…you can have it all, sure.

Ich habe es probiert. Ich habe gearbeitet, dabei versucht mein Promotionsprojekt wieder zu beleben und Zeit mit meinem wundervollen kleinen Frechdachs zu verbringen.
Ermöglicht wird mir das durch einen sehr flexiblen Arbeitgeber an der Uni. Durch einen außerordentlich fleißigen Ehemann und weitere Strukturen, die mir alles andere abnehmen.
Eine Promotion zählt schon mal 100 Prozent, dazu ein Job von 20h+, und hinterher “geruhsame” Freizeit mit dem Kind. Was ergibt ein 150% Job und ein Kleinkind? Am Donnerstag hatte ich bereits schon meine 50h um, Freitags hing ich halbherzig in den SeilenArmen des Geliebten Wissenschaft. Schaffe ich, schaffe ich.

ICH SCHAFF DAS!
Ich bin gescheitert. Natürlich.

… ich trank Kaffee, schminkte mir die Erschöpfung aus dem Gesicht, jammerte, verzichtete auf Freizeit und verschlief am Wochenende regungslos meine Familie. Männer kennen solche Arbeitswochen aus dem Job – nur dass sie die Schminke nicht haben und im Zweifelsfall dafür ordentlich Schotter und/oder Applaus bekommen. Und eine Rente, die ich nicht bekommen werde, trotz hohem Gehalt (halbe Stelle, nä). Für mich beziehungsweise für eine Mutter ist es ja selbstverständlich!! (hier zwei ausgestreckte Mittelfinger einfügen).
Zeitgleich arbeitete der Ehemann Vollzeit und erledigte ganz so nebenbei den Haushalt und das Einkaufen. Und unsere Freunde sprangen hier und da als Teddy-Sitter ein, damit wir arbeiten konnten.

Was habe ich doch für Luxusprobleme, dachte ich – jammerte zwar rum, machte aber auch weiter, angetrieben von Ehrgeiz und dem steten Gefühl, zu wenig zu tun (niemals jemals ein Mann…).

Ich fasse es kurz zusammen: 5kg Übergewicht, bescheidener Fitnesszustand, keinerlei Vorsorgeuntersuchungen, kein Sport, kaum Freizeit, und ein absoluter Inselkoller, bedingt durch einen eingeschränkten Aktionsradius (Arbeit, Kita) und wenig sozialen Kontakten außerhalb des Jobs. Der letzte Urlaub? Ich hatte entweder Seminar oder war krank. Der nächste Urlaub wird gefeiert wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, könnt ihr mir glauben!
In erster Linie sehe ich richtig scheiße aus, Haut, Haare, dazu die kneifenden Hosen und gefühlt eingelaufenen Oberteile. Von der Promotion habe ich null Wörter (nun ja, nicht ganz so schlimm) und alles andere funktionierte aus diversen Gründen auch eher mittelmäßig.
Ich habe auch nicht mehr gebloggt, was für mich leider auch nicht gut ist (meine Spielwiese!) und konnte mich am Wochenende nicht aufraffen, etwas zu unternehmen. Mal nach Hamburg in die Kunsthalle, mal mein Patenkind besuchen, mal einfach an die Alster fahren oder essen gehen – an sich kein Problem. Ich wollte aber lieber schlafen!

Leider kenne ich niemand, der in einer ähnlichen Situation ist und einen ähnlichen Background hat. “Überall” gibt es eine aufopfernde Gattin oder Großeltern auf der Ecke, eine “bescheidene” Erbschaft oder Einkünfte in fünfstelliger Höhe monatlich. BeamtInnen. Selbstständige. Kinderlos. Von Beruf Sohn oder Tochter.MOMENT!! Wo lebe ich eigentlich, auf welchem Mond?!
Mein Mikrokosmos ließ mich kurz glauben, dass ich falsch in meinem eigenen Leben bin. Natürlich der blanke Unsinn, schließlich lebe ich in einem inzestuös anmutenden Luxus-Vorort der Großstadt Hamburg, einer Brutstätte des Nepotismus. (Nebenbei bemerkt, mit hervorragendem Leitungswasser und einem schönen Kurpark, das muss man Lüneburg ja lassen.)

Und.ich.habe.ja.alles – Zeit, Geld, und Übergewicht.

