BARBARA VINKEN über das deutsche Mutter Mythos

In einem Fernsehinterview des Senders 3sat äußert sich die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Barbara Vinken zu einem ihrer Forschungsthemen, dem Mythos der deutschen Mutter.

Die in München lehrende Vinken äußert sich zum Werk der französischen Philosophin Elisabeth Badinter “Der Konflikt: Die Frau und die Mutter” (Verlag Beck 2010, ISBN-13: 978-3406608018). Mit einem scharfen Blick von außen äußert sich die Französin zum deutschen Muttermythos, der (besonders in der westdeutschen Tradition) der Frau einiges abverlangt.
Mutter sein bedeutet Abgabe der Autarkie in jeglichem Sinne – sonst ist man eben hierzulande eine schlechte Mutter. Das bedeutet demnach fast immer automatisch einen Halbtagsjob bei von vornerein schlechterer Bezahlung, Beschneidung der finanziellen Abhängigkeit, des erotischen Lebens und vor allem: Die Aufgabe der Selbsterfüllung und Zufriedenheit, die sich aus anderen Dingen außer dem Muttersein speisen.

Harter Tobak?

Aber leider die bittere Wahrheit – nirgends ist der Muttermythos so ausgeprägt wie in Deutschland, was man spätestes an solchen bescheuerten Äußerungen wie die von Eva Hermann merken kann.

Als Akademikerin und Wissenschaftlerin habe ich wie viele in meinem Metier (4 von 5 Professorinnen in Deutschland haben keine Kinder), ungeachtet der persönlichen Vorstellung, gar nicht erst die Möglichkeit anders zu entscheiden. Nämlich gegen Nachwuchs.
Dabei sind Frauen im öffentlichen Dienst sehr gut dran, in der freien Wirtschaft kann man es komplett vergessen. Und man darf nicht vergessen, dass der Muttermythos ganz unten in der Gesellschaft sowie ganz oben (die von mir verhassten Berufs-Hausfrauen, auch: Vorzeige-“Körper-ohne-Gehirn-Hauptsache-ordentliche-Gebärmutter”) am stärksten ausgeprägt sind, weil die Zuspitzung der Verhältnisse sich dort am ehesten zeigt.

Sagen wir es mal so – in Deutschland hat eine Frau die schlechtesten Bedingungen, um eine Familie zu gründen. Lohnungleichheit, null Kinderbetreuung, und gesellschaftliche Verachtung. Wer hat es verschuldet? Die deutschen Frauen. Wer kann es ändern? Die deutschen Frauen.

DU.

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4 Gedanken zu „BARBARA VINKEN über das deutsche Mutter Mythos

  1. Badinter wurde neulich auch von Spiegel-Online (oder vielleicht war’s auch der Stern) interviewt. Die Gute hat ja einige wirklich steile Thesen, aber sie hat durchaus nicht Unrecht.

    Ganz kurz umrissen zu dem, was Du geschrieben hast: Das Problem ist eben, dass es mehrere gesellschaftliche Subsysteme gibt, deren inhärente Logiken sich widersprechen: Arbeitswelt, Kinderbetreuung, Rentensystem, (neueres) Scheidungsrecht.

    Ich will nun weder Partei für Vollzeit-Hausfrauen, noch für das andere Modell ergreifen, beide bergen gewisse Risiken, aus denen sich wiederum unterschiedlich gelagerte Fallhöhen ergeben. Das Optimum wäre meines Erachtens dann erreicht, wenn man(n)/frau wirkliche Wahlfreiheit hätte und das “Vereinbarkeitsproblem” (sofern denn eine Verquickung von Familienleben und beruflichem Vorankommen gewünscht ist) mindestens so sehr ein Thema bei Männern wäre, wie es das für Frauen ist.

    Der politischen Korrektheit ist es ja nun geschuldet, dass halbwegs moderne Männer mit Bekenntnissen zum Gleichheitsanspruch recht flott dabei sind – einzig, es bleibt meistens bei jenem Lippenbekenntnis und die Herren der Schöpfung werden meist spätestens dann unruhig, wenn es darum geht, selbst beruflich zurückstecken zu sollen zugunsten der Kinderbetreuung. Womit ich nun aber keineswegs den schwarzen Peter verteilt sehen möchte, im Gegenteil, die derzeitigen Rahmenverhältnisse sind ja im Grunde genommen auch männerfeindlich.

