Hamburgische Staatsoper: Monster’s Paradise


Wenn man im Zuschauerraum sitzt und sich fragt, ob man sein Methylphenidat besser durch die Nase gezogen hätte – dann hat Kunst was richtig gemacht. “…ich will auch, was die zum Frühstück haben!” murmelte ich zu meinem Sitznachbarn, der lachend erwiderte: Da ist schon genug im Leitungswasser (kleine Anspielung darauf, dass Informationen über Drogenkonsum in Deutschland tatsächlich aus Abwasserwerte gewonnen werden, Grüße gehen nach Frankfurt).
Disclaimer: Kunst ist die einzige legitime Droge.

Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth haben sich selbst inszeniert, in überlebensgroßer Form – was für eine Frechheit! Frauen!! Mittelalte und alte Frauen! Sie finden im Stück als Narratorinnen statt – in Form von Vampirinnen, die sonst eher nicht existieren, und zwar als junge und alte Vampirinnen. Jelinek ernennt sich gar zur Göttin (nicht: Gott) und begleitet ebenfalls in einer Videoinstallation durch das Stück.
EDIT: Die Video-Narratorin ist Charlotte Rampling. Habe ich nicht erkannt, bin keine Cineastin.

Wie immer startet die Inszenierung im Zuschauerraum mit einigen feschen Cheerleadern, eine davon ist eine Disney Figur. Ein paar textliche Plattitüden vorweg, die man ohne Übertitel leider akustisch nicht verstehen kann, ein bisschen Kakophonie und Musikmix, soweit so un-shocking das Entree des Stücks. Das Paradies des Monsters ist in Wahrheit Mar-a-Lago, Trumps persönlicher Sündenpfuhl. Trump ist auch Mittelpunkt der Inszenierung, er und seine Begleiter, das Böse in seiner Dreifaltigkeit: Der latent grenzdebile windeltragende, adipöse Donald, eine meines Erachtens sehr gut gezeichnete Figur JD Vances, und den dritten im Bunde habe ich anfangs nicht zuordnen können – eine Hitlerwitzfigur. Eigentlich sehr deutlich erkennbar, erkannte ich es nicht. Eh, es gibt sehr viele Hitlerwitzfiguren um Trump herum, weshalb man auf Nummer Sicher ging und sich direkt für das Original Adolf entschieden hat. Persönlich würde ich hier Peter Thiel ernennen, allerdings ist das jemand, der höchstens wegen seiner unheimlich schlecht sitzenden Kleidung erkannt werden würde. Kein Wiedererkennungswert, tja.

Sehenswürdige Mentions im Bühnenbild gingen an Mommy Dommy Melania Trump (hierzu ein bisschen Entertainment bei Ali Weiss https://www.instagram.com/aliweissworld/, und an Miss Piggy und Kermit, die einzigen, die nicht in den Epstein Files auftauchen. Diese überleben leider nicht.
Der Bär. Ja, den Bären habe ich vergessen, mein Beileid an den Mitglied des Zürcher Ensembles Ruben Drole, der in diesem wahnwitzig warmen Kostüm rotköpfig sein Debut in Hamburg gibt. Was der Bär soll? Kp, also kein Plan.

Haupthandlung: Die Trivialität des Bösen, also die drei Pappnasen, die sich erstmal eine halbe Stunde lang über Wahlergebnisse echauffieren und, sich dabei selbst vorstellend und darstellend, überhöhen, trifft auf die “monströse” Natur in Form des Monsters Gorgonzilla. Ein bisschen enttäuscht war ich schon, denn ich hatte mir ein übergroßes Monster vorgestellt. Mindestens drei Meter! Nun hat man allerlei Mittel benutzt, um zumindest ein Maßstab der Größe Gorgonzillas darzustellen, daher: Alles gut. Es ist ein sehr, sehr großes Monster, ja? Der Kumpel des Intendanten Rainer Sellmaier hat es echt, echt gut gemacht.

Nun hat selbst Gorgonzilla nicht so Bock auf Trump, und findet ihn selbst als monströses primus inter pares(Erster unter Gleichen, lat.) nicht geil. Übrigens, Zombies kommen auch zum Einsatz, falls jemand gerafft hat, warum und weswegen – ich wüsste es gerne. Leider bin ich eine arme Sau, die mit der Bahn fährt, was hinlänglich erklärt warum ich die Einführung verpasst habe. Und den Snack vor der Aufführung schaffte ich auch nicht, weshalb ich nach der Pause frecherweise ging, um meinen lautstark protestierenden Magen Erleichterung zu verschaffen.
So kann ich gar nicht weiter spoilern, wie nun die ignorante Bösartigkeit des Trios durch Gorgonzilla oder eine andere Gesellschaftsutopie aufgelöst wird.

