Der Duft des Bösen – kann ein Duft politisch sein?

Einer der führenden französischen Parfumeure, Bertrand Duchafour, hat sich von einem Diktator anheuern lassen, für seine Möchtegern-berühmten Tochter einen Duft zu entwerfen.
Islom Karimovs Usbekistan ist ein Land, das nach den Einschätzungen der Vereinten Nationen systematisch foltert und dessen Oberhaupt in der dritten, im Landesgesetz nicht vorhandenen Amtszeit befindet (Wahlerfolg stets über 80% – man munkelt von einem Zusammenhang zwischen den vielen toten Oppositionellen? und diesen Zahlen?!) – natürlich vom großen Bruder Russland wohlwollend toleriert. In der Familie darf das obligatorische “Papa, kauf mir das!” – Mitglied nicht fehlen: Jetsetterin Gulnara Karimova (es gibt fast nichts online über sie… braucht nicht suchen!)

Papa Diktator kaufte ihr also neben einer Karriere nun einen eigenen Duft, den sie mit einer Riesenparty feierte (angeblich soll sie ein Popstar sein… sie kann alles sein, da ihr papa Dich sonst erschießt, Darling!) und der Herr Duchaufour nahm dankend das Geld und entwarf irgendwas.

Wenn er es nicht getan hätte, hätte es ein anderer – könnte man denken. Oder aber das ein Duft unmöglich politisch sein kann. Überhaupt findet man in der High Society leider häufig genug Menschen, deren Gold in Blut schwimmt, sei es Erben des zweiten Weltkriegs oder Multis, die sich garantiert nicht durch soziale Arbeitsbedingungen und ethisches Verhalten in ihren Unternehmen verdient gemacht haben. Spätestens bei den Öl-Dollars sollte man beide Augen fest verschließen.

Diese Leute bedauern es sicherlich allesamt sehr, dass es eine öffentliche Meinung gibt und vor allem dieses blöde Internet. Und diese Scheissblogger, die jeden Scheiss weitertratschen, als ob sie was zu sagen hätten…

Ich las bereits bei The Non Blonde den Artikel (beachtet bitte die Links!)
http://www.thenonblonde.com/2012/10/lets-talk-about-it-bertrand-duchaufour.html

…und fragte mich selbst mehrere Dinge:

1. Ist ein Parfümeur ein Künstler und hat er ein Anrecht auf seine Arbeit, unabhängig vom Auftraggeber?
– Wenn ein ein Künstler ist – Kunst ist politisch und das, was er tut, nicht so dolle (gelinde gesagt…) – wenn nicht, dann hat sich der (Kunst-)Handwerker wie eh und je in der Geschichte mit Blutgeld bezahlen lassen und das ist nicht unbedingt erstrebenswert.

2. Ist es egal, wer der Auftraggeber ist, solange er viel und pünktlich zahlt?
– Mir persönlich ist es nicht egal, ich erachte es zudem als geschäftsschädigend einen Auftrag anzunehmen, dessen Auftraggeber im negativen Licht steht – früher oder später kommt es ans Licht. Auf der anderen Seite sage ausgerechnet ich immer gerne: Money makes the world go round. Wo zieht man die Grenze?

3. Wird es ein Boykott seiner Düfte geben (hier findet Ihr eine Liste) oder wird das wieder in Vergessenheit geraten, wie es heute leider üblich ist?
– ..ich habe sogar zwei seiner Düfte, tja, ich werde es einfach ignorieren und aufbrauchen und nie wieder was von ihm kaufen. Ich hoffe, dass einige mehr diesem Beispiel folgen werden und so auch für sich selbst für einen politischen Konsum einstehen…

Ist es egal? Wo verläuft die Grenze? Wieso echauffieren wir uns (ICH MICH) nicht über Chanel oder L’Oréal? Ist es heute fahrlässig so einen Auftrag anzunehmen oder vergessen wir es eh schnell?

10 Gedanken zu „Der Duft des Bösen – kann ein Duft politisch sein?

  1. Im russischsprachigen Internet gibts genug über sie 🙂 falls du was wissen willst…

    Ich finde es insgesamt relativ schwierig eine Grenze zu ziehen, zumal ich mich kaum (traurigerweise) drum kümmere, woher meine Klamotten, Handtaschen oder Kosmetik kommt. Ich versuche zwar viel Naturkosmetik zu nutzen und kaufe für meinen Sohnemann so viel wie möglich Ökonaumwolle. Aber letztenich könnten meine Schuhe von Kindern in einem Land wie Uzbekistan gemacht werden, ich würde es leider nicht wissen.

    Bei diesem Parfüm ist das schon eindeutiger, aber ich finde es dennoch nicht wahnsinnig einfach, nur so zu boykottieren, zumal wir hier auch nur eine Seite der Berichterstattung und Infos durch die Medien haben.
    Auf jeden Fall interessant darüber zu lesen!

