Die Aufmerksamkeitsökonomie ist tot

Der Titel ist Ragebait in schlechter journalistischer Manier, oder doch nicht? Dank künstlicher Intelligenz und der Vermüllung des Internets, als KI-Slop bekannt, wird es zunehmend schwieriger, Inhalte zu finden. Googlen ist als neue Kulturtechnik bereits schon wieder obsolet, möchte mensch meinen.

Social Media als genuine Plattform der Aufmerksamkeitsökonomie zeigt derzeit sehr eindrücklich, wie es sich um unsere Welt verhält: Wir haben Rezession, Endzeit-Faschismus und auf der anderen Seite ein Erstarken der Gegenkultur. Was allen gemein bleibt, ist allerdings eine Sache: Die Loslösung von Fakten und Realität, ersetzt durch die Nutzung von Emotionen.
Politisch gewählt wird eh schon nach Gefühl – Wahlkampf wird demnach auch so betrieben. Verkauft wurde ja schon immer durch Gefühle, jetzt ist es mittlerweile so, dass man sich fragt, ob man überhaupt noch eine Dienstleistung oder ein Gegenstand bekommt, oder nur “das Erlebnis”. Die Handtasche für 10k ist nur durch emotionalen Gegenwert zu rechtfertigen: Die Aufmerksamkeit die man dadurch bekommt und das Statussignal. Das wissen wir, kaufen trotzdem oder erst recht deswegen. Informationen? Igitt! Lieber am Handy weinen oder wütend werden.

Durch eine intensive Recherche (nennt sich auch Mediensucht) auf Instagram ist mir aufgefallen, dass Storytelling mittlerweile kein Geschäft mehr ist. Der Aufbau aus originärer Geschichte, aus dem “Gegner” oder gemeinsamen Feind, aus der Lösung, gefolgt vom Versprechen einer zukünftigen Verbesserung – also eine klassische Verkaufsstrategie – wird mittlerweile durch massive, vermeintliche Selbstentblößung und der ubiquitären Authentizität verkauft.
Das hat bislang fantastisch funktioniert.
Nun machen aber alle das Selbe, und man kann sich mit ein Tausend Menschen identifizieren – wen will man da auswählen? Richtig, alle und keinen. Die Überflutung mit egal was, der Kampf um Sichtbarkeit, er kulminiert in Bedeutungslosigkeit für alle – und leider auch für die Themen.
Wir Content Creator und Dienstleister sind alle so nischig, so cool, so besonders, dass wir es alle nicht mehr sind.

Die Aufmerksamkeitsökonomie ist so stark an Sichtbarkeit gekoppelt, dass ihr Ende quasi durch zwei große Angriffe derzeit vorprogrammiert ist: Alle sind gleichzeitig sichtbar, und alle gleichzeitig sind nicht konsumierbar.

Google als Suchmaschine existiert nicht mehr, und damit haben wir ein großes Problem. Ja, es gibt auch andere Suchmaschinen, aber hier geht es um die große Krake 🙂

Ein großes Problem. Denn das WWW wächst, und hat auch immer noch gute Inhalte. So viele Dinge sind digitalisiert und kostenlos zugänglich, besonders im Kulturbereich sehen wir das immer mehr. Oper und Ballett sind digital zugänglich, kostenlos – wenn es auch nicht das Erlebnis zu 100% abdecken kann, ist es nichtsdestotrotz ein Zugang zu Kultur, der vorher nicht da war.
Doch wie finde ich die unabhängigen Inhalte, die mir beispielsweise nichts verkaufen, sondern kritisch informieren? Denn ganz sicher wird eine von weißen Männern programmierte LLM und ihre mit eingebauten Vorurteile bzw. *ismen mir nicht das gewünschte Ergebnis liefern.
Wer da jetzt sagt, es wäre aber auch “confirmation bias”, also ich würde nur nach etwas suchen, was meine Meinung bestätigt, bestätigt leider auch mangelnde mediale Kompetenz, denn man braucht bekanntlich entweder verschieden Quellen, oder akkumuliert selbst genug Wissen, um ein Urteil daraus abzuleiten. Und da sind wir wieder beim Problem der Aufmerksamkeitsökonomie: Wir akkumulieren am Ende das, was uns serviert wird, und das kann ganz interessante Ergebnisse haben. Einmal ein Horoskop Video geschaut, zack ist alles voll mit Tarot, Lebenscoachings und Achtsamkeitstipps gespickt. Einmal was anderes geschaut, sagen wir mal Bienenzucht, schon steckt man tief in der Agrikultur. Meine Aufmerksamkeitspanne ist schon so frittiert, dass ich nicht mehr weiß, was ich eigentlich gesucht habe oder wissen wollte, aber ich weiß jetzt alles über Uranus und Merkur und Transite und chinesische Sternzeichen. Kann sein, dass ich Stiefel gesucht habe.

