Der sozioökonomische Wert von Frauenkörpern im Kapitalismus – Dünn oder dick

Ich schreibe das, während ich nebenher ein paar Kekskrümel auf die Tastatur verschmiere; und ich schreibe, nachdem ich die Gästinnen der Chanel Modenschau gesehen habe.

Der Faschismus/Kapitalismus hat ein großes Interesse an einer schwachen Frau – zum einen physisch schwach, aber auch ökonomisch schwach. Irrsingerweise weist exakt dieses Diktat des Dünnsein auf zwei Dinge hin: Die Wertschöpfung der Frau ausschließlich aus einem physischen Aspekt. Der Körper ist das Kapital. In jedem Alter – zeigt auch Vanessa Paradis, deren Rippen an der Seite ihres Kleides hervorstechen. Sie ist schon lange Multimillionärin, doch ist und bleibt ihr Körper und Aussehen ihr soziales Kapital. Ihr ökonomischer Wert ist zwar davon schon längst entkoppelt, sollte man meinen, aber die Verknüpfung wurde hier nicht aufgelöst. Als westliche Vorstellung von dünnen Frauen als Schönheitsideal, ist das Dünnsein mittlerweile auch ein Attribut des Wohlstandes durch Zeit für Sport, durch Abnehmspritzen und ästhetische Operationen.

Ein Gruppenfoto chinesischer Unternehmerinnen, genauer gesagt Milliardärinnen auf der anderen Seite: Keine von denen ist dünn. Buchstäblich keine einzige. Denn: Es gibt offensichtlich eine ganze andere Kopplung zwischen dem sozialen und den ökonomischen Wert. Eine dünne Frau? Muss einem Mann gefallen, der dann für sie aufkommt. Eine finanzielle unabhängige Frau kann normal aussehen, muss sich nicht dünn hungern, da sie es schlichtweg nicht nötig hat, jemanden zu gefallen. In diesem kulturellen Kontext ist die sozioökonomische Verknüpfung also wer “dick” ist, ist reich. Dabei ist China auch stramm kapitalistisch und eine Diktatur, aber nicht faschistisch. Dafür ist das vorherrschende Schönheitsideal pädophil.

Genau hier schaffen es besagte Unternhemerinnen sich zu lösen – zwar sehen alle sehr gut aus, aber weder allzu stark erschlankt, noch allzu stramm operiert.
Hier wird ironischerweise das “zu sich stehen” und der normale Frauenkörper zu einem Symbol des Kapitals. Ist das dann noch ein feministisches Symbol?

Beides kann als feministisches Symbol gewertet werden, wenn es um Wahlfreiheit geht, aber beides kann gleichzeitig nicht feministisch sein, aufgrund der Systeme, in dem sie stattfinden, die beide kapitalistisch sind (westlich=faschistisch, chinesisch=Diktatur).

Tatsächlich fand ich es sehr interessant, aus meiner definitiv vom male gaze und westlich geprägten Sozialisierung mal raus zu gehen und mich zu fragen, was eigentlich dieser Kulturkampf um Körper für mich persönlich bedeutet.
Aus welcher Perspektive möchte ich meinen sich verändernden Körper sehen? Sollte ich das Altern in dem offensichtlichsten Aspekt, der Gewichtszunahme, anfangen zu bekämpfen? Die Betonung liegt auf Kampf, weil es mit aggressiven Mitteln geschehen müsste.

Die inhärente Frage hier lautet allerdings, ob und welchem sozioökonomischen Wert ich mir beimesse. Denn wenn man diesen Maßstab anlegt, denkt man das System mit – wenn man sich jedoch aus dem System zumindest gedanklich und identitätsmäßig rausnimmt, wäre diese Bewertung hinfällig und die emanzipatorische Kraft wäre frei gesetzt.

Und während ich ich schreibe, meine ich dich, und du.

HAMBURGER STAATSOPER – Die große Stille, keine eine Oper

Der feste Kulturkritiker des NDR, Peter Helling, lässt wenig gutes Haar an diesem Stück, und ein bisschen schmunzeln muss ich schon, ich kann ihm aus seiner Warte als professionellem Kunst-Connaisseur recht geben.