Die Nachfrage für das Stück war und ist groß, das Publikum sehr aufschlußreich: Auffallend viele ältere Schwule, Szeneintelektuelle, wenige Stammgäste der Oper, die fluchtartig in der Pause den Saal verließen, und viele junge Menschen, die günstige Tickets ergattert haben, worüber sich die Vollzahler in den ersten Reihen sichtlich pikiert zeigten. Das weiß ich von den Studis, die ich überraschenderweise kannte, sogar aus erster Hand. Die Zombies durften auch in der Pause noch arbeiten, Chapeau an die Maske, das sah auch aus nächster Nähe echt eklig aus.
Hinderte mich nicht daran, mir politisch angemessen im Anschluss migrantisches Essen reinzupfeiffen, zubereitet von Ehepaar Kim. Die Reste habe ich um sieben Uhr morgens zum Frühstück verdrückt, denn das ist die einzige Droge die ich brauche, um so einen Artikel zu schreiben: Chilisauce und frittiertes Huhn.

Resümmee: Lustig, musikalisch gar nicht nervig, allerdings akustisch durchgehend unverständlich, Plot auch unverständlich, aber sehr cheek-in-tongue (haha, you see what I did there!) – wer politisch nicht auf den Stand ist, sich nicht in den sozialen Medien informiert, wird ganz viele Anspielungen nicht verstanden haben. Und hier liegt die Stärke des Stückes: Die Inszenierung als solche ist sehr gelungen, es ver-bindet alles toll zusammen. Das Bühnenbild und die Kostüme sind ausreichend symbolisch aufgeladen, so dass sie nicht mehr interpretiert werden müssen, und gleichzeitig als Überzeichnung bezeichnet werden können.
Trotzdem würde man Tobias Kratzer in den nächsten Jahren nicht zu einem Besuch in den USA raten. Hat er auch nicht vor, denn es gibt eine Station nach Hamburg, die noch attraktiver ist. You guessed right: Das Stück geht nach Zürich! Weil nicht alle diese Anspielung verstehen: Wenn man als schwule, weiße Person mehr möchte, geht man in die Schweiz. Mehr Geld, mehr Netzwerk. Ironisch genug, dass es ausgerechnet afd Weidel bestätigt.

Prüften wir das Stück nun nach “wokeness”, wie die Faschisten gerne sagen, es wäre mir als dezidierte Antifaschistin nicht genug. Es ist mir nicht einmal feministisch genug gewesen, aber das ist nun mal im weißen, Bürgi-Kontext der Autorin und der Komponistin so. Klassenkampf und Kunst lassen sich zwar nicht auseinander dividieren, aber nicht jede Kunst lässt sich darunter subsumieren.

Politisch betrachtet ist das eh so eine Sache: Das Stück zeigt mit großem, dicken geschwollenen Finger nach “da drüben”. Easy. Vor der eigenen Haustür kehren hingegen…

Wer EierSTÖCKE hÄt, wird das Stück mit schMerz, Spahn und Reiche inszenieren. Wer weiß, wenn wir den Faschismus, in dem wir drin sind, irgendwann hinter uns haben, wird es auch so ein Stück prospektiv geben – ob ich das allerdings noch erleben werde, steht in den Sternen. Nicht nur, weil die Erde vorher ein klein bisschen verbrennt, wie Monster’s Paradise bereits klimakritisch zurecht adressiert, sondern weil es sich zu lange ziehen könnte.

Denn trotz Beschneidung der Grundgesetze durch die aktuelle Regierung wird immer noch hart geleugnet, dass wir selbst ebenfalls schon längst zu Zombies in Monster’s Paradise mutiert sind.

Das erste Mal: Affordable Art Fair Vernissage Hamburg – der Baumarkt für Rentiers

Diesen Beitrag unter Kultur abzuspeichern tut mir schon fast weh, aber sei es drum, die eigenwillige Bubble, die sich dort herumtummelt, würde das als Kulturprogramm titulieren. Man kann sich ein Glas Wein oder gleich eine ganze Flasche kaufen, das sagt eigentlich alles. Das dritte male dass ich dieses Jahr Alkohol getrunken habe, denn nüchtern konnte ich mir das nicht geben.

