Wahrheit ist keine Realität

Hier, ich. Ich habe sogar eine Kolumne, die „Wahrheit“ heißt. Meistens sind das ungeliebte Dinge, Tabus, Wissen, dass wir lieber nicht hätten, (subjektive) Wahrheiten meines Lebens und die meiner Umgebung.

Realität ist hingegen, das was da ist. Der Unterschied? Wahrheit ist subjektiv; sie kann „verdreht“ werden, sie ist Auslegungssache, zumindest vor dem Gesetz. Ist es Mord oder Totschlag? Die Realität ist: Es gibt eine Tote. Eine unverrückbare Tatsache.

Wenn ich also schreibe, dann ist es meine absolute Wahrheit, unzensiert und ungeschönt. Ist es auch die Realität? Ja-und nein. Je nach auf welcher Seite der Geschichte man steht, ist man in einem anderen Interpretationsraum. Doch spätestens rückwirkend haben wir immer eine Realität, Fakten, Dinge die wir schwarz auf weiß haben. Deswegen gibt es ja auch den Berufszweig der Historiker, die retrospektiv forschen. Sie sammeln Fakten und versuchen eine Realität zu rekonstruieren, die wahr sein könnte-aus ihrer subjektiven Perspektive. (Disclaimer: Ich weiß nicht ob das stimmt, ich weiß nicht wie Geschichtswissenschaft funktioniert, ich spekuliere.)

Ich weiß auch nicht, was ich hier gerade schreibe. Klingt seltsam, aber ich schreibe nie für meine Leserinnen, ich schreibe für mich, und ja, man hat mir gesagt, dass man mich gelegentlich nicht versteht. Vieles ist ja auch nur meine Wahrheit, und um die erfassen zu können, braucht man sehr viele Erfahrungen, die die meisten in dieser Zusammensetzung nicht gemacht haben. Wenn man mich fragen würde, was uns Menschen ausmacht, ich würde mittlerweile sagen: Traumata.
Somit hat jeder seine eigene Wahrheit, die er mit sich rumschleift, und kann nur mittels Empathie die Wahrheit anderer erfassen.

Die Realität ist nichtsdestotrotz da – und manifestiert sich in bestimmten Art und Weisen, weil wir uns Wahrheiten aussuchen. Okay, jetzt kann man erahnen, wohin die Reise geht, ich zumindest. Konstruktivismus ist es wohl nicht, nicht meine Baustelle. Ich bin ja eher Abteilung Gesellschaftskritik.

Wenn wir also schreiben, reden, etwas entwerfen, gehen wir mit einem vorgefertigten Blick auf die Dinge los, deren wir uns nicht erwehren können, die aber da sind. Ein 38-jähriger Mann in Deutschland wird sehr wahrscheinlich erzählen, dass es keine Diskriminierung gibt, dass Frauen bevorzugt eingestellt werden zB, und dass er ökologisch-nachhaltig lebt. Die Realität ist bekannt: Punkt 1 bis 3 sind falsch. Daten sprechen zwar auch keine eindeutige Sprache, aber sie sind meist zuverlässige Indikatoren.

Wir können uns dieser subjetkiven Dinge also bewusst sein und diese in unseren Überlegungen und Handlungen implementieren; wir können also soweit Situationen und Gespräche dekonstruieren, bis sie mehr Realität als Wahrheit sind. (Derrida wäre jetzt stolz auf mich, ich habe ihn nie verstanden, aber immer gefühlt.) Das klingt furchtbar kompliziert und anstrengend, erfordert aber eigentlich nur ein wenig Meta-Ebene und „sich in die andere/n Positionen versetzen“, also die Situation erfassen, runterbrechen, seine persönliche Optik herausnehmen, und ohne Bewertung erstmal ein paar Fakten aufnehmen.

Ich finde, die Pandemie ist eine lehrreiche Situation. Wir haben Aussagen wie „ich kann mit Maske nicht atmen“-das trifft für diese Person zu. Es ist belegt, dass es kaum eine Beeinträchtigung gibt, aber: Die Person kann unter Umständen die maske mit der Situation gleichsetzen und so eine Pandemie raubt einem schon den Atem. Zack – Realität und Wahrheit.

Wir haben eine Pandemie, ein korruptes Wirtschaftssystem und eine gesellschaftliche Spaltung sondergleichen. Realität oder Wahrheit?

Jetzt ist es ja so, dass wir die Realität nicht anpassen können. Sobald also etwas in dem System anfängt zu wackeln, werden neue Wahrheiten geschaffen – ich glaube das ist das, was man mit dem unsäglichen Wort post-faktisch so meint, also mit dem Wort Lüge. Auf einmal ist man also dabei, die Wahrheit mittels einer Lüge zu konstruieren. Geschieht das bewußt?
Nun, wenn man die vielen Menschen sich anschaut, die an wirklich unglaublichen Dingen glauben und es für die Wahrheit halten, ob es Adam und Eva ist oder aber Künstliche Intelligenz, dann weiß man auch, dass deren Wahrheiten keiner Realität entsprechen, und diese trotzdem irgendwie existiert, als deren subjektive Wahrnehmung. So kann man jemanden gegenüber sitzen und sagen: Ja, mir ist dies&das passiert, und die andere Person leugnet das, auch wenn man beispielsweise konkrete Beweise/Daten dafür aufbringt.
So werden also aus Lügen durch den Brustton der Überzeugung auf einmal Wahrheiten, und diese werden, je nach in welchem System das stattfindet, in Realität transformiert. Behauptet nämlich eine Person gegenüber einem Höherstehenden/Mächtigeren, dies und das wäre passiert, liegt die Deutungshoheit in der Regel beim letzteren.
Wenn ich also vorschriftsmäßig 50km/h fahre und die Polizei mich anhält, und denen gefällt meine Nase nicht, bekomme ich ein Strafzettel. Dagegen kann ich nichts tun. Und schon bin ich jemand, der eine Ordnungswidrigkeit (oder wie das heißt begangen) hat. Aus der Lüge wurde Wahrheit wurde Realität.

Immer noch nicht abgesprungen? Sehr tapfer, ich weiß nämlich immer noch nicht genau, worauf ich hinauswill. In solechen Fällen hilft es aber immer, zu fragen:
Schafft man sich aus seiner Wahrheit auch eine Realität? Rein nach dem Motto: Fake it ‚till you make it?

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