Aber, aber!

Nun huldige ich der Kunst ganz anders, differenzierter und reflektierter. Natürlich nicht! Ich gehe zur Oper OHNE Hintergrundinformationen und begebe mich unwissend in die Hände der Künstler*innen und des gesamten Teams der Veranstaltung. Dazu zählen Garderobe und Bühnentechnik, alles, alles an dem Abend wird eingeatmet und erlebt. Wer intellektuelle Masturbation erwartet, möge woanders lesen, denn ich bin dessen überdrüssig.
Wir haben 2026 und die erste bürgerliche Oper Deutschlands, die Oper in Hamburg, erfüllt ihre Rolle genau in dieser Nische: Sie ist eine Oper für alle.
Und somit sind wir beim Thema: Die große Stille ist keine Oper und das sollte mensch auch nicht erwarten. Aber es ist ein guter Einstieg in die Opernwelt.

Das was es jedenfalls ist: Eine großartige Reise der Gefühle, ich hatte Spaß, wurde unterhalten und fand es gut, großartig sogar! Alle Register wurden gezogen, ich habe gegrinst, bewundernd die Augenbrauen hochgezogen, war aufgeregt, war abgelenkt (ich hatte Hunger!), war entzückt und auch mal gelangweilt. Inhaltlich sogar kurz richtiggehend getriggert, aber das ist zu persönlich.

Der Plot ist nicht sonderlich aufregend und ehrlich gesagt auch nicht so wahnsinnig unterhaltsam, wie er uns verkauft wird. Das mit dem Raumschiff, naja, ganz sweet, aber keinen “vom Hocker Reisser”, und dem Gesicht des Teenagers in der Reihe vor mir nach zu urteilen, auch nicht spannend. Bin froh, meinen Teenager dorthin NICHT mitgenommen zu haben.

Die Inszenierung fand ich trotzdem knorke, auch und weil da einige seltsame Komponenten waren. Zum Besipiel: Eine rituelle Anbetung bzw. Besingung, toll ausgeführt vom Chor; dazu eine Nahrungsaufnahme von Brei?? warum frage ich mich, das ist nämlich nicht gespielt gewesen, wie man denken könnte, nein, die Leute mussten sich wohl tatsächlich etwas reindrücken. Mich erinnerte das Ganze an das Hass-Ritual in Orwells 1984, was aber wohl dem geschuldet ist, dass ich das Buch derzeit lese.

Die Handlung kann gut verfolgt werden, die Darsteller*innen bekamen fünf Minuten ununterbrochenen Applaus, und die Bühnentechnik hat mal wieder 100/10 geleistet. Die Kostüme did some people dirty though.

Der Anfang ist erstmal ein bisschen Theater mit ein paar musikalischen Einsätzen. Dann folgt die eigentliche Oper: Apollo und Hyacinthus wurde von Mozart im Alter von elf komponiert und ist auf Latein. Man hat das Libretto etwas abgeändert und statt Apollo eine Außerirdische eingesetzt, die Aliena (höhö), die echt was für ihr Geld tun musste. Also während der Vorstellung musste sie richtig schuften: Ana Durlovski hat ihren Part mit Bravour gesungen, und ich fand sie sehr passend in der Rolle. Das abgefahrene Outfit war… abgefahren.

Weil es natürlich eine Liebesgeschichte ist, gibt es einen Bösewicht namens Zephyrus (ihr wisst schon, der Wind…), der diesmal weiblich ist: Kayleigh Decker. Ein bisschen queeres Rumgeknutsche durfte nicht fehlen und wurde vom Publikum mit einigermaßen Unbehagen quittiert, was mehr aufs Publikum schließen lässt. Ja, wir haben 2026 und ein knutschendes Frauenpaar erzeugt immer noch “EINE GROSSE STILLE” im Raum.

