…neuerdings sind Oberbürgemeiserin-Wahlen in Lüneburg und die Stadt ist plakatiert mit allerlei inhaltsleeren Plakaten mit Gesichtern. Der wahre Wahlkampf findet in der Lokalzeitung und auf Social Media in den Kommentarspalten statt, wie mir Instagram zeigt.
Ich habe sogar das Höllenportal Facebook geöffnet, um mir einen Eindruck zu verschaffen, denn die meisten Menschen hier sind keine Millenials mehr, und man muss die größte Wählergruppe natürlich auch dort einfangen.
Ich finde, dass so ein Kuhkaff ein Miniaturbiotop ist: Hier sind alle privat und geschäftlich verzahnt, jede*r kennt jeden und Politik und Wirtschaft – naja, in anderen Ländern ist es Korruption, hier nennt man es “Netzwerk”. Das wirklich Schlimme ist: Es ist ein Männernetzwerk und DU KOMMST HIER NICHT REIN. Schaut man in die schMerz Regierung, findet man das selbe Konstrukt, nur dass die Beträge, um die es geht, viel mehr Nullen haben. Es sind ja auch mehr Nullen da LOL.
Zuletzt habe ich in Lüneburg die grüne Kandidatin gewählt, Claudia Kalisch. Der Grund ist einfach: Wir haben einen gemeinsamen wissenschaftlichen Background, und sie ist eine Frau. Für mich ist der Zug abgefahren, aber unsere Töchter brauchen Vorbilder!
Mich für diese Wahlen zu interessieren fing an, als ich auf Instagram las, dass sie ja die letzten Jahre nix hinbekommen hätte. Sollte ich meinen Augen ntrauen? Ich sehe doch die Dinge?!
Fast forward vier Jahre später sehe ich als unbedarfte Person die Dinge, die in der Stadt passiert sind: Grünflächen, Spielplätze, Radwege, soziales Miteinander im Blick. Oberbürgermeisterin sein bedeutet offenbar permanente Sichtbarkeit, permanentes Arbeiten – ich habe sie sogar einmal kurz live gesehen. Auf einem SA, wo sie eine kleine Rede für Schüler*innen hielt und dann zu nächsten Termin sauste. Krasser Energiepegel, und super nett.
Weil ich neugierig bin, habe ich sie dann auch mal ernsthaft gestalkt, und war bei einer Veranstaltung, wo sie den Habeck inhaltlich und rhetorisch in die Tasche gesteckt hat. Klaro, sie ist eine Umweltwissenschaftlerin, heute vollmundig Nachhaltigkeit, und hat einen MBA in Wirtschaft. Da ich den Lehrstuhl kenne, weiß ich dass sie Haare auf den Zähnen haben muss, da wird einem so gar nix geschenkt.
Meine dann doch etwas längere Recherche ergab, dass ich drei Dinge aus dreißig sehe. Wie immer sind die Dinge an mir vorbeigegangen, weil es sich um wenig sichtbare Umweltschutzdinge handelt. Nachhaltigkeit ist kein sexy Stichwort mehr, und so bekam ich nicht mit, dass etliche Piloprojekte ausgerollt wurden. Dann so Sachen mit Ganztagesbetreuungin Grundschulen, igitt! Wie kann sie nur?! Sie ist dann auch noch Vizepräsidentin des Städtetags, der größte kommunlae Verband, die tatsächlich auch in der Gesetzgebung mitmischen. Sonst hätte ich keine kostenlose Ganztagsbetreuung, das hat sie tatsächlich durchgedrückt, – weil sie weiß, wie sch*** es ist wenn das verdiente Geld für die Kinderbetreuung abfließt. Männer would never. Aber wieso kriegt man so wenig über die umgesetzten Sachen mit??
Es ist sehr einfach: Die lokale Medienlandschaft sind alte weiße Männer, die wollen sowas nicht, und als ich gestern an einem Ferrari mit Lüneburger Kennzeichen vorbeiging, war mir auch irgendwie klar, warum.
Dann habe ich mir aber auch die anderen Pappnasen, ich meine Kandidate*innen, angeschaut: Der eine ist ein Tech Bro und hat sich scheinbar Peter Thiel als Vorbild genommen, heillos überfordert. Ein wohl kompetenter, aber mir persönlich ungeheuer unsympathischer CDU Dude. Die SPD? Eine weitere Frau, eine alte Häsin im Geschäft, kann aber nicht sagen wofür sie steht, das ist momentan ein großes Problem der SPD…
Spannender wird es, wenn man die Leute schon kennt: Der stets politische ehemalige Kommilitone, der windigerweise mal so eben die Partei wechselt. Der Choleriker, der unglaublich gut vernetzt ist und dessen Parteilosigkeit scheinbar braune Spurenelemente enthält und dessen Kugelschreiber in allen Briefkästen der Stadt gelandet sind.
Es ist ein Miniaturabbild unserer Zeit: Die Inkompetenten, die Vernetzten, die nach Oben-Gelobten, die Windigen, die überqualifizierten Frauen.
Wenn man als Frau Karriere gemacht hat, oder es versucht hat, kennt man diese Menschen, die ekligen Blicke und die noch ekligeren Gespräche, die man abends abduscht. Als Politikerin musste sich die aktuelle Bürgermeisterin öffentlich!! über ihre Scheidung rechtfertigen. ALTER. Währenddessen wird der Kumpel von dem anderen Kumpel medial gepusht, um dann als Mann allen ernstes Dinge von sich zu geben wie: Er dürfe ja Sonntag ausschlafen und seine Familie würde das ja alles mittragen. Es lebe das gute, alte Patriarchat, der Mann hat seinen Spaß, während ihm einen nicht weiter benannte Frau den Rücken freihält. Illustration dazu: Er mit seinem Thronf… Sohn. Solche Leute habe ich ja gefressen.
Natürlich wähle ich wieder die Frau, die offensichtlich Sonntags aufsteht, sich nicht zu fein ist vor Grundschulkindern zu sprechen, Ganztagesschule ermöglicht hat, und dessen Haare ich unglaublich beneide. Sie ist eine Frau, die es “geschafft” hat, und was mir besonders gefallen hat: Die ihr Rampenlicht auch teilt. Send the elevator back down – die wirklich mächtigen Frauen machen genau das.
Was ich noch gelernt habe: Entsiegelung, also das Entfernen von betonierten Flächen, Begrünung und Moore sind die paar Sachen, die unseren Arsch in der Klimakrise retten können, wenn wir sie angehen. Danke hier an den Landratskandidaten Torsten Franz und Professorin Vicky Temperton, wo ich ein Gespräch belauscht habe. Guerillabegrünung auf die Lehrpläne!