Daraus entstehen so mannigfaltige gesellschaftliche Probleme, dass mein Kopf explodiert. Ich will daher nur eines rauspicken: Medienkompetenz. Medienkompetenz für Erwachsene und dann deren Kinder. Gibt es nicht, haben wir nicht, wird nix. Als Gen X habe ich das WWW maßgeblich mitgestaltet, und habe trotz Forschung in dem Bereich mittlerweile subjektiv gar keinen Plan mehr – je mehr ich weiß, desto mehr sehe ich, was ich nicht weiß.

Medienkompetenz wird eher nicht kommen. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass wir Regulierung brauchen. Da sind Deutsche ja so gut darin, das kann nur nach hinten losgehen, aber es könnte als Europäische Union, also mit und durch die Kompetenz anderer Länder funktionieren.

Damit würde man die Aufmerksamkeitsökonomie interessanterweise wiederbeleben, denke ich. Doch dem steht diametral entgegen, dass gerade diese Aufmerksamkeit das immerwährende Gold der Tech-Konzerne und auch das Mittel der Manipulation jede*r ist. Die momentane Steuerung geschieht durch Masse, das ist ein Werkzeug des Faschismus, das historisch bekannt ist. Viele schlimme Neuigkeiten, die Angst bescheren, viele Lügen, die so massiv sind, dass sie wieder glaubhaft wirken, und eine immer schneller werdende Taktung, das Fälschen der Vergangenheit, wie man es nochmal schön in Orwells 1984 erklärt bekommt, das sind alle bekannte Werkzeuge.

Aufmerksamkeit an sich hat einen Sinn, und es ökonomisch einzubetten war im Kapitalismus eine logische Entwicklung. Während also alles den Bach runtergeht (Achtung, Manipulation durch Angst!), was wird uns retten? Eine andere Suchmaschine? Bücher?? Die Kirche?

Ja.

Ich habe keine Ahnung. Aber eine Vermutung.

Mehr Antisemitismus – MET Gala ehrt Galliano

Die mittlerweile verstorbene Journalistin Marija Latković, derer Familie ich weinend gedenke, hat vor einiger Zeit, schon bevor ich den Faschismus endgültig erkannt habe, auf den stark aufschwellenden Antisemitismus aufmerksam gemacht. Ich hatte das zunächst nicht wirklich verstanden, da es mich nicht betrifft und ich im nächsten Umfeld keine jüdische Personen hatte, aber dies hat sich nun geändert. Sowohl das Verständnis als auch die Menschen.

Ich habe dieses Jahr die MET Gala quasi boykottiert bzw. explizit nicht erwähnt, anlässlich meiner #eatttherich Haltung. Das haben alle anderen sehr schön und auch besser getan, die visuelle Grausamkeit und die symbolische Bedeutung dieser Veranstaltung zu rezipieren und zu interpretieren, und vielleicht habe ich das auch nicht, weil es schlichtweg langweilig war.
Doch nach dem Besuch in Bayreuth kann ich meine Augen nicht weiter verschließen.