    Der Knackpunkt liegt da vielleicht eher auf der Interaktionsebene, dass Frauen häufig einfach vorschnell klein beigeben und sagen: “Na gut, dann kümmere ich mich eben (um die potentielle Familie)!”. Und die Männer fügen sich in die ihnen zugedachte Ernährerrolle, die ja durchaus auch nicht immer glückselig-machend ist, aber eben doch noch am ehesten dem Mainstream-Konsens entspricht. Der von Dir erwähnte Lohnabstand und die unterirdisch schlechten Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Deutschland tragen dann natürlich auch zu derlei Entscheidungen bei, womit man dann wieder bei oben erwähnter Inkonsistenz der Subsysteme wäre.

    Verzwickt. Fröhliches Scheitern in der einen oder anderen Form ist da quasi vorprogrammiert.

    Was ich hierbei wirklich schade finde, ist, dass Deutschland sich viel zu wenig bei anderen europäischen Ländern abguckt, was man wie womöglich besser machen könnte, denn da gibt es genügend Beispiele.

    1. @Aorta – das Vereinbarkeitsproblem tritt in der Tat für beide Seiten auf. Dass es bei Männern dabei bei Lippenbekenntnissen bleibt ist klar und einfach: Sie verdienen mehr Geld. Sie fallen nicht physisch aus. Sie fallen nicht auf und weisen mit einem dicken bauch auf ihr Geschlecht hin. Mit schwangeren Frauen können die meisten doch gar nicht umgehen.
      Man sieht es zudem in der Presse – wenn ein Celebrity schwanger ist, wir es medial verabreicht wie ein dreifach Oscar. Die meisten benutzen Schwangerschaft gar als Karriereschub oder als eigene Karriere.
      Interessant finde ich die These dass es sich bei der selbstgewählten Rolle als Supermutti um eine Auflehnung gegen die 68er Frauen handelt, weil die selbst keine liebenvolle/behütete Kindheit gehabt haben, weil die eigenen Mütter sich realisieren wollten. So wollen viele einfach ihren Kindern das bieten, was ihnen selbst gefehlt hat. Also das Kind als Selbst-Therapie. Naja.

      Weshalb sich DE nicht anders orientiert? Ich weiß nicht, vielleicht weil die männliche (katholische) Lobby aus Süddeutschland in der Politik so stark ist?

      @Jana: Ja, kann ich nachvollziehen.

  2. Die reduzierte physische Belastbarkeit dauert allenfalls neun Monate (je nach Schwangerschaftsverlauf), rechnet man noch eine Erholungsphase danach dazu, kommt man pi mal Daumen maximal auf ein Jahr. Selbst in den schnelllebigsten Branchen sollte das eigentlich kein Problem sein, sofern wirklich der gesellschaftliche Wille vorhanden wäre, was zu ändern. Ermutigend fand ich neulich einen Bericht in der Zeit über eine Rechtsanwältin, deren Arbeitsgeber sie nach der kurzen Mutterschutzzeit mit einem Abfindungsangebot und fadenscheinigen Argumenten loswerden wollte, wogegen sie nun klagt und dies auch notfalls über alle rechtlichen Instanzen durchziehen will.

    Kinder zu kriegen ist naturgemäß Frauensache, logisch, warum aber Erziehung primär Frauensache sein soll, dazu konnte mir bis heute noch kein Mensch eine Studie vorlegen, die im Einklang mit ernstzunehmenden wissenschaftlichen Gütekriterien durchgeführt wurde. Meist werden da so ganz verschwurbelte biologistische Argumente ins Feld geführt (also genau das, was Badinter so vehement kritisiert). Deutschland ist meines Wissens auch das einzige Land, in dem es den Begriff der “Rabenmutter” gibt, das sagt so Einiges aus, find’ ich.

    Wie gesagt, dass Optimum wären meines Erachtens Rahmenbedinungen, die beiden Geschlechtern eine echte Wahlfreiheit ermöglichen würden und die Risiken gleich verteilt wären, egal, ob man sich nun nur für den Beruf, nur für’s Familienleben, oder aber die Vereinbarung von beidem entscheiden würde. Ist aber nur sehr schwer umsetzbar, ergo wäre es ja alternativ mal ein Anfang, die verschiedenen Subsysteme wenigstens etwas stringenter zu gestalten. In dem Atemzug denke ich vor allem an die skandinavischen Länder, aber Frankreich ist natürlich im Hinblick auf die Kinderbetreuung und die Mentalität in puncto Bewahrung weiblicher Unabhängigkeit + Mutterschaft auch ein schönes Beispiel.

    Dein Hinweis auf CDU/CSU ist ein guter Anhaltspunkt, aber irgendwer muss sie ja auch schließlich gewählt haben.

    Solche Prominentengeschichten rauschen an meiner Welt glücklicherweise vorbei, ich hab’ keinen Fernseher und lese keinerlei Klatschpresse, da bleibt einem viel Quatsch erspart.

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