Als König optisch bestens geeignet, ist der Tenor Gregory Kunde vermutlich unterfordert mit der Rolle und wirkte ein bisschen abwesend, – hätte er nebenher noch Wäsche sortiert, hätte es gut gepasst. Der Australier Rebgetz, ein Paradiesvogel aka Performer, war sympathisch. Völlig unterschätzt der Bass Kowalczyk, der quasi nur zehn Sekunden sang, aber dafür die ganze Zeit durch die Gegend gurken musste, keine Ahnung wie er das hinbekommen hat, ach, das muss man selbst sehen!

Das Ganze geht sich lustig-interessant-keine Ahnung, hab’s nicht kapiert, aus, dazwischen gibt es allerlei kleine, spannende Komponenten, die natürlich dem versierten Operngänger bekannt sind, wie der Chor im Zuschauerraum oder der Dirigent auf der Bühne.

Ja, es ist keine klassische Oper, hier entzündet sich immer wieder der Streit, was muss eine Oper eigentlich bieten, wer ist die Zielgruppe und wie sehr drückt der wirtschaftliche Schuh – und warum Hamburg ein Dorf bleibt, dass Grandezza nicht nur IN der Oper fehlt, sondern auch im Publikum, und was genau das aber auch für Demokratisierung und breiteren Zugang zu Kultur bedeuten kann.

Könnte.

Dem ist nicht so: Oper und Kultur allgemein sind elitäre Betriebe, in dem ohnehin nur wenige viel Geld verdienen; die Konsument*innen von Kultur, die gerne unter sich bleiben, was auch beim jungen Volk so ist, die jungen “Intellektuellen”, das ist schon alles sehr klassistisch. Glamour, Glanz und Gloria – so ist die Realität nun mal nicht, und das ist auch gut so, aber bourgeois bleibt es, und zwar mit dem Geschmäckle des “open-minded” Anstrichs, was sich in der plakativ-performativen Ausübung von Diversität und gefakter linkspolitischer Ausrichtung zeigt.

Fazit: Ich fand’s großartig und sehenswert, eine gute Verbindung zwischen modern und klassisch, unterhaltsam und künstlerisch betrachtet auch “intelektuell” genug. Leider habe ich einen anderen Geschmack als das breite Publikum, sei es drum – wer noch hingehen kann, sollte!

Hamburgische Staatsoper: Monster’s Paradise


Wenn man im Zuschauerraum sitzt und sich fragt, ob man sein Methylphenidat besser durch die Nase gezogen hätte – dann hat Kunst was richtig gemacht. “…ich will auch, was die zum Frühstück haben!” murmelte ich zu meinem Sitznachbarn, der lachend erwiderte: Da ist schon genug im Leitungswasser (kleine Anspielung darauf, dass Informationen über Drogenkonsum in Deutschland tatsächlich aus Abwasserwerte gewonnen werden, Grüße gehen nach Frankfurt).
Disclaimer: Kunst ist die einzige legitime Droge.

Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth haben sich selbst inszeniert, in überlebensgroßer Form – was für eine Frechheit! Frauen!! Mittelalte und alte Frauen! Sie finden im Stück als Narratorinnen statt – in Form von Vampirinnen, die sonst eher nicht existieren, und zwar als junge und alte Vampirinnen. Jelinek ernennt sich gar zur Göttin (nicht: Gott) und begleitet ebenfalls in einer Videoinstallation durch das Stück.
EDIT: Die Video-Narratorin ist Charlotte Rampling. Habe ich nicht erkannt, bin keine Cineastin.

Wie immer startet die Inszenierung im Zuschauerraum mit einigen feschen Cheerleadern, eine davon ist eine Disney Figur. Ein paar textliche Plattitüden vorweg, die man ohne Übertitel leider akustisch nicht verstehen kann, ein bisschen Kakophonie und Musikmix, soweit so un-shocking das Entree des Stücks. Das Paradies des Monsters ist in Wahrheit Mar-a-Lago, Trumps persönlicher Sündenpfuhl. Trump ist auch Mittelpunkt der Inszenierung, er und seine Begleiter, das Böse in seiner Dreifaltigkeit: Der latent grenzdebile windeltragende, adipöse Donald, eine meines Erachtens sehr gut gezeichnete Figur JD Vances, und den dritten im Bunde habe ich anfangs nicht zuordnen können – eine Hitlerwitzfigur. Eigentlich sehr deutlich erkennbar, erkannte ich es nicht. Eh, es gibt sehr viele Hitlerwitzfiguren um Trump herum, weshalb man auf Nummer Sicher ging und sich direkt für das Original Adolf entschieden hat. Persönlich würde ich hier Peter Thiel ernennen, allerdings ist das jemand, der höchstens wegen seiner unheimlich schlecht sitzenden Kleidung erkannt werden würde. Kein Wiedererkennungswert, tja.