Nun muss ich hier anmerken, dass das WWW mir einen Kontakt zur MET verschafft hat, nebst anderen Nettigkeiten wie Zugang zu amerikanischen Medien, und so musste ich lediglich recherchieren, ob die Quelle vertrauenswürdig ist. Kann denn die Biographin von Galliano eine gute Quelle sein? Dana Thomas besitzt das größte Archiv seiner Entwürfe und generell “Zeugs” von ihm – sicherlich keine kritische Stimme, möchte man meinen. Persönlich begegnet ist sie ihm auch, natürlich. Sie schreibt auf, was sich Galliano in seiner Karriere seit 1997 schon alles geleistet hat: Nackt Aufzüge blockieren ist natürlich das Highlight!

Weit gefehlt, sie ist sogar ausnehmend kritisch:
https://www.nytimes.com/2026/08/06/opinion/met-gala-galliano-antisemitism.html

Hier ist ihr Insta, da gibt es die Videos dazu, die mich auf das Thema aufmerksam gemacht haben.
https://www.instagram.com/danathomasparis/?hl=de

Galliano soll im MET eine Sonderausstellunge bekommen und Thema der jährlichen Ausstellung des Costume Institutes mit dem Gesamtwerk sein, damit eine sehr große Ehre und historisch wichtige Dokumentation des Œuvres. Diese bekamen bislang nur zwei kontemporäre Designer: Rei Kawakubo in 2017 und Yves Saint Laurent 1983.

Galliano fand ich persönlich nie gut, umso mehr wenn man die kulturellen Einflüsse seiner Kreativität unter dem Aspekt des geistigen Diebstahls bzw. der kulturellen Aneignung betrachtet. Inspiration, Transpiration, Obsession, es tut mir leid, können wir aufhören, Künstler (absichtlich nicht gegendert), ihre Sucht und ihr mißbräuchliches Verhalten mit ihrer Genialität zu verteidigen? Exzentrisch ist okay, aber in einer Bar zu sitzen und den Sitznachbarn zu sagen, dass deren Vorfahren ver***t worden wären, ist schon eine andere Nummer.

Gallianos Entwürfe sind mittlerweile Kunstwerke, die hoch gehandelt werden, er hat einen Vertrag mit ZARA abgeschlossen, sitzt überall wieder auf Bühnen und in Jurys und gibt Interviews. Was ist das passiert? Nachdem er lange weg vom Fenster war, hat er sich mit dem Judentum beschäftigt, sich entschuldigt und öffentlich Reue gezeigt inklusive Entzug. Nun will das MET natürlich kritisch dem gegenüber sein und nicht nur sein Werk würdigen, sondern auch erwähnen, dass es… schwierig war. Legitimiert das sein Werk oder seine Vergehen? Ist das nicht das gleiche?

Ähnlich wie man sich “kritisch” mit Hitlers Lieblingswerk in Bayreuth auseinandergesetzt hat (LOL), hat das Ganze einfach einen üblen Geschmack.

Die gleichen Namen fallen immer wieder in diesem Kontext, immer wieder Anna Wintour, die sich mit dem Geldadel umgibt. Dazu kommen seltsamerweise aus jüdischen Reihen die Geistlichen, die Gallianos Weste wieder weiß waschen. Es gibt einen Ablasshandel, keine Frage. Der Designer hat sich, jüdisch begleitet, mit dem Holocaust auseinandergesetzt, hat sich öffentlich entschuldigt, ja, da ist einiges passiert. Wer hat eigentlich so ein großes Interesse an dem Typen und warum? Ich weiß es nicht. Ist er ein genialer Designer? Reicht das?!

Aber stelle mensch sich mal vor, und das passiert leider permanent, die ganzen reuevollen Sünder (auch hier nicht gegendert), wird eine Bühne geboten.
Huch! Das passiert ja hier in Deutschland auch ständig! Dieter Nuhr sage ich nur, der zuletzt Femizide als Witz genutzt hat, um es den Opfern in die Schuhe zu schieben. Wahnsinn einfach, und das im öffentlichen Fernsehen.

