulen für Kunstunterricht, Geld in Kulturinstitutionen (nicht um es Intendanten in den Arsch zu blasen!) für kostenlose Eintritte, Geld für Angestellte, damit nicht nur Erb*innen sich solche Jobs leisten können.
Und nein, Kommerzialisierung ist nicht der Weg dazu.

Kunst, und Wissenschaft eigentlich synonym, sind grundlegende Infrastruktur, genau wie Gesundheit oder Wohnungsbau. OOps, habe ich den Finger in die mittlerweile schon kurz vor Sepsis stehene Wunde gelegt?

Wahlkampf in Lüneburg – Kompetenz oder Cholerik?

…neuerdings sind Oberbürgemeiserin-Wahlen in Lüneburg und die Stadt ist plakatiert mit allerlei inhaltsleeren Plakaten mit Gesichtern. Der wahre Wahlkampf findet in der Lokalzeitung und auf Social Media in den Kommentarspalten statt, wie mir Instagram zeigt.
Ich habe sogar das Höllenportal Facebook geöffnet, um mir einen Eindruck zu verschaffen, denn die meisten Menschen hier sind keine Millenials mehr, und man muss die größte Wählergruppe natürlich auch dort einfangen.

Ich finde, dass so ein Kuhkaff ein Miniaturbiotop ist: Hier sind alle privat und geschäftlich verzahnt, jede*r kennt jeden und Politik und Wirtschaft – naja, in anderen Ländern ist es Korruption, hier nennt man es “Netzwerk”. Das wirklich Schlimme ist: Es ist ein Männernetzwerk und DU KOMMST HIER NICHT REIN. Schaut man in die schMerz Regierung, findet man das selbe Konstrukt, nur dass die Beträge, um die es geht, viel mehr Nullen haben. Es sind ja auch mehr Nullen da LOL.

Zuletzt habe ich in Lüneburg die grüne Kandidatin gewählt, Claudia Kalisch. Der Grund ist einfach: Wir haben einen gemeinsamen wissenschaftlichen Background, und sie ist eine Frau. Für mich ist der Zug abgefahren, aber unsere Töchter brauchen Vorbilder!

Mich für diese Wahlen zu interessieren fing an, als ich auf Instagram las, dass sie ja die letzten Jahre nix hinbekommen hätte. Sollte ich meinen Augen ntrauen? Ich sehe doch die Dinge?!
Fast forward vier Jahre später sehe ich als unbedarfte Person die Dinge, die in der Stadt passiert sind: Grünflächen, Spielplätze, Radwege, soziales Miteinander im Blick. Oberbürgermeisterin sein bedeutet offenbar permanente Sichtbarkeit, permanentes Arbeiten – ich habe sie sogar einmal kurz live gesehen. Auf einem SA, wo sie eine kleine Rede für Schüler*innen hielt und dann zu nächsten Termin sauste. Krasser Energiepegel, und super nett.
Weil ich neugierig bin, habe ich sie dann auch mal ernsthaft gestalkt, und war bei einer Veranstaltung, wo sie den Habeck inhaltlich und rhetorisch in die Tasche gesteckt hat. Klaro, sie ist eine Umweltwissenschaftlerin, heute vollmundig Nachhaltigkeit, und hat einen MBA in Wirtschaft. Da ich den Lehrstuhl kenne, weiß ich dass sie Haare auf den Zähnen haben muss, da wird einem so gar nix geschenkt.

Meine dann doch etwas längere Recherche ergab, dass ich drei Dinge aus dreißig sehe. Wie immer sind die Dinge an mir vorbeigegangen, weil es sich um wenig sichtbare Umweltschutzdinge handelt. Nachhaltigkeit ist kein sexy Stichwort mehr, und so bekam ich nicht mit, dass etliche Piloprojekte ausgerollt wurden. Dann so Sachen mit Ganztagesbetreuungin Grundschulen, igitt! Wie kann sie nur?! Sie ist dann auch noch Vizepräsidentin des Städtetags, der größte kommunlae Verband, die tatsächlich auch in der Gesetzgebung mitmischen. Sonst hätte ich keine kostenlose Ganztagsbetreuung, das hat sie tatsächlich durchgedrückt, – weil sie weiß, wie sch*** es ist wenn das verdiente Geld für die Kinderbetreuung abfließt. Männer would never. Aber wieso kriegt man so wenig über die umgesetzten Sachen mit??
Es ist sehr einfach: Die lokale Medienlandschaft sind alte weiße Männer, die wollen sowas nicht, und als ich gestern an einem Ferrari mit Lüneburger Kennzeichen vorbeiging, war mir auch irgendwie klar, warum.

Dann habe ich mir aber auch die anderen Pappnasen, ich meine Kandidate*innen, angeschaut: Der eine ist ein Tech Bro und hat sich scheinbar Peter Thiel als Vorbild genommen, heillos überfordert. Ein wohl kompetenter, aber mir persönlich ungeheuer unsympathischer CDU Dude. Die SPD? Eine weitere Frau, eine alte Häsin im Geschäft, kann aber nicht sagen wofür sie steht, das ist momentan ein großes Problem der SPD…
Spannender wird es, wenn man die Leute schon kennt: Der stets politische ehemalige Kommilitone, der windigerweise mal so eben die Partei wechselt. Der Choleriker, der unglaublich gut vernetzt ist und dessen Parteilosigkeit scheinbar braune Spurenelemente enthält und dessen Kugelschreiber in allen Briefkästen der Stadt gelandet sind.
Es ist ein Miniaturabbild unserer Zeit: Die Inkompetenten, die Vernetzten, die nach Oben-Gelobten, die Windigen, die überqualifizierten Frauen.
Wenn man als Frau Karriere gemacht hat, oder es versucht hat, kennt man diese Menschen, die ekligen Blicke und die noch ekligeren Gespräche, die man abends abduscht. Als Politikerin musste sich die aktuelle Bürgermeisterin öffentlich!! über ihre Scheidung rechtfertigen. ALTER. Währenddessen wird der Kumpel von dem anderen Kumpel medial gepusht, um dann als Mann allen ernstes Dinge von sich zu geben wie: Er dürfe ja Sonntag ausschlafen und seine Familie würde das ja alles mittragen. Es lebe das gute, alte Patriarchat, der Mann hat seinen Spaß, während ihm einen nicht weiter benannte Frau den Rücken freihält. Illustration dazu: Er mit seinem Thronf… Sohn. Solche Leute habe ich ja gefressen.