Sehenswürdige Mentions im Bühnenbild gingen an Mommy Dommy Melania Trump (hierzu ein bisschen Entertainment bei Ali Weiss https://www.instagram.com/aliweissworld/, und an Miss Piggy und Kermit, die einzigen, die nicht in den Epstein Files auftauchen. Diese überleben leider nicht.
Der Bär. Ja, den Bären habe ich vergessen, mein Beileid an den Mitglied des Zürcher Ensembles Ruben Drole, der in diesem wahnwitzig warmen Kostüm rotköpfig sein Debut in Hamburg gibt. Was der Bär soll? Kp, also kein Plan.

Haupthandlung: Die Trivialität des Bösen, also die drei Pappnasen, die sich erstmal eine halbe Stunde lang über Wahlergebnisse echauffieren und, sich dabei selbst vorstellend und darstellend, überhöhen, trifft auf die “monströse” Natur in Form des Monsters Gorgonzilla. Ein bisschen enttäuscht war ich schon, denn ich hatte mir ein übergroßes Monster vorgestellt. Mindestens drei Meter! Nun hat man allerlei Mittel benutzt, um zumindest ein Maßstab der Größe Gorgonzillas darzustellen, daher: Alles gut. Es ist ein sehr, sehr großes Monster, ja? Der Kumpel des Intendanten Rainer Sellmaier hat es echt, echt gut gemacht.

Nun hat selbst Gorgonzilla nicht so Bock auf Trump, und findet ihn selbst als monströses primus inter pares(Erster unter Gleichen, lat.) nicht geil. Übrigens, Zombies kommen auch zum Einsatz, falls jemand gerafft hat, warum und weswegen – ich wüsste es gerne. Leider bin ich eine arme Sau, die mit der Bahn fährt, was hinlänglich erklärt warum ich die Einführung verpasst habe. Und den Snack vor der Aufführung schaffte ich auch nicht, weshalb ich nach der Pause frecherweise ging, um meinen lautstark protestierenden Magen Erleichterung zu verschaffen.
So kann ich gar nicht weiter spoilern, wie nun die ignorante Bösartigkeit des Trios durch Gorgonzilla oder eine andere Gesellschaftsutopie aufgelöst wird.

Die Nachfrage für das Stück war und ist groß, das Publikum sehr aufschlußreich: Auffallend viele ältere Schwule, Szeneintelektuelle, wenige Stammgäste der Oper, die fluchtartig in der Pause den Saal verließen, und viele junge Menschen, die günstige Tickets ergattert haben, worüber sich die Vollzahler in den ersten Reihen sichtlich pikiert zeigten. Das weiß ich von den Studis, die ich überraschenderweise kannte, sogar aus erster Hand. Die Zombies durften auch in der Pause noch arbeiten, Chapeau an die Maske, das sah auch aus nächster Nähe echt eklig aus.
Hinderte mich nicht daran, mir politisch angemessen im Anschluss migrantisches Essen reinzupfeiffen, zubereitet von Ehepaar Kim. Die Reste habe ich um sieben Uhr morgens zum Frühstück verdrückt, denn das ist die einzige Droge die ich brauche, um so einen Artikel zu schreiben: Chilisauce und frittiertes Huhn.

