#RegrettingMotherhood – Pandemie macht den Begriff wieder populär

Ehrlich gesagt, komme ich wieder drauf, weil es auf Instagram wieder Thema ist, weil es falsch interpretiert wird, und weil mich die x-te Frau angeschrieben hat, sie habe ihren Job nach der Elternzeit verloren. Ich ja auch, und meine Freundin, und die Trauzeugin meines Kumpels, und…

Nun wird in der Studie von 2015 erwähnt, die Mutter könne sich in ihrer Rolle als Mutter einfach nicht einfühlen, und während sie die Kinder sicherlich liebt, bereue sie die Mutterschaft. Das habe nicht unbedingt etwas mit dem gesellschaftlichen Rollenbild zu tun. Es sei die Unfreiheit und das mürbe machende Gefühl, ein „etwas“ zu sein, ihres Individuums beraubt. Nicht der Individualität, obacht!
Nun, da stellt sich mir die Frage, warum dieses nicht für Väter zutrifft? Wo sind die Männer, die ihre Elternschaft bereuen, weil sie „es nicht fühlen“?
Nun, fun fact, für sie geht das Leben in der Regel so heiter weiter, es gibt eine Gehaltserhöhung oder eine Beförderung; ich habe schon mal einen ehemaligen Kollegen direkt unseren damaligen Chef anschreiben sehen, er bräuchte mehr Geld, er werde Vater. Und das an der Uni!
Zusätzlich wird jeder Handschlag eines Mannes so gewertet, als ob es ein Extra sei. „Mein Mann hilft mir so gut mit dem Haushalt!“-nein, der wohnt da auch. Dass Trennungen erfolgen, liegt am häufigsten an den Frauen; sie behalten die Kinder aus finanziellen Gründen und natürlich auch in dem Wissen oder Glauben, dass Mann dem nicht gerecht wird. Hat er nicht, musste er nicht, tat er nicht.

Doch was passiert eigentlich mit dem Individuum, das ehemals eine Frau war? Gezwungenermaßen in den Mutterschutz vefrachtet, und danach in Elternzeit, wo sie ab Stunde Null Bonding betreiben soll. Nun, jemand muss sich ja kümmern – sobald es die Frau zu mehr als 50% ist, ist sie raus. Elternzeit für Männer wird nicht gerne gesehen, Frauen müssen somit automatisch in Elternzeit gehen, verdienen sie schlechter, und so fällt ein Dominostein nach dem anderen um. Kündigung, Teilzeitzwang, hohe Anforderungen, keinerlei Entlastung durch das Dorf, das es braucht, um ein Kind zu erziehen. Dumm, wer sich zwei oder mehr leistet. Das ist nur mit viel Geld, also eingekaufter Hilfe, machbar.

Die Hebel dafür sind nicht nur kulturell, sie sind schlichtweg in der Verwaltung angelegt: Der Hauptverdiener ist männlich, oder zumindest muss zuerst der Mann in die Steuererklärung rein. PUNKT.

So ist dieses „sich nicht einfühlen können“ sicherlich nicht dem ganzen Gerenne, Schlafmangel, abfälligem Umfeld „Du hast Dich gehen lassen“ wahlweise „Wie kannst Du so rumrennen, Du hast ein Kind“ und dem Anspruch, das Kind mit Bio-Vollwert-Kost und Montessori-Spielzeug und 24/7 Aufmerksamkeit zu bespassen, geschuldet. Das Projekt, das keines ist. Oder doch?
Ist denn die Mutterschaft ein Problem, eine Hürde? Ja. So einfach ist das. Die drei erfolgreichen Mütter aus der Zeitung hatten Geld und entsprechende Partner. So konnten sie ihre Kinder delegieren und an einer Karriere arbeiten-sie haben demnach eine „männliche“ Rolle eingenommen.

#RegrettingParenthood wäre sonst ein viel beserer Begriff gewesen. Es gibt selbstverständlich auch Männer mit postnatalen Depressionen, die in ihrer neuen Rolle als Ernährer nicht mehr klar kommen, die auf einmal nicht mehr im Mittelpunkt der Beziehung stehen, und die ihrem Kind fremd bleiben. Diesen Begriff hat es aber in der Forschung nie gegeben.

Gerade während der Pandemie lese ich immer wieder von Männern im Büro, wo doch Homeoffice möglich wäre; von Wissenchaftlerinnnen, die nicht mehr publizieren können, weil sie Kinder beschulen, von Frauen, die ihre Jobs kündigen, um nicht komplett gegen die Wand zu fahren. Und von Frauen, die eben ihren Job verlieren, weil man ihnen nicht zutraut, mit Kindern zu arbeiten.
Auch Männer, die endlich mal zuhause sind, kriegen in vollem Ausmaße mit, wie so eine „Elternzeit“ aussieht: Shoppen und Kaffee trinken. Oh, doch nicht?!

Zurück zum Thema: Das Bereuen der Mutterschaft ist zutiefst verwoben mit der Behinderung, die Mutterschaft darstellt. Frau sein ist allgemein eine Behinderung, und wir wissen, dass der Begriff Behinderung etwas damit zu tun hat, dass Menschen behindert werden. Ob mit Kinderwagen oder in Rollstuhl, es ist dann ein Problem, wenn man von der Norm abweicht, und diese ist 1.80, männlich, weiß, gesund, mit dem Namen Thomas (so heißen Führungskräfte, es ist eine Statistik)und mit einem Nettoeinkommen über 4k.

