Living in the public eye – Verlust und Scheitern in der Öffentlichkeit

TRIGGERWARNUNG KINDSTOD UND VERGEWALTIGUNG

Das Thema betrifft mich ein wenig auch, da ich mein Leben relativ frei auf meinem Blog ausgebreitet habe. Ich bin grandios gescheitert, in einigen Dingen, und wenn ich ehrlich bin (sobald ich das öffentlich machen kann) ist das ein riesiger Erfolg. Denn ich habe mit meinen Schwächen und Scheitern mehr erreicht als mit meinem objektiven Erfolgen. Heute geht es aber nicht um mich, sondern um Personen, die sehr krasse Dinge an eine sehr große Öffentlichkeit gebracht haben und damit ebenfalls Dinge bewegen.

Das Narrativ von Erfolg, Geld, Macht ist das eine, doch wieviel stärker sind Verlust und Scheitern? Leid bewegt Menschen, bewegt Systeme, bewirkt Revolutionen und bewirkt Evolution. Jede Frau, die in der Öffentlichkeit steht, ist dieser sowieso gnadenlos ausgeliefert, und sie bemächtigt sich ihrer selbst in de Augenblick, in welchem sie öffentlich schwach ist. Denn Schwäche zeigen ist die größte Stärke, auch wenn wir leider gesamtgesellschaftlich keine großartige Fehlerkultur und Kultur des Scheiterns haben. Es dient ja auch dem Märchen der Meritokratie, dass es jede schaffen kann, wenn sie sich genug anstrengt, das richtige kauft, usw.

Das Private ist politisch. Zwei Frauen, davon eine PoC, haben die Hosen komplett runtergelassen. Ja, es dient ihrer Reputation, ihrer Markenbildung, ihrem Business, mag man nun argwöhnen, aber bei aller Liebe, – NEIN.

Es hat mich krass bewegt. Und weil ich andere Frauen bewegt habe, mich andere Frauen bewegen, ist es mir wichtig, diese Geschichten im deutschen Raum zu verbreiten, weil sie wichtig sind und wie so viele Dinge, die Frauen betreffen, keine Beachtung finden.
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Die Würde des Menschen ist unantastbar – warum Ismen so schlimm für Menschen sind

Der erste Artikel im deutschen Grundgesetz lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das sollte man sich vor jedem Gedanken, jeder Tätigkeit und jedem Satz vor Augen halten, wir wären allerdings dann handlungsunfähig, weil unser kapitalistischer Alltag genau darauf beruht, nämlich auf die Würde anderer Leute zu scheißen. Ungleichverteilung und Ungerechtigkeit, die Mär von Meritokratie (=Du kannst alles schaffen, wenn Du Dich nur genug anstrengst) und Patriarchat sind die festen Grundpfeiler unseren Systems. Das ist dem ersten Artikel des Grundgesetzes zwar komplett entgegengesetzt, but here we are.

Was sind Ismen? Rassismus, Ableismus (Behindertenfeindlichkeit), Ageismus oder Altersdiskrminierung, Misogynie (ist Frauenfeindlichkeit, nicht mit Sexismus verwechseln) Homophobie und Klassismus, Antisemitismus, das wären die wichtigsten, die mir gerade spontan einfallen. Ich denke jeder kann nachvollziehen, dass diese Sachen scheiße sind (oh, warum diese unschönen Schimpfwörter? Es ist nicht scheisse, es ist tödlich-Ismen töten Menschen.) und trotzdem wird man sicherlich ab und an denken: Boah ey, man kann ja gar nichts mehr sagen! Stimmt. Wissen macht auf einmal bewußt, dass Dinge schief laufen. Und ja, das ist der erste Schritt zur Veränderung.

Doch abgesehen vom gefühlten „Ist schlimm, sollte man nicht sagen oder denken“ – was genau ist so schlimm daran?

Angenommen, Du bist weiß, männlich, gebildet und wohlhabend, – das ist das Maß aller Dinge. Du bist ein 38jahre alter Hipster, der als verbeamteter Professor im Bioladen kauft, bei Atmosfair spendet und sich für Feminismus bei Twitter engagiert. Klingt zumindest besser als xy Hipster, der Marketingsachen macht, denkt Frauen seien „Buckstücke“ und die Praktikanten sexuell belästigt. Also, soweit so gut, kein bestätigter Arschloch, sondern ein passabler, bemühter Mensch, reflektiert und sogar halbwegs am Haushalt beteiligt.