Ich befürchte, alles zu haben ist ein echtes Luxusproblem. Und am Ende des Tages kann Geld Dir unendlich viele Dinge kaufen, doch Zeit ist endlich. Die paar Leute, die sehr viel Geld haben, haben unendlich viel Zeit, die sie nicht ausfüllen können, und rennen erlebnishungrig jedem Happening hinterher, oder der Berühmtheit, oder sonst irgendeine Form von Bestätigung und ja, Liebe. (Ich empfehle hierzu eine Auseinandersetzung mit Instagram, ist sehr aufschlußreich….).
Ich bin da nicht anders. Ich liebe schöne Dinge, ich brauche Bestätigung von außen – doch ein ganz wichtiger Aspekt meines Wesen blieb dabei völlig unberücksichtigt: Ich liebe es, zu denken. Klingt hochnäsig und abstrakt, aber es ist einfach die Beobachtung und Schlußfolgerung bestimmter Dinge, unterlegt mit logischen Begründungen; es ist das Verstehen, das mich glücklich macht. Leider hat noch keine Stellenanzeige diesen Job ausgeschrieben, also muss ich ihn mir erarbeiten oder erschaffen, denke ich.
Ergo: Priorität? Promotion!
Es gibt Dinge, die auf einer Prioritätenliste nichts zu suchen haben, meiner unbescheidenen Meinung nach: Das eine ist man selbst, und das andere ist die Familie/Liebe. Daher: Priorität Promotion! Das ist unsere Priorität derzeit, ich und wir wurschteln uns da jetzt durch. Nach der Schleife, die ich ja mal wieder nehmen musste, um ja selbst auf die Nase zu fallen, bin ich wieder am Ausgangspunkt, wo ich bereits vor einigen Jahren schon stand. Mit sowohl erschwerenden als auch erleichternden neuen Bedingungen. Und definitiv schlauer!

Dieser Beitrag war schon laaange fällig und musste echt dringend mal raus. Ja, es gibt LeserInnen (und Bekannte), die sich Sorgen gemacht haben, nachdem ich so lange nichts schrieb. Klar, der Heuschnupfen hat einiges beigetragen, man ist einfach weniger leistungsfähig, und die sich nähernde 40 ist auch nicht von der Hand zu weisen. Der wahre Grund ist aber, das ich alles wollte – den Preis aber nicht bezahlen will.

Ich habe Euch eine Reise versprochen… Kommt mit, und macht es schlauer, als ich immer so tue.
P.S.
Die Lösung meines Problems? Erkenntnis, Analyse, Stärkung der vorhandenen Ressourcen, Umsetzung.
Und dabei immer schön lamentieren und Freunde vollheulen, aber ich muss damit ja nun mal raus.

Wie ich das Problem gelöst habe ist klar, oder? Schließlich habe ich ja Zeit zum bloggen…

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10 Gedanken zu „…you can have it all, sure.

  1. Ja, das Märchen von “you can have it all”… Keine Ahnung, wer das in die Welt gesetzt hat. Leider kann man eben nicht alles haben. Zumindest nicht als Normalsterbliche/r mit normalem Gehalt. Ich denke, da wo Du stehst, standen schon viele andere, die sich auch eingestehen mussten, dass es nicht mehr so weitergehen kann. Für mich ist das auch einer der Gründe, warum ich mich gegen Kinder entschieden habe – ich würde es einfach nicht mit meinem Leben vereinbaren können. Irgendwo muss man immer Abstriche machen. Ich hoffe, Dich zieht das alles nicht allzu sehr runter. Ich freue mich jedenfalls, dass Du nun wieder die Zeit zum Bloggen findest! Alles Liebe, Elissar
    Elissar kürzlich veröffentlicht..… Chanel: Les Beiges Stick Belle Mine Naturelle N°21 & 22My Profile

    1. Elissar, das ist ein heftige und verständliche Konsequenz, die viele ziehen.Gerade in dem Sektor der studierten Frauen ist es sonst vertane Zeit gewesen, denn mit dem egal wie kurzen und vorübergehenden Ausstieg aus dem Job ist ein Stigma verbunden, der sich sofort auswirkt. Während Männer ob 2 Monate Elternzeit gefeiert werden (na ja, oder bestraft…) wird der Mutterschutz schon genutzt, um die Frau zu demontieren, natürlich rein vorsichtshalber falls sie mal fehlt/ersetzt werden muss bla bla. Du kannst alles haben ist natürlich ein Unsinn, der gerne von der Elite des Landes vorgelebt wird und auch in Zeitschriften propagiert wird. Adorno hätte seine Freude dran gehabt und sich die Finger wund geschrieben! Aus seiner kritischen Perspektive gibt es daher nur eine Übersetzung: Das Märchen von “you can have it all” dient nichts weniger als dazu, den Mann/die Frau im kapitalistischen System zu “unterjochen” und Möglichkeiten vorzugaukeln. Dem sei nichts hinzugefügt…