Wem wollen wieder eine Bühne bieten? Reicht es, sich zu entschuldigen und öffentlich Reue zu demonstrieren? Ist Galliano der Hofnarr irgendeines Milliardärs? Wer hat ihm immer wieder auf die Füße geholfen? Ist er kommerziell erfolgreich oder erfolgreich gemacht worden?

Man müsste hier sicherlich der Geldspur folgen, wie immer.

Am Ende ist Galliano ein Hofnarr, ein “Provocateur”, dessen Entgleisungen gewollt sind und akzeptiert werden, weil sie insgeheim jemanden bestätigen. Wessen Hof es ist? Das werden wir nie erfahren. Wenn Geld und Faschismus sich treffen, dann ist alles möglich und nichts transparent.

Als Fazit bleibt eines: Das ist keine falsche, sondern eine bewusste Entscheidung, mit einem Deckmäntelchen der Reue garniert. Der Antisemitismus ist serviert!

Der sozioökonomische Wert von Frauenkörpern im Kapitalismus – Dünn oder dick

Ich schreibe das, während ich nebenher ein paar Kekskrümel auf die Tastatur verschmiere; und ich schreibe, nachdem ich die Gästinnen der Chanel Modenschau gesehen habe.

Der Faschismus/Kapitalismus hat ein großes Interesse an einer schwachen Frau – zum einen physisch schwach, aber auch ökonomisch schwach. Irrsingerweise weist exakt dieses Diktat des Dünnsein auf zwei Dinge hin: Die Wertschöpfung der Frau ausschließlich aus einem physischen Aspekt. Der Körper ist das Kapital. In jedem Alter – zeigt auch Vanessa Paradis, deren Rippen an der Seite ihres Kleides hervorstechen. Sie ist schon lange Multimillionärin, doch ist und bleibt ihr Körper und Aussehen ihr soziales Kapital. Ihr ökonomischer Wert ist zwar davon schon längst entkoppelt, sollte man meinen, aber die Verknüpfung wurde hier nicht aufgelöst. Als westliche Vorstellung von dünnen Frauen als Schönheitsideal, ist das Dünnsein mittlerweile auch ein Attribut des Wohlstandes durch Zeit für Sport, durch Abnehmspritzen und ästhetische Operationen.

Ein Gruppenfoto chinesischer Unternehmerinnen, genauer gesagt Milliardärinnen auf der anderen Seite: Keine von denen ist dünn. Buchstäblich keine einzige. Denn: Es gibt offensichtlich eine ganze andere Kopplung zwischen dem sozialen und den ökonomischen Wert. Eine dünne Frau? Muss einem Mann gefallen, der dann für sie aufkommt. Eine finanzielle unabhängige Frau kann normal aussehen, muss sich nicht dünn hungern, da sie es schlichtweg nicht nötig hat, jemanden zu gefallen. In diesem kulturellen Kontext ist die sozioökonomische Verknüpfung also wer “dick” ist, ist reich. Dabei ist China auch stramm kapitalistisch und eine Diktatur, aber nicht faschistisch. Dafür ist das vorherrschende Schönheitsideal pädophil.

Genau hier schaffen es besagte Unternhemerinnen sich zu lösen – zwar sehen alle sehr gut aus, aber weder allzu stark erschlankt, noch allzu stramm operiert.
Hier wird ironischerweise das “zu sich stehen” und der normale Frauenkörper zu einem Symbol des Kapitals. Ist das dann noch ein feministisches Symbol?

Beides kann als feministisches Symbol gewertet werden, wenn es um Wahlfreiheit geht, aber beides kann gleichzeitig nicht feministisch sein, aufgrund der Systeme, in dem sie stattfinden, die beide kapitalistisch sind (westlich=faschistisch, chinesisch=Diktatur).