Nun kommt aber jemand daher und sagt zu Dir: Du bist in Wirklichkeit Katharina, ein Walross.
Das klingt lächerlich, aber man stelle sich Diskriminierung vor, die gar keinen Grund hat. Denn alle diese Ismen haben keinen Grund, sondern sind lediglich soziale Konstrukte.

Was tust Du?
Du lachst, und sagst: Na klar, ich bin ein Walross! Die können bekanntlich sprechen. Und Katharina heiße ich meinetwegen auch, ob Karl oder Katharina, ist mir auch humpe. HAHAHAHA LOL LOL LOL.

LOL.

Nun ist es so, dass Du gerade einen Antrag auf XY stellst und dieser abgelehnt wird. Begründung: Walrösser sind bei der Beantragung ausgeschlossen.
Nun hat das auf einmal einen Impact in Deinem leben und Du sagst: Aber Moment mal, ICH BIN KEIN WALROSS!
Und immer mehr gucken Dich an und sagen, na klar, Du bist ein Walroß namens Katahrina. In Deinem engsten Freundeskreis sagen alle, komm, wir mögen Dich, und das wird schon nicht so schlimm sein, und das passiert auch allen anderen. Fernere Freunde sind sich nicht ganz sicher, ob sie zu einem Walross oder zu Dir sprechen.

LOL. LOL??

Das Ganze geht in einer Tour so fort, und eines Tages kommt Deine bessere Hälfte und sagt zu Dir: Ich möchte nicht länger einen Walross als Partner haben, bitte ändere etwas, Walrösser riechen komisch und haben Flöhe.
Nun langt es: Du hast nicht nur eine 1a Körperhygiene, DU BIST NUN MAL KEIN WALROSS!

DEINE IDENTITÄT WIRD ANGEGRIFFEN!

Aber alle sagen, Du bist ein Walross und Deine Kurse werden nicht mehr besucht, weil es sich herumgesprochen hat, dass Du komisch riechst-es stimmt nicht, aber Gerüchte sind meistens stärker als die Wahrheit. Überhaupt lehre da ein Walross, das sei doch unzumutbar.

DU BIST ABER GAR KEIN WALROSS! Aber alle sagen, dass Du einer bist: Spinnen denn alle?
Warum passiert Dir das? ist das ein gruseliges Experiment?
Umm, ja.

Das ist das, was jedem passiert, der von diesem Idealbild, der Du eigentlich bist, abweicht. Du bist alt, also hast Du Pech gehabt und bekommst trotz geringem Einkommen keinen günstigen Telefontarif. Du bist eine Frau, Du bekommst den Job, den Termin beim Arzt, die Wohnung nicht. Du bist Schwarz, Du bekommst den Job, den Tinder-Match, die Wohnung und die richtige ärztliche Behandlung nicht. Das ist alles scheiße, okay, daran haben wir uns aber leider längst gewöhnt. Doch was ist das wirklich Schlimme daran?

DEINE IDENTITÄT WIRD ANGEGRIFFEN. DU BIST NICHT DAS, WAS DU BIST: EIN MENSCH.

DEINE WÜRDE IST ANTASTBAR.

DEINE WÜRDE IST WENIGER WERT, DU BIST WENIGER WERT.

Kannst Du Dir jetzt vorstellen, wie schlimm diese Dinge sind, zumal sie häufig zusammen auftauchen? DU BIST NICHT DAS, WAS DU BIST – DU BIST NICHT DU; DU BIST WAS ICH DIR SAGE.
DU BIST NICHTS WERT. (Aber es wird besser, wenn Du meine Produkte kaufst! Und dann funktioniert es auch noch!)

Und so, meine Damen und Herren, funktioniert unsere Welt.

—-
Schuldig im Sinne der ANKLAGE: Durchgehende Großschreibung zeugt vom schlechten Stil – aber ich hätte am liebsten dies alles in COMIC SANS geschrieben damit es sich in unserem Hirn einbrennt. AMEN.

Fuck your body positivity!

Es war in letzter Zeit oft Thema, ich weiß nicht ob ich zuviel auf Insta surfe, zu viele Posts dahingehend gesehen habe, das grundsätzlich immer ein Thema ist, was immer wieder auftaucht, oder ob ich einfach durch Zufall immer wieder auf Gespräche aufmerksam werde, die sich um Essen und Aussehen drehen. Vielleicht weil ich gerne koche und esse und weil ich „gutes Aussehen“ verkaufe.