Das Niveau der Kunstwerke ist okay, einiges ist fancy Baumarkt, einiges war wirklich gut, “echte” Kunst boten die drei Newcomerinnen an. Es ist eine gute Gelegenheit für Künstler*innen, Kunst loszuwerden, denn man muss ja auch von etwas leben, und “reich und berühmt” werden die wenigsten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Erfolg nichts mit der Qualität der Werke zu tun hat, sondern mit dem Netzwerk, zu dem man Zutritt hat.
Angenehm aufgefallen ist mir ein lithuanischer Künstler, der mich an frühe russische Expressionisten erinnert hat. Leider hatte ich keine 1600 Euro übrig für das eine Bild, aber wer hat:

Es ist natürlich so, dass man als Kunstkennerin schon einen Eindruck bekommt, welche Künstler*innen oder gar Werke als Inspiration dienten, man sagt auch, welcher Tradition sie folgen. Es gab viele Sachen wo ich die Augen gerollt habe, zwei haben mich regelrecht empört, und wisst ihr was? Exakt diese Sachen waren an dem Abend auch weg. Kommerzieller Erfolg > künstlerischer Erfolg, Kapitalismus sei Dank. Übrigens: beides Blümchen-Bilder.

Als ich vor einem Mohnblütenbild stand, dachte ich sofort an Baumarkt und “Love, Live, Laugh” Holzbuchstabendekor. Trivial ist nicht schlecht, hübsch ist nicht schlecht, aber es war wirklich auf Baumarkt-Niveau. Vielleicht ein Hauch japanisch, das war aber schon eine sehr wohlwollende Betrachtung. Nun ergab sich eine maximal peinliche Situation, denn am Ausgang traf ich ausgerechnet die einzige Person, die ich dort kannte, mit drei Bildern unterm Arm. Und was? Zwar nicht die schrecklichen bunten Blumen, die wirklich scheußlich waren und an Ostblock-Bettwäsche erinnerten, sondern die Mohnblumen! Und da hörte ich mich ungläubig sagen: Sie haben diese Baumarkt-Sachen gekauft?! Im Nachhinein ist das eine unglaubliche ignorante Bemerkung meinerseits gewesen, einfach weil es mir nicht zusteht.
Aber, wie mir mal jemand sagte: Geld und Geschmack treffen selten aufeinander. Quod licet bovis non licet iovis LOL Okay das war jetzt auch gemein, aber verdient.

Aber kommen wir zu den viel spannenderen Inhalten der Vernissage: Die Leute. Ich hatte mich extra nicht schwarz gekleidet wie sonst, und weil ich mit der Bahn unterwegs war, auch nicht schick gemacht, bis auf meinem knalligen Lippenstift. Oh, das war ganz und gar unpassend! Denn es war eine sehr schicke Veranstaltung, schicker als die Oper muss man sagen, aber in die Oper gehen vermutlich eher tatsächlich kulturell interessierte Menschen hin.

Die Dichte der Designerhandtaschen und Highheels war sehr hoch. Ebenfalls habe ich das erste Mal in Hamburg ordentlichen Schmuck gesehen, und ich meine damit nicht die ubiquitären Cartier Armbänder. Die Menschen waren alle sehr gut gekleidet und auch gut aussehend, eine herrlich eitle Menge. Natürlich einige junge Damen auf Männerfang, einige interessante queere Leute, aber kein Fußvolk – außer mir, die die Vernissage als Arbeitstermin verbucht hatte.
Modisch aufgefallen ist mir allerdings eine Sache: Lange Röcke, kaum Haut. Selbst die sexy Outfits wirkten züchtig. Keine dicken Menschen. Wenn wir also von Klassismus reden, dann ist es unmittelbar mit Fettfeindlichkeit verknüpft und auch mit Ableismus, herrliche Ambivalenz zu einer Ausstellung, die ausgerechnet “affordable” im Namen hat. Mir schrieb eine Followerin auf Insta: Fart Fair und… ja.
Nun wollte ich Kunst gucken, bekam stattdessen die Rentiers Hamburg zu sehen, und die harsche Realität des Kapitalismus: Stil, Geschmack, Bildung sind nichts wert ohne entsprechendes Kapital. Sind wir ehrlich, die guten Sachen lagen alle bei 6000 Euro aufwärts. Eine Skulptur, ein Bild aus aufgenähten Banknotenschnipslen, eine große Fotografie. Also, mit 20k wäre ich dabei gewesen, hätte allerdings entsprechende Arbeitsräume benötigt, um den Kram abzusetzen, wie sich das gehört.

Wer meinen Geschmack und meine Dienste in Anspruch nehmen möchte, ich bin buchbar, natürlich und gerade für Unternehmer*innen, die im Zuge eines fundierten Image Consultings von Outfit bis zur Kunst an der Wand eine kohärente Bildsprache wünschen. HMU sagt man im Internet: Hit me up!

Hamburger Staatsoper: Das Paradies und die Peri (ohne Spoiler)

Zusammenfassung für Eilige:

Wir haben Queerness, Klimapolitik, mehrere weibliche Hauptfiguren für den Feminismus, Kinderrechte, und das Thema des Willkomen geheißen werden, ein Willkommen für diese Themen und an die Menschen, die mit diesen Themen zu tun haben, nämlich uns allen.