    1. Schnikki: Wen ir ehrlich sind, müssten wir so ziemlich alles boylottieren – auf der andeen Seite ist gerade in diesem Bereich dann doch möglich zu verzichten (und einfach…) Ich kann mir einiges an ethisch-korrekten Kosnum leisten (ich gebe zu, es lebt sich teurer als öko…) aber ich erwarte es nicht von jedem. Aber hier, im Luxusbereich, kann ich gerne mal sagen PÄH, du kriegst meine Kohle nicht. Wenigstens hier wenn man schon nicht Nestle und Konsorten boykottieren kann (weil sie überall ihre Finger drin haben;-) )

      Interessant ist es auf alle Fälle dass so etwas nicht mehr unbemerkt passiert und die Szene der Parfümfans, die sehr viel Geld ausgeben für Düfte, das mitbekommen hat und auch überweigend verurteilt. Interessant ist es ob es eben auch eine weitere Auswirkung für den Herren hat – ich würde ihn nicht anheuern moemntan (ergo die nächtse 2-3 Jahre mindestens…).

  2. Wenn man lange genug sucht, findet man unschöne Dinge über Coco Chanel (Nazikollaborateurin aus Geschäftsgründen), Ahava (handeln mit Olivenöl aus israelischen Siedlungsgebieten ausserhalb der israelischen Landesgrenzen), L’oreal/Procter and Gamble (Tierversuche, karzinogene Inhaltsstoffe)… manchmal weiß ich nicht, was ich überhaupt noch kaufen “darf”. Dass ein Parfümeur sowas macht ist blöd – aber vielleicht hat er kein Problem mit dem Thema. Ich schon.
    Aber auch wenn ich mich bemühe, ethisch zu konsumieren – man kann leider nie alles recherchieren und notfalls boykottieren.

    1. Chanel ist das beste Beispiel, der Rest leider auch altbekannt… Man kann kaumethisch korrekt konsumieren-aber dann eben weniger (sollte ICH nicht sagen, hust) aber wie gesagt – interessant ist es ja dass so etwas mittlerweile Wellen schlägt.

      Deinen Duft BTW habe ich nicht vergessen (meeeh…)

  3. Ja, nix konsumieren kriege ich auch nicht hin – aber ich bemühe mich, das “kleinere Übel” zu wählen (Mascara von Hauschka statt von Maybelline etc, ist zwar Seide drin, aber ohne böse INCIS und sogar made in Germany, also quasi aus regionaler Produktion). Und ich kaufe weniger als zu unpolitischeren Zeiten – was aber auch daran liegt, dass fair gehandelte Sheabutter teurer ist als Nivea :). Da fällt mir ein: Vaseline, Babyöl etc sind Abfallprodukte aus der Erdölverarbeitung. Erdöl kommt meist aus sehr fragwürdig bis undemokratisch regierten Ländern… wieso wird das eigentlich nicht auf Beautyblogs diskutiert – oder wird es das?

    und dufttechnisch – Vorfreude ist ja die schönste Freude!

  4. ist nicht der wichtigste schritt der, sich dessen bewusst zu werden, dass es ethischen und unethischen konsum gibt? ich finde den punkt, den andreea immer wieder ganz offen anspricht, wichtig, dass man sich einen ethischen (öko, fair, tierversuchsfrei,…) konsum leisten kann, sehr wichtig. vielen ist es wahrscheinlich ***eißegal, andere hingegen würden gern und können sich das nicht leisten. aber vielleicht kann man ja wenigstens bei einer gelegenheit bewußt (nicht) kaufen, damit ist doch schon was gewonnen. und da hilft nur aufklärung. als ich andreeas postüberschrift las dachte ich *watn blödsinn!*. und dann wurde mir klar, dass ihre fragen mehr als nur ein bisschen zum nachdenken anregen, sondern, dass sie in dem post grundsatzfragen stellt, die jede(r) für sich, aber auch eine gesellschaft als ganze beantworten muss – die basisfrage der ethik: ‘wie wollen wir leben?’ im ganz alltäglichen diskurs 😉

  5. Es ist in der Tat ein relativ komplexes Problem. Konsequent weitergedacht mösste man doch auch Apple bokotieren, da er ja in chinesischen Fabriken zusammengeschraubt wird, wo sich vermehrt “Mit”arbeiter wegen unzumutbaren Bedingungen und Stess das Leben nehmen. Oder wie ist es mit diversen Könstlern und Bands, die in totalitären Staaten auftreten.
    Genaugenommen ist hier die komplette Industrie und und auch ein Grossteil der Kunstszene zu bokotieren. Nun die Frage, ist man konseqent, hilft das den Betroffenen oder geraten diese dadurch noch weiter aus dem Fokus des öffentlichen Interesses und stärkt man so nicht sogar die Macht der Macher?

    (EDITED wg SPAMLINK ANDREEA)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

CommentLuv badge