Resümmee: Lustig, musikalisch gar nicht nervig, allerdings akustisch durchgehend unverständlich, Plot auch unverständlich, aber sehr cheek-in-tongue (haha, you see what I did there!) – wer politisch nicht auf den Stand ist, sich nicht in den sozialen Medien informiert, wird ganz viele Anspielungen nicht verstanden haben. Und hier liegt die Stärke des Stückes: Die Inszenierung als solche ist sehr gelungen, es ver-bindet alles toll zusammen. Das Bühnenbild und die Kostüme sind ausreichend symbolisch aufgeladen, so dass sie nicht mehr interpretiert werden müssen, und gleichzeitig als Überzeichnung bezeichnet werden können.
Trotzdem würde man Tobias Kratzer in den nächsten Jahren nicht zu einem Besuch in den USA raten. Hat er auch nicht vor, denn es gibt eine Station nach Hamburg, die noch attraktiver ist. You guessed right: Das Stück geht nach Zürich! Weil nicht alle diese Anspielung verstehen: Wenn man als schwule, weiße Person mehr möchte, geht man in die Schweiz. Mehr Geld, mehr Netzwerk. Ironisch genug, dass es ausgerechnet afd Weidel bestätigt.

Prüften wir das Stück nun nach “wokeness”, wie die Faschisten gerne sagen, es wäre mir als dezidierte Antifaschistin nicht genug. Es ist mir nicht einmal feministisch genug gewesen, aber das ist nun mal im weißen, Bürgi-Kontext der Autorin und der Komponistin so. Klassenkampf und Kunst lassen sich zwar nicht auseinander dividieren, aber nicht jede Kunst lässt sich darunter subsumieren.

Politisch betrachtet ist das eh so eine Sache: Das Stück zeigt mit großem, dicken geschwollenen Finger nach “da drüben”. Easy. Vor der eigenen Haustür kehren hingegen…

Wer EierSTÖCKE hÄt, wird das Stück mit schMerz, Spahn und Reiche inszenieren. Wer weiß, wenn wir den Faschismus, in dem wir drin sind, irgendwann hinter uns haben, wird es auch so ein Stück prospektiv geben – ob ich das allerdings noch erleben werde, steht in den Sternen. Nicht nur, weil die Erde vorher ein klein bisschen verbrennt, wie Monster’s Paradise bereits klimakritisch zurecht adressiert, sondern weil es sich zu lange ziehen könnte.

Denn trotz Beschneidung der Grundgesetze durch die aktuelle Regierung wird immer noch hart geleugnet, dass wir selbst ebenfalls schon längst zu Zombies in Monster’s Paradise mutiert sind.

Das erste Mal: Affordable Art Fair Vernissage Hamburg – der Baumarkt für Rentiers

Diesen Beitrag unter Kultur abzuspeichern tut mir schon fast weh, aber sei es drum, die eigenwillige Bubble, die sich dort herumtummelt, würde das als Kulturprogramm titulieren. Man kann sich ein Glas Wein oder gleich eine ganze Flasche kaufen, das sagt eigentlich alles. Das dritte male dass ich dieses Jahr Alkohol getrunken habe, denn nüchtern konnte ich mir das nicht geben.

Das Niveau der Kunstwerke ist okay, einiges ist fancy Baumarkt, einiges war wirklich gut, “echte” Kunst boten die drei Newcomerinnen an. Es ist eine gute Gelegenheit für Künstler*innen, Kunst loszuwerden, denn man muss ja auch von etwas leben, und “reich und berühmt” werden die wenigsten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Erfolg nichts mit der Qualität der Werke zu tun hat, sondern mit dem Netzwerk, zu dem man Zutritt hat.
Angenehm aufgefallen ist mir ein lithuanischer Künstler, der mich an frühe russische Expressionisten erinnert hat. Leider hatte ich keine 1600 Euro übrig für das eine Bild, aber wer hat:

Es ist natürlich so, dass man als Kunstkennerin schon einen Eindruck bekommt, welche Künstler*innen oder gar Werke als Inspiration dienten, man sagt auch, welcher Tradition sie folgen. Es gab viele Sachen wo ich die Augen gerollt habe, zwei haben mich regelrecht empört, und wisst ihr was? Exakt diese Sachen waren an dem Abend auch weg. Kommerzieller Erfolg > künstlerischer Erfolg, Kapitalismus sei Dank. Übrigens: beides Blümchen-Bilder.