Tatsächlich fand ich es sehr interessant, aus meiner definitiv vom male gaze und westlich geprägten Sozialisierung mal raus zu gehen und mich zu fragen, was eigentlich dieser Kulturkampf um Körper für mich persönlich bedeutet.
Aus welcher Perspektive möchte ich meinen sich verändernden Körper sehen? Sollte ich das Altern in dem offensichtlichsten Aspekt, der Gewichtszunahme, anfangen zu bekämpfen? Die Betonung liegt auf Kampf, weil es mit aggressiven Mitteln geschehen müsste.

Die inhärente Frage hier lautet allerdings, ob und welchem sozioökonomischen Wert ich mir beimesse. Denn wenn man diesen Maßstab anlegt, denkt man das System mit – wenn man sich jedoch aus dem System zumindest gedanklich und identitätsmäßig rausnimmt, wäre diese Bewertung hinfällig und die emanzipatorische Kraft wäre frei gesetzt.

Und während ich ich schreibe, meine ich dich, und du.

HAMBURGER STAATSOPER – Die große Stille, keine eine Oper

Der feste Kulturkritiker des NDR, Peter Helling, lässt wenig gutes Haar an diesem Stück, und ein bisschen schmunzeln muss ich schon, ich kann ihm aus seiner Warte als professionellem Kunst-Connaisseur recht geben.

Aber, aber!

Nun huldige ich der Kunst ganz anders, differenzierter und reflektierter. Natürlich nicht! Ich gehe zur Oper OHNE Hintergrundinformationen und begebe mich unwissend in die Hände der Künstler*innen und des gesamten Teams der Veranstaltung. Dazu zählen Garderobe und Bühnentechnik, alles, alles an dem Abend wird eingeatmet und erlebt. Wer intellektuelle Masturbation erwartet, möge woanders lesen, denn ich bin dessen überdrüssig.
Wir haben 2026 und die erste bürgerliche Oper Deutschlands, die Oper in Hamburg, erfüllt ihre Rolle genau in dieser Nische: Sie ist eine Oper für alle.
Und somit sind wir beim Thema: Die große Stille ist keine Oper und das sollte mensch auch nicht erwarten. Aber es ist ein guter Einstieg in die Opernwelt.

Das was es jedenfalls ist: Eine großartige Reise der Gefühle, ich hatte Spaß, wurde unterhalten und fand es gut, großartig sogar! Alle Register wurden gezogen, ich habe gegrinst, bewundernd die Augenbrauen hochgezogen, war aufgeregt, war abgelenkt (ich hatte Hunger!), war entzückt und auch mal gelangweilt. Inhaltlich sogar kurz richtiggehend getriggert, aber das ist zu persönlich.

Der Plot ist nicht sonderlich aufregend und ehrlich gesagt auch nicht so wahnsinnig unterhaltsam, wie er uns verkauft wird. Das mit dem Raumschiff, naja, ganz sweet, aber keinen “vom Hocker Reisser”, und dem Gesicht des Teenagers in der Reihe vor mir nach zu urteilen, auch nicht spannend. Bin froh, meinen Teenager dorthin NICHT mitgenommen zu haben.

Die Inszenierung fand ich trotzdem knorke, auch und weil da einige seltsame Komponenten waren. Zum Besipiel: Eine rituelle Anbetung bzw. Besingung, toll ausgeführt vom Chor; dazu eine Nahrungsaufnahme von Brei?? warum frage ich mich, das ist nämlich nicht gespielt gewesen, wie man denken könnte, nein, die Leute mussten sich wohl tatsächlich etwas reindrücken. Mich erinnerte das Ganze an das Hass-Ritual in Orwells 1984, was aber wohl dem geschuldet ist, dass ich das Buch derzeit lese.

Die Handlung kann gut verfolgt werden, die Darsteller*innen bekamen fünf Minuten ununterbrochenen Applaus, und die Bühnentechnik hat mal wieder 100/10 geleistet. Die Kostüme did some people dirty though.