  2. Ich lese sonst nur still mit und freue mich über jeden Artikel der in Richtung Feminismus oder Dr. Hauschka geht (ich meine einzeln – wobei, wer weiß, vielleicht geht das ja auch zusammen;-)). Aber dieses Thema spricht mich auf so vielen Ebenen an – da muss ich mich mal melden.
    Ich habe eine ähnliche Situation – 30 Std. Job, lange Fahrzeit zur Arbeit, 2 Kinder, parallel in der Ausbildung zur Yogalehrerin und ambitionierte Marathonläuferin. Geht nur, weil ich nicht für Haus und Kinder verantwortlich bin, sondern alle Aufgaben mit meinem Mann teile. Und Zeiterfassung auf der Arbeit habe mit voller Gleitzeitmöglichkeit. Und eine tolle Kita. Aber trotzdem ist es natürlich etwas zu viel und ich blicke oft verwundert auf meinen Mann, der das alles (32 Std. Job, lange Fahrzeit zur Arbeit, 2 Kinder, viele Extras alleine stemmen, weil Partnerin eine Yogaausbildung macht und sehr ambitionierter Marathonläufer) stemmt und dabei seinen Mut und seine Fröhlichkeit nicht verliert. Leider gibt es nicht noch mehr solcher Exemplare in meinem Freundes- oder Bekanntenkreis, denn ich würde wirklich mal gerne den Unterschied erkennen. Ist es vielleicht das Selbstverständnis in der traditionellen Rolle? Dass ich ständig das Gefühl habe zu scheitern, während mein Mann vielleicht eher das Gefühl hat, erfolgreich zu sein? Aber irgendwie kann das auch nicht sein, denn mit Elternzeit und Reduzierung war bei ihm sofort ein Statusverlust auf der Arbeit zu spüren.
    Wie dem auch sei, mein nächster Schritt wird eine weitere Reduzierung der Erwerbsarbeit sein (ich vermute, das machst du auch?) und ich bin einerseits erleichtert, aber gleichzeitig auch frustriert. Warum ist das im Frauenleben die fast zwangsläufige Konsequenz? Ich kenne meine persönliche Antwort, aber es ist ja naiv das als privat anzusehen, wenn es das übliche Konzept ist mit den üblichen Folgen.

    1. Liebe Kerstin, das ist hier genau so! Und dabei nur ein Kind, wobei mein Ehemann 40h arbeitet und wir kurze Wege haben (aber auch kein Auto). Ja, meine Konsequenz ist eine vorübergehende Reduzierung der Arbeitszeit zugunsten der Promotion aber auch des Kindes, das ich so öfter mal früher abholen kann oder mal ein Tag Zuhause anbieten kann, falls er übermüdet ist oder um die Großeltern zu sehen. Ich bin auch frustriert und von Selbstzweifeln gepalgt, dabei ist es objektiv betrachtet Unsinn, denn ich bin gut, in dem was ich tue, und wir haben alles optimal verteilt, alles im Griff. Bis auf die übliche Müdigkeit, die ein Frühaufsteherkind mit sich bringt, können wir nicht klagen;-) ABER: Das Geheimnis ist ganz einfach: Wir sind so sozialisiert worden. Wir sollen opfern, uns für alle sorgen, wir sollen den sozialen Kitt und die Familienarbeit bereithalten. Und nie ist es genug (weil eine Endlos-Aufgabe) – während Männer in jeder Situation lernen als Gewinner heraus zu gehen. Scheitern? Sie scheitern nicht, sie sind Wegbereiter. Als Frau ist Ehrgeiz tabu; auch diese Art zu sprechen ist tabu. Übrigens ist das keine private, sondern eine polotische Frage: Altersarmut, fehlende Fachkräfte, die Debatte um Kinderbetreuung und Kinderlosigkeit, ja selbst Kinderarmut sind Randthemen, die das berühren. Wir sind ja in unserer Lebenswelt keine Einzelpersonen ohne Kontext. Es ist ein übliches und gerne genommenes Totschlagargument, dass es ein “privates” Ding sei. Diese Dinge kann man nicht privat entscheiden, weil man nicht die Wahlmöglichkeit hat, die eben strukturell vorgegeben sein müsste.

  3. Habe dazu noch einen Buchtip: Geht alles gar nicht von Marc Brost und Heinrich Wefing. Habe es selber noch nicht gelesen (liegt aber zu Hause parat), aber in unseren Genderkreisen macht es recht die Runde und zeigt das ganze aus Männersicht.
    Hier haben Männer übrigens nur zwei Tage Vaterschaftsurlaub. Manche Firmen sind dann “grosszügig” und erhöhen auf zwei Wochen, danach ist Sense. Finde ich auch nicht ok.
    Elissar kürzlich veröffentlicht..… Chanel: Les Beiges Stick Belle Mine Naturelle N°21 & 22My Profile