Als ich vor einem Mohnblütenbild stand, dachte ich sofort an Baumarkt und “Love, Live, Laugh” Holzbuchstabendekor. Trivial ist nicht schlecht, hübsch ist nicht schlecht, aber es war wirklich auf Baumarkt-Niveau. Vielleicht ein Hauch japanisch, das war aber schon eine sehr wohlwollende Betrachtung. Nun ergab sich eine maximal peinliche Situation, denn am Ausgang traf ich ausgerechnet die einzige Person, die ich dort kannte, mit drei Bildern unterm Arm. Und was? Zwar nicht die schrecklichen bunten Blumen, die wirklich scheußlich waren und an Ostblock-Bettwäsche erinnerten, sondern die Mohnblumen! Und da hörte ich mich ungläubig sagen: Sie haben diese Baumarkt-Sachen gekauft?! Im Nachhinein ist das eine unglaubliche ignorante Bemerkung meinerseits gewesen, einfach weil es mir nicht zusteht.
Aber, wie mir mal jemand sagte: Geld und Geschmack treffen selten aufeinander. Quod licet bovis non licet iovis LOL Okay das war jetzt auch gemein, aber verdient.

Aber kommen wir zu den viel spannenderen Inhalten der Vernissage: Die Leute. Ich hatte mich extra nicht schwarz gekleidet wie sonst, und weil ich mit der Bahn unterwegs war, auch nicht schick gemacht, bis auf meinem knalligen Lippenstift. Oh, das war ganz und gar unpassend! Denn es war eine sehr schicke Veranstaltung, schicker als die Oper muss man sagen, aber in die Oper gehen vermutlich eher tatsächlich kulturell interessierte Menschen hin.

Die Dichte der Designerhandtaschen und Highheels war sehr hoch. Ebenfalls habe ich das erste Mal in Hamburg ordentlichen Schmuck gesehen, und ich meine damit nicht die ubiquitären Cartier Armbänder. Die Menschen waren alle sehr gut gekleidet und auch gut aussehend, eine herrlich eitle Menge. Natürlich einige junge Damen auf Männerfang, einige interessante queere Leute, aber kein Fußvolk – außer mir, die die Vernissage als Arbeitstermin verbucht hatte.
Modisch aufgefallen ist mir allerdings eine Sache: Lange Röcke, kaum Haut. Selbst die sexy Outfits wirkten züchtig. Keine dicken Menschen. Wenn wir also von Klassismus reden, dann ist es unmittelbar mit Fettfeindlichkeit verknüpft und auch mit Ableismus, herrliche Ambivalenz zu einer Ausstellung, die ausgerechnet “affordable” im Namen hat. Mir schrieb eine Followerin auf Insta: Fart Fair und… ja.
Nun wollte ich Kunst gucken, bekam stattdessen die Rentiers Hamburg zu sehen, und die harsche Realität des Kapitalismus: Stil, Geschmack, Bildung sind nichts wert ohne entsprechendes Kapital. Sind wir ehrlich, die guten Sachen lagen alle bei 6000 Euro aufwärts. Eine Skulptur, ein Bild aus aufgenähten Banknotenschnipslen, eine große Fotografie. Also, mit 20k wäre ich dabei gewesen, hätte allerdings entsprechende Arbeitsräume benötigt, um den Kram abzusetzen, wie sich das gehört.

Wer meinen Geschmack und meine Dienste in Anspruch nehmen möchte, ich bin buchbar, natürlich und gerade für Unternehmer*innen, die im Zuge eines fundierten Image Consultings von Outfit bis zur Kunst an der Wand eine kohärente Bildsprache wünschen. HMU sagt man im Internet: Hit me up!

Hamburger Staatsoper: Das Paradies und die Peri (ohne Spoiler)

Zusammenfassung für Eilige:

Wir haben Queerness, Klimapolitik, mehrere weibliche Hauptfiguren für den Feminismus, Kinderrechte, und das Thema des Willkomen geheißen werden, ein Willkommen für diese Themen und an die Menschen, die mit diesen Themen zu tun haben, nämlich uns allen.

