BAYREUTHER FESTSPIELE Der schwitzende fliegende Holländer
Das Festspielhaus hat die beste Akustik, die ich je gehört habe. Vergesst die Elphi. Die unbequemen Sitze sind legendär, ich saß drei Stunden aufrecht, ohne Lehne, und meine Beine baumelten leicht über den Boden, während meine schmale Nachbarin sich notgedrungen an mich kuschelte. Die Aufmerksamkeit war hundert Prozent nach vorne gerichtet, und ich lauschte und sah genau hin.
Der fliegende Holländer ist eine für Wagners Verhältnisse kurze Oper mit nur drei Stunden und musikalisch ganz okay, man erkennt viele musikalische Elemente einer Oper wieder und die Gesangspartien sind toll, allerdings auch sehr herausfordernd aufgrund der Länge der Partien. Auffällig war Nicholas Brownlee in der Hauptrolle, der wahnsinnig kraftvoll gesungen hat und das Stück praktisch komplett getragen hat. Der Rest war okay bis gut, das ist in den Bedingungen dort für die Sänger*innen einfach komplett körperlicher Raubbau.
Die Inszenierung war unter aller Kanone, trotz der tollen Bühnentechnik. Ein bisschen psychologischer Kindesmissbrauch und dazu auch tatsächlich als Statist ein Kind auf der Bühne. Ich dachte ich sehe nicht richtig, zumal vor mir ein Mädchen saß, der eine zeitlang auch wirklich die Augen zugehalten wurden. Muss das sein??
Aufgrund fehlender Übertitel konnte ich leider fast nichts verstehen, und die Handlung auf der Bühne erschien mir in keiner Weise schlüssig oder passend. Diesmal war ich sogar ein bisschen vorbereitet. Aber gut, so empfand ich nicht das erste Mal und ich bin ohnehin dafür, Musik und Gesang auf sich wirken zu lassen.
Das am Anfang etwas hektische Orchester fing sich, der berühmte, personell etwas geschrumpfte Bayreuther Chor war toll, insgesamt ein tolles Erlebnis im Wissen um das Privileg, dort zu sitzen. Doch, meine Freundin und ich waren begeistert, es war cool und schön.
Denn – warum geht man nach Bayreuth? Entweder ist man ein Hardcore Wagner Fan, eine Journalistin oder Influencerin, oder man will sich sehen lassen, im Schweiße seines Angesichts.
Denn eines muss man auch wissen: Die Bedingungen im Zuschauerraum und auch auf der Bühne sind furchtbar. Eine schwüle Hitze treibt einem die Schweißperlen den Rückgrat runter bei völliger Bewegungslosigkeit, während die Sauerstoffmoleküle aus dem Luftgemisch immer weniger werden. Man soll was gegen Ohnmacht mitnehmen, riet man mir. Keine Getränke natürlich.
Ach, welche Freude zu wissen, dass Herr schMerz dort in seinem Anzug gesessen und gelitten hat!
Und warum NEIN?
Sind wir ehrlich – Bayreuth hat sich zum 150. Jahrestag nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
Wagner war der Lieblings von Hitler und ein Antisemit, das ist hinlänglich bekannt, und man hat im Vorwege schon ein PR-Desaster gehabt: Einen jüdischen Redner einladen, wieder ausladen, wieder einladen. Immerhin gab es als musikalische Rahmung hierfür dann ein Stück von Mahler, selbst jüdischer Herkunft und Wagner- Fan. Okay soweit.
Aber dann hat man sich entschieden, die Lieblingsoper Hitlers Rienzi, die aus gutem Grund bislang in Bayreuth NICHT aufgeführt wurde, endlich als Uraufführung zu bringen! Da springt einem doch vor Freude das kleine braune Herz in der Brust (Achtung Sarkasmus, für die die es nicht verstehen)… Dass Hitler zu doof war das Libretto zu verstehen, tut nichts zur Sache – es ist eine symbolische Geste, die man nicht unterlassen hat.
Antisemitismus ist überall auf der Welt so stark im Wachstum, mittlerweile kein Vorbote des Faschismus, sondern die hässliche Fratze, die sich unter dem Deckmantel der “künstlerischen Auseinandersetzung” sehr öffentlich und selten kritisiert zeigt. Musste das ein?
Künstler und Werk sind nicht zu trennen, und der Eindruck des Ortes… nun, Friedmann hat es ausgesprochen: Es stinkt.
Die Königin des Festspiels Katharina Wagner, GLP-schlank und lächelnd, ist irgendwie nicht zu beneiden, auch wen sie fest die Zügel in der Hand hält mitsamt Finger aufs Geld. Mein Teenager würde sagen: *reingeschissen*. Und doch wird auch diesmal applaudiert und der Steigbügelhalter der Faschisten schMerz mitsamt dem peinlichen Frauenfeind (oder war er pädophil? Ich verliere die Übericht…) Weimer aka Kultusminister werden da wieder ordentlich Gelder rüberschieben, die sie allen anderen Kultureinrichtungen gestrichen haben. Würde mich nicht wundern, wenn da hier und da Leute mit S´´´H´´´´Sprüchen durch die Gänge wabbern. Welche Gänge?? Na, denkt Euch euren Teil. Familie Wagner war mit Hitler ziemlich dicke und das Ganze ist nicht lange her, wenn man es genau betrachtet. Sich als Künstlerin, die sie ja ist, hinzustellen und das alles durch zu ziehen muss psychisch belastend sein.
Ja, Wagner mag deutsches Kulturgut sein und auch international anerkannt, aber das war Hitler auch und seine Verbrechen. Eine bessere Verwendung für das Opernhaus, das sonst quasi brach liegt, habe ich auf Instagram gesehen, wo vorgeschlagen wurde den Ort (politischen, kritischen, anti-faschistischen) jungen Künstler*innen zu öffnen und damit ein Kontrapunkt zur traurigen Geschichte des Ortes zu setzen, wo Sich Hitler seiner vermeintlich kultivierten Ader hingab und die Wagner Familie und die anderen Profiteure des Krieges um ihn herum scharwenzelten.
Friedmann habe ich bereits zitiert, der Ort stinke, und ich muss ihm recht geben, die Atmosphäre dort ist unangenehm, es liegt etwas in der Luft, was zwischen Aggression und kollektive Schuld oszilliert. Die Bayreuther Festspiele sind das Parkett für Politik und Milliardäre, und das ganze Kuhkaff dort zehrt von diesem einem Festspiel im Sommer sowie von den Studierenden der ebenfalls kleinen Uni. Das mag auch daran liegen, dass Bayreuth ein miserables Klima hat, das seinesgleichen sucht. Heiß und schwül, ohne Auto sind 20 Minuten Fußweg tagsüber nicht machbar. Darüber hinaus ist die Innenstadt im neu gemachten Teil unglaublich repräsentativ und schick, da hat Söder wohl richtig was springen lassen, aber die Menschen fehlen. Die Innenstadt klappt die Bürgersteige früh hoch und es geht ins Brauhaus. Auch das war ein Muss für den Bayreuth Besuch, fressen und saufen können die Bajuvaren, nicht raffiniert, aber sehr lecker.
Alles in allem ein denkwürdiges Ding – ich denke Opernfans sollten sich das einmal im Leben antun, ansonsten ist Salzburg sicherlich das bessere Investment.
P.S. Bitte nicht durch die Gegend laufen und ständig Moin sagen, es heißt: grüß Gott!
Habe mich sehr ausländisch gefühlt, obwohl alle Deutsch sprachen, ich brauche im Süden Untertitel LOL.