Der feste Kulturkritiker des NDR, Peter Helling, lässt wenig gutes Haar an diesem Stück, und ein bisschen schmunzeln muss ich schon, ich kann ihm aus seiner Warte als professionellem Kunst-Connaisseur recht geben.
Aber, aber!
Nun huldige ich der Kunst ganz anders, differenzierter und reflektierter. Natürlich nicht! Ich gehe zur Oper OHNE Hintergrundinformationen und begebe mich unwissend in die Hände der Künstler*innen und des gesamten Teams der Veranstaltung. Dazu zählen Garderobe und Bühnentechnik, alles, alles an dem Abend wird eingeatmet und erlebt. Wer intellektuelle Masturbation erwartet, möge woanders lesen, denn ich bin dessen überdrüssig.
Wir haben 2026 und die erste bürgerliche Oper Deutschlands, die Oper in Hamburg, erfüllt ihre Rolle genau in dieser Nische: Sie ist eine Oper für alle.
Und somit sind wir beim Thema: Die große Stille ist keine Oper und das sollte mensch auch nicht erwarten. Aber es ist ein guter Einstieg in die Opernwelt.
Das was es jedenfalls ist: Eine großartige Reise der Gefühle, ich hatte Spaß, wurde unterhalten und fand es gut, großartig sogar! Alle Register wurden gezogen, ich habe gegrinst, bewundernd die Augenbrauen hochgezogen, war aufgeregt, war abgelenkt (ich hatte Hunger!), war entzückt und auch mal gelangweilt. Inhaltlich sogar kurz richtiggehend getriggert, aber das ist zu persönlich.
Der Plot ist nicht sonderlich aufregend und ehrlich gesagt auch nicht so wahnsinnig unterhaltsam, wie er uns verkauft wird. Das mit dem Raumschiff, naja, ganz sweet, aber keinen “vom Hocker Reisser”, und dem Gesicht des Teenagers in der Reihe vor mir nach zu urteilen, auch nicht spannend. Bin froh, meinen Teenager dorthin NICHT mitgenommen zu haben.
Die Inszenierung fand ich trotzdem knorke, auch und weil da einige seltsame Komponenten waren. Zum Besipiel: Eine rituelle Anbetung bzw. Besingung, toll ausgeführt vom Chor; dazu eine Nahrungsaufnahme von Brei?? warum frage ich mich, das ist nämlich nicht gespielt gewesen, wie man denken könnte, nein, die Leute mussten sich wohl tatsächlich etwas reindrücken. Mich erinnerte das Ganze an das Hass-Ritual in Orwells 1984, was aber wohl dem geschuldet ist, dass ich das Buch derzeit lese.
Die Handlung kann gut verfolgt werden, die Darsteller*innen bekamen fünf Minuten ununterbrochenen Applaus, und die Bühnentechnik hat mal wieder 100/10 geleistet. Die Kostüme did some people dirty though.
Der Anfang ist erstmal ein bisschen Theater mit ein paar musikalischen Einsätzen. Dann folgt die eigentliche Oper: Apollo und Hyacinthus wurde von Mozart im Alter von elf komponiert und ist auf Latein. Man hat das Libretto etwas abgeändert und statt Apollo eine Außerirdische eingesetzt, die Aliena (höhö), die echt was für ihr Geld tun musste. Also während der Vorstellung musste sie richtig schuften: Ana Durlovski hat ihren Part mit Bravour gesungen, und ich fand sie sehr passend in der Rolle. Das abgefahrene Outfit war… abgefahren.
Weil es natürlich eine Liebesgeschichte ist, gibt es einen Bösewicht namens Zephyrus (ihr wisst schon, der Wind…), der diesmal weiblich ist: Kayleigh Decker. Ein bisschen queeres Rumgeknutsche durfte nicht fehlen und wurde vom Publikum mit einigermaßen Unbehagen quittiert, was mehr aufs Publikum schließen lässt. Ja, wir haben 2026 und ein knutschendes Frauenpaar erzeugt immer noch “EINE GROSSE STILLE” im Raum.
Als König optisch bestens geeignet, ist der Tenor Gregory Kunde vermutlich unterfordert mit der Rolle und wirkte ein bisschen abwesend, – hätte er nebenher noch Wäsche sortiert, hätte es gut gepasst. Der Australier Rebgetz, ein Paradiesvogel aka Performer, war sympathisch. Völlig unterschätzt der Bass Kowalczyk, der quasi nur zehn Sekunden sang, aber dafür die ganze Zeit durch die Gegend gurken musste, keine Ahnung wie er das hinbekommen hat, ach, das muss man selbst sehen!
Das Ganze geht sich lustig-interessant-keine Ahnung, hab’s nicht kapiert, aus, dazwischen gibt es allerlei kleine, spannende Komponenten, die natürlich dem versierten Operngänger bekannt sind, wie der Chor im Zuschauerraum oder der Dirigent auf der Bühne.
Ja, es ist keine klassische Oper, hier entzündet sich immer wieder der Streit, was muss eine Oper eigentlich bieten, wer ist die Zielgruppe und wie sehr drückt der wirtschaftliche Schuh – und warum Hamburg ein Dorf bleibt, dass Grandezza nicht nur IN der Oper fehlt, sondern auch im Publikum, und was genau das aber auch für Demokratisierung und breiteren Zugang zu Kultur bedeuten kann.
Könnte.
Dem ist nicht so: Oper und Kultur allgemein sind elitäre Betriebe, in dem ohnehin nur wenige viel Geld verdienen; die Konsument*innen von Kultur, die gerne unter sich bleiben, was auch beim jungen Volk so ist, die jungen “Intellektuellen”, das ist schon alles sehr klassistisch. Glamour, Glanz und Gloria – so ist die Realität nun mal nicht, und das ist auch gut so, aber bourgeois bleibt es, und zwar mit dem Geschmäckle des “open-minded” Anstrichs, was sich in der plakativ-performativen Ausübung von Diversität und gefakter linkspolitischer Ausrichtung zeigt.
Fazit: Ich fand’s großartig und sehenswert, eine gute Verbindung zwischen modern und klassisch, unterhaltsam und künstlerisch betrachtet auch “intelektuell” genug. Leider habe ich einen anderen Geschmack als das breite Publikum, sei es drum – wer noch hingehen kann, sollte!