Für Sie, für Euch, für ALLE… das Wort “alle” steht nicht umsonst im Mittelpunkt. Erinnerte mich natürlich an dem biblischen Zitat “Die Letzten werden die Ersten sein”, eine passende Dichotomie zum ursprünglich religiösen Motivs eines Oratoriums, wobei Schumanns “Das Paradies und die Peri” keine Oper, sondern ein weltliches und somit nicht-kirchliches Oratorium ist.

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Also!

Willkommen!

Willkommen in der neuen Ära der Hamburger Staatsoper, geführt von Tobias Kratzer als Intendant und Omer Meir Wellber als Generalmusikdirektor.

Genau um dieses Willkommen sein geht es in Schumanns Nicht-Oper, nämlich eine aus dem Paradies Gefallene wieder willkommen zu heißen, allerdings nicht ohne ein bisschen Arbeit. In diesem Falle Arbeit der Hauptfigur Peri und Arbeit der beteiligten Künstler*innen und gesamten Teams des Hauses, inklusive der Verwaltung im Hintergrund, die undankbarerweise unsichtbar und ohne Wertschätzung agiert.

Die Auswahl der Nicht-Oper #dasparadiesunddieperi, genauer des nicht-kirchlichen Oratoriums, noch genauer des musikalischen Theaterstücks, ist ein Marketingsstreich, den ich genial nennen muss.
Denn es geht heute schon lange nicht mehr um die künstlerische Leistung, falls es überhaupt jemals so war. Kunst war, ist und bleibt politisch. Und in Hamburg geht es heuer um eine neue Art der Vermarktung und Inszenierung des elitären und in Deutschland klassistischen Kulturzweigs Oper, und somit um das Geld, das die Oper einspielen soll.

FÜR SIE, FÜR EUCH, FÜR ALLE – das ist das neue Motto der Hamburger Staatsoper und damit verbunden die neue Ausrichtung. Angefangen mit einer neu aufgestellten Social Media Abteilung (sehr gute Arbeit, Chapeau!), gefolgt von politisch-kritischen und sehr deutlichen Anspielungen in der Bildsprache, sowie eine optische Verjüngungskur der Corporate Identity, will Kratzer vor allem ein junges und diverses Publikum anziehen. Warum? Die, die heute mit günstigen Tickets in die Oper gehen, sind die, die später die teuren Tickets kaufen. Er spricht sogar Eltern an, sehr klug. Das ist natürlich der betriebswirtschaftliche Aspekt, und den darf ein Intendant nicht vernachlässigen. Darüber hinaus ist sichtbar viel Herzblut in die künstlerische Arbeit geflossen, das wird man ohnehin explizit goutieren.

Zusätzlich stellt sich die Oper weniger konservativ und nahbarer dar, durch Afterpartys mit DJs und eine dreitätige Eröffnungsparty, zu der auch die Premiere mit eigenem Hashtag #dasparadiesunddieperi gehört. Dazu gab es in Hmaburg eine Flut bunter Plakate mit Personen, in denen sich das Publikum wiederfinden soll. Das Plakat mit einer Schwarzen Dragqueen war auch richtig schön catchy.
Nur das neue Logo verstehe ich nicht, wobei es mir gefällt und symbolisch was hergibt, aber ich will mich an dieser Stelle nicht zu weit aus meinem Semeiotik-Fenster lehnen.

Von alldem oben genannten lasse ich mich bedingt blenden, dafür war ich selbst zu lange im politischen Marketing, und hinterfrage einige Dinge*, doch ich kann Respekt zollen, wem Respekt gebührt. Tobias! Chapeau! Sollten dich die alteingesessenen Kritiker NICHT feiern, dann hast Du erst recht alles richtig gemacht.

Und damit kommen wir zum Stück. Hier kann ich ein bisschen besser erläutern, was genau der Marketingplot ist und welche politischen Botschaften gesendet werden. Eine Sache im ersten Teil muss ich unterschlagen, die sonst ein Spoiler wäre. Selber hingehen! Ich hoffe, das Geheimnis bleibt gewahrt. Weiterlesen…