Der Anfang ist erstmal ein bisschen Theater mit ein paar musikalischen Einsätzen. Dann folgt die eigentliche Oper: Apollo und Hyacinthus wurde von Mozart im Alter von elf komponiert und ist auf Latein. Man hat das Libretto etwas abgeändert und statt Apollo eine Außerirdische eingesetzt, die Aliena (höhö), die echt was für ihr Geld tun musste. Also während der Vorstellung musste sie richtig schuften: Ana Durlovski hat ihren Part mit Bravour gesungen, und ich fand sie sehr passend in der Rolle. Das abgefahrene Outfit war… abgefahren.

Weil es natürlich eine Liebesgeschichte ist, gibt es einen Bösewicht namens Zephyrus (ihr wisst schon, der Wind…), der diesmal weiblich ist: Kayleigh Decker. Ein bisschen queeres Rumgeknutsche durfte nicht fehlen und wurde vom Publikum mit einigermaßen Unbehagen quittiert, was mehr aufs Publikum schließen lässt. Ja, wir haben 2026 und ein knutschendes Frauenpaar erzeugt immer noch “EINE GROSSE STILLE” im Raum.

Als König optisch bestens geeignet, ist der Tenor Gregory Kunde vermutlich unterfordert mit der Rolle und wirkte ein bisschen abwesend, – hätte er nebenher noch Wäsche sortiert, hätte es gut gepasst. Der Australier Rebgetz, ein Paradiesvogel aka Performer, war sympathisch. Völlig unterschätzt der Bass Kowalczyk, der quasi nur zehn Sekunden sang, aber dafür die ganze Zeit durch die Gegend gurken musste, keine Ahnung wie er das hinbekommen hat, ach, das muss man selbst sehen!

Das Ganze geht sich lustig-interessant-keine Ahnung, hab’s nicht kapiert, aus, dazwischen gibt es allerlei kleine, spannende Komponenten, die natürlich dem versierten Operngänger bekannt sind, wie der Chor im Zuschauerraum oder der Dirigent auf der Bühne.

Ja, es ist keine klassische Oper, hier entzündet sich immer wieder der Streit, was muss eine Oper eigentlich bieten, wer ist die Zielgruppe und wie sehr drückt der wirtschaftliche Schuh – und warum Hamburg ein Dorf bleibt, dass Grandezza nicht nur IN der Oper fehlt, sondern auch im Publikum, und was genau das aber auch für Demokratisierung und breiteren Zugang zu Kultur bedeuten kann.

Könnte.

Dem ist nicht so: Oper und Kultur allgemein sind elitäre Betriebe, in dem ohnehin nur wenige viel Geld verdienen; die Konsument*innen von Kultur, die gerne unter sich bleiben, was auch beim jungen Volk so ist, die jungen “Intellektuellen”, das ist schon alles sehr klassistisch. Glamour, Glanz und Gloria – so ist die Realität nun mal nicht, und das ist auch gut so, aber bourgeois bleibt es, und zwar mit dem Geschmäckle des “open-minded” Anstrichs, was sich in der plakativ-performativen Ausübung von Diversität und gefakter linkspolitischer Ausrichtung zeigt.

Fazit: Ich fand’s großartig und sehenswert, eine gute Verbindung zwischen modern und klassisch, unterhaltsam und künstlerisch betrachtet auch “intelektuell” genug. Leider habe ich einen anderen Geschmack als das breite Publikum, sei es drum – wer noch hingehen kann, sollte!

Hamburgische Staatsoper: Monster’s Paradise


Wenn man im Zuschauerraum sitzt und sich fragt, ob man sein Methylphenidat besser durch die Nase gezogen hätte – dann hat Kunst was richtig gemacht. “…ich will auch, was die zum Frühstück haben!” murmelte ich zu meinem Sitznachbarn, der lachend erwiderte: Da ist schon genug im Leitungswasser (kleine Anspielung darauf, dass Informationen über Drogenkonsum in Deutschland tatsächlich aus Abwasserwerte gewonnen werden, Grüße gehen nach Frankfurt).
Disclaimer: Kunst ist die einzige legitime Droge.

Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth haben sich selbst inszeniert, in überlebensgroßer Form – was für eine Frechheit! Frauen!! Mittelalte und alte Frauen! Sie finden im Stück als Narratorinnen statt – in Form von Vampirinnen, die sonst eher nicht existieren, und zwar als junge und alte Vampirinnen. Jelinek ernennt sich gar zur Göttin (nicht: Gott) und begleitet ebenfalls in einer Videoinstallation durch das Stück.
EDIT: Die Video-Narratorin ist Charlotte Rampling. Habe ich nicht erkannt, bin keine Cineastin.

Wie immer startet die Inszenierung im Zuschauerraum mit einigen feschen Cheerleadern, eine davon ist eine Disney Figur. Ein paar textliche Plattitüden vorweg, die man ohne Übertitel leider akustisch nicht verstehen kann, ein bisschen Kakophonie und Musikmix, soweit so un-shocking das Entree des Stücks. Das Paradies des Monsters ist in Wahrheit Mar-a-Lago, Trumps persönlicher Sündenpfuhl. Trump ist auch Mittelpunkt der Inszenierung, er und seine Begleiter, das Böse in seiner Dreifaltigkeit: Der latent grenzdebile windeltragende, adipöse Donald, eine meines Erachtens sehr gut gezeichnete Figur JD Vances, und den dritten im Bunde habe ich anfangs nicht zuordnen können – eine Hitlerwitzfigur. Eigentlich sehr deutlich erkennbar, erkannte ich es nicht. Eh, es gibt sehr viele Hitlerwitzfiguren um Trump herum, weshalb man auf Nummer Sicher ging und sich direkt für das Original Adolf entschieden hat. Persönlich würde ich hier Peter Thiel ernennen, allerdings ist das jemand, der höchstens wegen seiner unheimlich schlecht sitzenden Kleidung erkannt werden würde. Kein Wiedererkennungswert, tja.

Sehenswürdige Mentions im Bühnenbild gingen an Mommy Dommy Melania Trump (hierzu ein bisschen Entertainment bei Ali Weiss https://www.instagram.com/aliweissworld/, und an Miss Piggy und Kermit, die einzigen, die nicht in den Epstein Files auftauchen. Diese überleben leider nicht.
Der Bär. Ja, den Bären habe ich vergessen, mein Beileid an den Mitglied des Zürcher Ensembles Ruben Drole, der in diesem wahnwitzig warmen Kostüm rotköpfig sein Debut in Hamburg gibt. Was der Bär soll? Kp, also kein Plan.

Haupthandlung: Die Trivialität des Bösen, also die drei Pappnasen, die sich erstmal eine halbe Stunde lang über Wahlergebnisse echauffieren und, sich dabei selbst vorstellend und darstellend, überhöhen, trifft auf die “monströse” Natur in Form des Monsters Gorgonzilla. Ein bisschen enttäuscht war ich schon, denn ich hatte mir ein übergroßes Monster vorgestellt. Mindestens drei Meter! Nun hat man allerlei Mittel benutzt, um zumindest ein Maßstab der Größe Gorgonzillas darzustellen, daher: Alles gut. Es ist ein sehr, sehr großes Monster, ja? Der Kumpel des Intendanten Rainer Sellmaier hat es echt, echt gut gemacht.

Nun hat selbst Gorgonzilla nicht so Bock auf Trump, und findet ihn selbst als monströses primus inter pares(Erster unter Gleichen, lat.) nicht geil. Übrigens, Zombies kommen auch zum Einsatz, falls jemand gerafft hat, warum und weswegen – ich wüsste es gerne. Leider bin ich eine arme Sau, die mit der Bahn fährt, was hinlänglich erklärt warum ich die Einführung verpasst habe. Und den Snack vor der Aufführung schaffte ich auch nicht, weshalb ich nach der Pause frecherweise ging, um meinen lautstark protestierenden Magen Erleichterung zu verschaffen.
So kann ich gar nicht weiter spoilern, wie nun die ignorante Bösartigkeit des Trios durch Gorgonzilla oder eine andere Gesellschaftsutopie aufgelöst wird.