Übergewichtige Personen kritisieren zurecht „body positivity“, denn dieses gilt nur für weiße, leicht übergewichtige Frauen. Wenn sich jemand also hinstellt und sagt, „OH, ICH BIN SOOO POSITIVE!! ICH HABE DELLEN AM POPO!!!!!“ – dann ist es eine maximal 26jährige, Kleidergröße 42 tragende weiße, wohlhabende Studentin. Da spielen Ageism, Classism und Lookism einfach mal eine krasse Rolle. Eine schwarze dicke Frau würde man nicht so feiern, oder man würde doch tuscheln.
Dicke Frauen haben zu mir gesagt, sie wollen nicht dick sein, denn es ist ungesund. Check. Ja, sie machen Diät und Sport um abzunehmen, weil Übergewicht ungesund ist.

ABER: Wie wäre es, wenn wir einfach aufhörten unsere Körper zu kommentieren? Frauen werden nur aufs Äußere reduziert?! Von wem denn?? Erst einmal von uns selbst. Der Rest muss mich ehrlich gesagt nicht interessieren, schon gar nicht wenn ein Schwanz mit Hirn dran dies täte.
Schockieren tat mich dabei das Geständnis einer Freundin, die buchstäblich ihr Leben lang Kalorien gezählt hat. Ich habe das noch nie gemacht und fühlte mich schuldig, ich weiß nur, dass Macadamia Nüsse echt reinhauen, es ist wie Butter essen – und ich lieb’s!

ABER: ist das nicht egal, ist es nicht langsam Zeit, die Frau einfach mal NICHT zu kommentieren? EINFACH MAL DIE FRESSE HALTEN! Und ja, es macht Spaß zu kommentieren, zu lästern, aber echt, schluckt es runter. Ich sah neulich Bilder einer öffentlichen Person, bei der eine Stylistin hätte mitwirken sollen, weil hier und da die Kleidung unvorteilhaft ausgewählt war bzw. saß. Natürlich habe ich nichts gesagt, obwohl mein Auge zuckte und ich die Möglichkeit gehabt hätte. Wenn sie fragt, werde ich es sagen, ansonsten Fresse halten, im Zweifel was Nettes sagen, fertig.

BODY NEUTRALITY soll die neue Bewegung wohl heißen, die natürlich nicht neu ist, aber irgendwie nicht nach Deutschland übergeschwappt ist. Sie besagt schlichtweg, dass das Aussehen nichts mit dem Wert einer Person hat, und bauscht das Ganze nicht auf. Punkt. Und schenkt Euch diesen #InspirationalBullshit á la „Love yourself! Bloom!“ wenn alle abgebildeten Frauen normschön sind.

Ein revolutionärer Ansatz! Ja, man mag lachen, aber einfach mal keine Reduktion auf das Äußere, von Frauen und durch Frauen, das ist wünschenswert. Ja, du darfst dich trotzdem toll und schön finden, und dich stylen, aber das ist deins, für dich, und nicht um dich als Mensch aufzuwerten, sondern um Spaß an der Ästhetik zu haben und natürlich diesen Spaß zu teilen-jedes Kompliment der Welt ist willkommen! Tolles Kleid! Aber nicht: Wow, tolle Figur, du hast ja so abgenommen! Oder, ich liebe diese vergifteten Komplimente…: Tolles Kleid, dass du dich traust, das bei deiner Figur zu tragen! SHOOT THAT PERSON NOW.

Einfach mal nicht kommentieren. Einfach mal die Fresse halten. Wenn ich es lernen kann, kann es jede.

Übrigens: Wer denkt, das Ganze träffe die Männer nicht, sollte sich mal die Zahl der essgestörten Männer reinziehen, ein Tabu-Thema sondergleichen. Gepaart mit Sportsucht, gepaart mit psychischen Störungen sondergleichen. Kaum therapierbar, weil: TABU.

Übrigens die zweite: Das Thema ist weitaus komplexer, denn es beginnen Kinder schon im Alter von 8-11 eine Essstörung zu entwicklen, als Ausdruck für den Druck, „Perfekt“ zu sein. Ich persönlich habe so ein Kind schon gesehen und es ist das schlimmste, was man sich vorstellen kann. Esstörungen, die im Kindesalter erworben werden, bleiben idR pathologisch und können zum Tod führen. So viel dazu. Und ja, Gesellschaft, und ja, haben die Eltern versagt, deshalb – was wir vorleben, jeder einzelene von uns, hat immer großen Einfluß, auch wenn wir dessen nicht gewahr sind.

Wer mehr zum Thema lese möchte:
https://www.thefemalelead.com/body-positivity-vs-body-neutrality