    1. Die Schweizer sind gnadenlos, ja. Da haben wir es hier schon besser – und kriegen trotzdem keine Kinder?! Tja… Die Kultur ist doch stärker als die Struktur, und die diskriminiert, meine Fresse, das ist echt krass was man als Frau so alles “erleben” darf. Wir sind hoffentlich die Generation, die etwas ändert, aber der Rückzug ins konservative Geflecht wird in solchen unsicheren Zeiten ja gerne genommen und ich früchte wir sind eher 2Schritte nach vorne, 3 zurück als Tempo. Das Buch wurde ja ausführlich auf Zeit.de beworben oder SpOn?! aber ich kenne ja die Misere der Väter aus dem Reallife. Wobei, wie gesagt, alles gehobener Mittelstand, Misere ist ein Euphemismus…

  4. Und bei mir geht es genauso, dass ich mir schon ausmale, womit ich die gewonnene „Freizeit“ füllen möchte. Und genau wie bei dir stehen dann Kinder (früher abholen!) und meine Eltern auf der Liste. Als mir dann noch Dinge wie „Brot backen!!!“ oder „Garten bepflanzen“ durch den Kopf gingen, habe ich mir schon gedacht, dass ich damit wahrscheinlich ganz schnell wieder in die gleiche Lage komme, in der ich jetzt bin. Ich hebe den Anspruch an meine Fürsorgepflicht (aufopfern trifft es da ganz gut, wie du schreibst), das wird dann wahrscheinlich normal und schon frage ich mich dann, ob ich nicht noch mehr Zeit zu Hause und weniger Zeit auf der Arbeit brauche… Vor allem werde ich dann vielleicht zur Expertin für Haus und Kinder – ein Zustand, den ich jetzt zum Glück nicht habe. Wer am meisten weiß, muss alle Probleme dann meistens auch lösen. Deswegen ist mein Vorsatz für das nächste Jahr mit 20 Stunden Erwerbsarbeit: Die Zeit auf keinen Fall mit Haushalt auffüllen!

  5. Hi,
    ich arbeite “nur” 20 Stunden im Büro, mein Mann 35 + da er noch eine zusätzliche Tätigkeit/Beruf anstrebt.

    Trotzdem ist man als Frau immer an die Kinder gebunden, man managt vieles und verbringt die Stunden mit dem Kind.

    Am besten ist es wenigstens 1x im Monat einen halben Tag nur für sich abzutreten und OHNE Kind etwas zu unternehmen. Raus aus der Wohnung/Haus sonst ist man immer erreichbar 🙂
    Auch ich muss mir das wieder zu Herzen nehmen, sonst bin ich nur mehr Hausfrau! Man sitzt in der Wohnung und immer ist irgendetwas im Haushalt zu tun. Teilweise schon abartig, wie man in diesen Kreislauf der Nur-Hausfrau rutscht.

    Und ich streiche mein schlechtes Gewissen, wenn ich mal erschöpft neben dem Kind auf der Couch rumliege!

  6. PS: und auch wenn man nur Teilzeit arbeitet, Kindererziehung ist einfach anstrengend. Wenn man sich mit dem Kind wirklich beschäftigt. Es soll ja auch Mütter geben, die ihre Kinder stundenlang vor dem TV platzieren. Und rückblickend auf meine Kindheit muss ich schon sagen, meine Mutter war mit 3 Kindern auch komplett auf sich alleine gestellt. Vater ging 40 Stunden arbeiten, Mutter hat Haus und Kinder gehütet. War sie zufrieden? Nein, jetzt im Nachhinein gesehen auch nicht. Und ich verstehe sie.

  7. Huhu,

    es ist nicht immer einfach eine kluge, emanzipierte Frau zu sein. Man stolpert zwischen Selbstanspruch und den vermeintlichen Erwartungen anderer hin und her und weiß am Ende gar nicht mehr, wer man nun selbst eigentlich ist. Zwischen Rabenmuttertum, Selbstoptimierung und dem Druck, allem gerecht zu werden, vergisst man leicht, dass es nur eine Person ist, die man tatsächlich glücklich machen kann: Man selbst.
    Und die Menschen, denen Du wirklich etwas bedeutest, verstehen und unterstützen.
    Dein Beitrag macht Mut. Du bist eine gestandene Frau und ein Vorbild – jedenfalls für mich kleine Studentin, die noch nicht in der echten Welt angekommen ist und etwas angstvoll in ihre eigene Zukunft schaut. Deine Beiträge hier sind ehrlich, menschlich und ein guter Hinweis, wie es im Leben (gut) laufen kann und man sich dagegen wehren kann, unters Rad zu kommen.

    Ich gratuliere dir zu deiner Priorität und wünsche dir viel Erfolg dabei, einfach nur DU zu sein.

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