Wären die Umstände anders, könnte man sagen, okay, postnatale Depression, Erschöpfung, das wird schon wieder mit entsprechender Unterstützung. Dass Mütter ihre Kinder „trotzdem“ lieben, davon sogar mehrere haben, spricht eben genau für die These, dass es nicht ausschließlich dem gefühlten „Ich bin kein Muttertier“-Ding zuzuschreiben sei. Das ist nämlich der eigentliche Ursprung des Bösen: Das Bild der Mutter. Die Heilige, die Hure, die Märtyrerin. Danke, Romantik, danke Nazis. Man kann keine Überglucke sein und trotzdem Mutter, seine Kinder anbrüllen und trotzdem lieben, und ihnen TK-Pizza geben und deswegen nicht gleich gefährden.

Das Bild der Frau, die nun nix mehr taugt, weil sie ja geboren hat. Wie oft ich das schon gehört habe, entweder deutlich ausgesprochen oder versteckt. Als ob man sein IQ mit der Entbindung verliert. Der Zugewinn an zwischenmenschlichen Eigenschaften und erfolgreicher Kommunikation etc. wird wenig anerkannt.

Zeitgleich haben wir ein neues Problem. Diese Anstecknadel der Erschöpfung, der Ungerechtigkeit, des Bedauerns, das ist schon etwas matt geworden. Ja, es ist einfach scheisse, wie so vieles, und wir dankend er Pandemie, dass wir nun am Anschlag sind. Entweder sterben wir kollektiv an einem Virus, an unserem eigenen „das haben wir schon immer so gemacht“, oder lassen das gegenseitige Tätscheln und Bedauern mal beiseite und gehen auf die Barrikaden.

Natürlich sind es wieder weiße, wohlhabende Akademikerinnen, die ihre soziologischen Ergüssen im Netz vertreiben (ich! hier!) und sich Tassen damit bedrucken lassen. Doch ist die Aufklärung wichtig, und auch die Entzauberung vieler Dinge, gerade angesichts der politischen Lage derzeit.
Das ist auch die Pflicht einer Elite, die es sich leisten kann; und das bitte stets mit der Anerkennung dieses Privilegs und der damit verbundenen Verantwortung.

Wie es allerdings mit diesen Barrikaden ausschaut, ist noch etwas neblig in meinem Kopf. Fest steht, dass es nicht reicht, zu reden, oder wütend zu sein, es reicht auch nicht, andere zu beeinflussen. Es braucht mehr Wirkung.

5 Gedanken zu „#RegrettingMotherhood – Pandemie macht den Begriff wieder populär

  1. Andreea,
    ich lese dich echt gerne und stimme dir allermeistens zu. Mir gefällt deine klare Art, dich auszudrücken. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!

  2. Ich stimme Dir voll zu, was das Mutterbild angeht. Was musste ich mir von deutschen Kolleginnen anhören, dass ich mein Kind mit 7 Monaten in die Krippe schicken und wieder voll arbeiten gehe (ich wohne im benachbarten Ausland, Krippenplätze gibt’s, sind einkommensgestaffelt). Das sei unnatürlich, schädlich etc. Die Französinnen im Büro fanden es normal, 7 Monate sei fast schon spät zur Eingewöhnung…
    Was lernen wir daraus: machen, wie es frau am besten passt. Lasst die anderen reden!
    Ach so: zu Beginn der Pandemie kam die Putzfrau nicht mehr. Ich habe dann stoisch 3 Wochen die Staubflusen und das klebrige Waschbecken ignoriert, seitdem hat sich der Mann der Sache angenommen und schwups haben wir einen neuen Staubsauger, Waschmaschine etc und die Jungs müssen die Wäsche selbst einräumen. Ich kaufe ein, koche und mach, was mir liegt und flott geht.
    Ich arbeite auch nach dem 2. Kind voll. Das entlastet auch den Mann, dem nicht die Riesenlast „Hauptverdiener“ auf den Schultern lastet. Und viel bleibt liegen daheim-perfekt dürfen gerne die anderen sein.

    1. Du hast das gar nicht so geheime Rezept… einfach nicht selbst alles machen. Ich habe allerdings da selbst versagt, weil ich nicht aus mir heraus konnte, gerade dieses Geputze; gegen internalisierte Misogynie zu kämpfen ist nicht immer von Erfolg gekrönt, und damals wusste ich auch gar nicht, was da passiert. Also haben alle brav ihre Rollen eingenommen (oder sich da rein drängen lassen) und sind damit unglücklich geworden. Und dann finde ich es lustig, dass es sich so anhört, als ob Du die Rolle des Mannes inne hast. Weil es mir auch so oft „vorgeworfen“ wurde, ohne damit gerade diese behämmerten Stereotypen zu enttarnen. Egal wie, es gibt kein richtig im falschen Leben. Passt weiterhin gut auf Euch auf und schenk den Mitbewohnern einen Kurs zur Organisation im Haushalt. Das lohnt!

      1. Naja, der Mann arbeitet auch voll und verdient auch mehr-ich habe aber die „sichere“ Unkündbare Arbeit und er ist in der freien Wirtschaft. Dies ermöglicht ihm mehr Flexibilität zu wechseln oder nicht alles hinzunehmen als bspw Kollegen, die Alleinverdiener für eine Familie sind. Die müssen alles schlucken, um nur ja den Job zu halten. Auch scheisse…
        Klar hänge ich auch in Rollen drin, als Mutter, Partnerin, Tochter (wieso erwarten Eltern eigtl dass Töchter sich mehr kümmern als Söhne?!?). Usw. Es gibt viel zu hinterfragen!

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