Die Nachfrage für das Stück war und ist groß, das Publikum sehr aufschlußreich: Auffallend viele ältere Schwule, Szeneintelektuelle, wenige Stammgäste der Oper, die fluchtartig in der Pause den Saal verließen, und viele junge Menschen, die günstige Tickets ergattert haben, worüber sich die Vollzahler in den ersten Reihen sichtlich pikiert zeigten. Das weiß ich von den Studis, die ich überraschenderweise kannte, sogar aus erster Hand. Die Zombies durften auch in der Pause noch arbeiten, Chapeau an die Maske, das sah auch aus nächster Nähe echt eklig aus.
Hinderte mich nicht daran, mir politisch angemessen im Anschluss migrantisches Essen reinzupfeiffen, zubereitet von Ehepaar Kim. Die Reste habe ich um sieben Uhr morgens zum Frühstück verdrückt, denn das ist die einzige Droge die ich brauche, um so einen Artikel zu schreiben: Chilisauce und frittiertes Huhn.

Resümmee: Lustig, musikalisch gar nicht nervig, allerdings akustisch durchgehend unverständlich, Plot auch unverständlich, aber sehr cheek-in-tongue (haha, you see what I did there!) – wer politisch nicht auf den Stand ist, sich nicht in den sozialen Medien informiert, wird ganz viele Anspielungen nicht verstanden haben. Und hier liegt die Stärke des Stückes: Die Inszenierung als solche ist sehr gelungen, es ver-bindet alles toll zusammen. Das Bühnenbild und die Kostüme sind ausreichend symbolisch aufgeladen, so dass sie nicht mehr interpretiert werden müssen, und gleichzeitig als Überzeichnung bezeichnet werden können.
Trotzdem würde man Tobias Kratzer in den nächsten Jahren nicht zu einem Besuch in den USA raten. Hat er auch nicht vor, denn es gibt eine Station nach Hamburg, die noch attraktiver ist. You guessed right: Das Stück geht nach Zürich! Weil nicht alle diese Anspielung verstehen: Wenn man als schwule, weiße Person mehr möchte, geht man in die Schweiz. Mehr Geld, mehr Netzwerk. Ironisch genug, dass es ausgerechnet afd Weidel bestätigt.

Prüften wir das Stück nun nach “wokeness”, wie die Faschisten gerne sagen, es wäre mir als dezidierte Antifaschistin nicht genug. Es ist mir nicht einmal feministisch genug gewesen, aber das ist nun mal im weißen, Bürgi-Kontext der Autorin und der Komponistin so. Klassenkampf und Kunst lassen sich zwar nicht auseinander dividieren, aber nicht jede Kunst lässt sich darunter subsumieren.

Politisch betrachtet ist das eh so eine Sache: Das Stück zeigt mit großem, dicken geschwollenen Finger nach “da drüben”. Easy. Vor der eigenen Haustür kehren hingegen…

Wer EierSTÖCKE hÄt, wird das Stück mit schMerz, Spahn und Reiche inszenieren. Wer weiß, wenn wir den Faschismus, in dem wir drin sind, irgendwann hinter uns haben, wird es auch so ein Stück prospektiv geben – ob ich das allerdings noch erleben werde, steht in den Sternen. Nicht nur, weil die Erde vorher ein klein bisschen verbrennt, wie Monster’s Paradise bereits klimakritisch zurecht adressiert, sondern weil es sich zu lange ziehen könnte.

Denn trotz Beschneidung der Grundgesetze durch die aktuelle Regierung wird immer noch hart geleugnet, dass wir selbst ebenfalls schon längst zu Zombies in Monster’s Paradise mutiert sind.