Natürlich wähle ich wieder die Frau, die offensichtlich Sonntags aufsteht, sich nicht zu fein ist vor Grundschulkindern zu sprechen, Ganztagesschule ermöglicht hat, und dessen Haare ich unglaublich beneide. Sie ist eine Frau, die es “geschafft” hat, und was mir besonders gefallen hat: Die ihr Rampenlicht auch teilt. Send the elevator back down – die wirklich mächtigen Frauen machen genau das.

Was ich noch gelernt habe: Entsiegelung, also das Entfernen von betonierten Flächen, Begrünung und Moore sind die paar Sachen, die unseren Arsch in der Klimakrise retten können, wenn wir sie angehen. Danke hier an den Landratskandidaten Torsten Franz und Professorin Vicky Temperton, wo ich ein Gespräch belauscht habe. Guerillabegrünung auf die Lehrpläne!

Der sozioökonomische Wert von Frauenkörpern im Kapitalismus – Dünn oder dick

Ich schreibe das, während ich nebenher ein paar Kekskrümel auf die Tastatur verschmiere; und ich schreibe, nachdem ich die Gästinnen der Chanel Modenschau gesehen habe.

Der Faschismus/Kapitalismus hat ein großes Interesse an einer schwachen Frau – zum einen physisch schwach, aber auch ökonomisch schwach. Irrsingerweise weist exakt dieses Diktat des Dünnsein auf zwei Dinge hin: Die Wertschöpfung der Frau ausschließlich aus einem physischen Aspekt. Der Körper ist das Kapital. In jedem Alter – zeigt auch Vanessa Paradis, deren Rippen an der Seite ihres Kleides hervorstechen. Sie ist schon lange Multimillionärin, doch ist und bleibt ihr Körper und Aussehen ihr soziales Kapital. Ihr ökonomischer Wert ist zwar davon schon längst entkoppelt, sollte man meinen, aber die Verknüpfung wurde hier nicht aufgelöst. Als westliche Vorstellung von dünnen Frauen als Schönheitsideal, ist das Dünnsein mittlerweile auch ein Attribut des Wohlstandes durch Zeit für Sport, durch Abnehmspritzen und ästhetische Operationen.

Ein Gruppenfoto chinesischer Unternehmerinnen, genauer gesagt Milliardärinnen auf der anderen Seite: Keine von denen ist dünn. Buchstäblich keine einzige. Denn: Es gibt offensichtlich eine ganze andere Kopplung zwischen dem sozialen und den ökonomischen Wert. Eine dünne Frau? Muss einem Mann gefallen, der dann für sie aufkommt. Eine finanzielle unabhängige Frau kann normal aussehen, muss sich nicht dünn hungern, da sie es schlichtweg nicht nötig hat, jemanden zu gefallen. In diesem kulturellen Kontext ist die sozioökonomische Verknüpfung also wer “dick” ist, ist reich. Dabei ist China auch stramm kapitalistisch und eine Diktatur, aber nicht faschistisch. Dafür ist das vorherrschende Schönheitsideal pädophil.

Genau hier schaffen es besagte Unternhemerinnen sich zu lösen – zwar sehen alle sehr gut aus, aber weder allzu stark erschlankt, noch allzu stramm operiert.
Hier wird ironischerweise das “zu sich stehen” und der normale Frauenkörper zu einem Symbol des Kapitals. Ist das dann noch ein feministisches Symbol?

Beides kann als feministisches Symbol gewertet werden, wenn es um Wahlfreiheit geht, aber beides kann gleichzeitig nicht feministisch sein, aufgrund der Systeme, in dem sie stattfinden, die beide kapitalistisch sind (westlich=faschistisch, chinesisch=Diktatur).

Tatsächlich fand ich es sehr interessant, aus meiner definitiv vom male gaze und westlich geprägten Sozialisierung mal raus zu gehen und mich zu fragen, was eigentlich dieser Kulturkampf um Körper für mich persönlich bedeutet.
Aus welcher Perspektive möchte ich meinen sich verändernden Körper sehen? Sollte ich das Altern in dem offensichtlichsten Aspekt, der Gewichtszunahme, anfangen zu bekämpfen? Die Betonung liegt auf Kampf, weil es mit aggressiven Mitteln geschehen müsste.

Die inhärente Frage hier lautet allerdings, ob und welchem sozioökonomischen Wert ich mir beimesse. Denn wenn man diesen Maßstab anlegt, denkt man das System mit – wenn man sich jedoch aus dem System zumindest gedanklich und identitätsmäßig rausnimmt, wäre diese Bewertung hinfällig und die emanzipatorische Kraft wäre frei gesetzt.

Und während ich ich schreibe, meine ich dich, und du.