Für Sie, für Euch, für ALLE… das Wort “alle” steht nicht umsonst im Mittelpunkt. Erinnerte mich natürlich an dem biblischen Zitat “Die Letzten werden die Ersten sein”, eine passende Dichotomie zum ursprünglich religiösen Motivs eines Oratoriums, wobei Schumanns “Das Paradies und die Peri” keine Oper, sondern ein weltliches und somit nicht-kirchliches Oratorium ist.

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Also!

Willkommen!

Willkommen in der neuen Ära der Hamburger Staatsoper, geführt von Tobias Kratzer als Intendant und Omer Meir Wellber als Generalmusikdirektor.

Genau um dieses Willkommen sein geht es in Schumanns Nicht-Oper, nämlich eine aus dem Paradies Gefallene wieder willkommen zu heißen, allerdings nicht ohne ein bisschen Arbeit. In diesem Falle Arbeit der Hauptfigur Peri und Arbeit der beteiligten Künstler*innen und gesamten Teams des Hauses, inklusive der Verwaltung im Hintergrund, die undankbarerweise unsichtbar und ohne Wertschätzung agiert.

Die Auswahl der Nicht-Oper #dasparadiesunddieperi, genauer des nicht-kirchlichen Oratoriums, noch genauer des musikalischen Theaterstücks, ist ein Marketingsstreich, den ich genial nennen muss.
Denn es geht heute schon lange nicht mehr um die künstlerische Leistung, falls es überhaupt jemals so war. Kunst war, ist und bleibt politisch. Und in Hamburg geht es heuer um eine neue Art der Vermarktung und Inszenierung des elitären und in Deutschland klassistischen Kulturzweigs Oper, und somit um das Geld, das die Oper einspielen soll.

FÜR SIE, FÜR EUCH, FÜR ALLE – das ist das neue Motto der Hamburger Staatsoper und damit verbunden die neue Ausrichtung. Angefangen mit einer neu aufgestellten Social Media Abteilung (sehr gute Arbeit, Chapeau!), gefolgt von politisch-kritischen und sehr deutlichen Anspielungen in der Bildsprache, sowie eine optische Verjüngungskur der Corporate Identity, will Kratzer vor allem ein junges und diverses Publikum anziehen. Warum? Die, die heute mit günstigen Tickets in die Oper gehen, sind die, die später die teuren Tickets kaufen. Er spricht sogar Eltern an, sehr klug. Das ist natürlich der betriebswirtschaftliche Aspekt, und den darf ein Intendant nicht vernachlässigen. Darüber hinaus ist sichtbar viel Herzblut in die künstlerische Arbeit geflossen, das wird man ohnehin explizit goutieren.

Zusätzlich stellt sich die Oper weniger konservativ und nahbarer dar, durch Afterpartys mit DJs und eine dreitätige Eröffnungsparty, zu der auch die Premiere mit eigenem Hashtag #dasparadiesunddieperi gehört. Dazu gab es in Hmaburg eine Flut bunter Plakate mit Personen, in denen sich das Publikum wiederfinden soll. Das Plakat mit einer Schwarzen Dragqueen war auch richtig schön catchy.
Nur das neue Logo verstehe ich nicht, wobei es mir gefällt und symbolisch was hergibt, aber ich will mich an dieser Stelle nicht zu weit aus meinem Semeiotik-Fenster lehnen.

Von alldem oben genannten lasse ich mich bedingt blenden, dafür war ich selbst zu lange im politischen Marketing, und hinterfrage einige Dinge*, doch ich kann Respekt zollen, wem Respekt gebührt. Tobias! Chapeau! Sollten dich die alteingesessenen Kritiker NICHT feiern, dann hast Du erst recht alles richtig gemacht.

Und damit kommen wir zum Stück. Hier kann ich ein bisschen besser erläutern, was genau der Marketingplot ist und welche politischen Botschaften gesendet werden. Eine Sache im ersten Teil muss ich unterschlagen, die sonst ein Spoiler wäre. Selber hingehen! Ich hoffe, das Geheimnis bleibt gewahrt. Weiterlesen…

Serienempfehlung The Divorce Insurance

Am I late to the party? Ja. Besitze ich seit über einem Jahrzehnt keinen Fernseher und gucke sehr selten Serien und Filme? Auch ja.
Habe ich jetzt als Urlaubsunterhaltung eine koreanische Serie geguckt? Ja!!
“In” war das vermutlich vor zehn Jahren, zusammen mit dem Hype um die Musikbands (heißt K-Pop, ich weiß) und koreanische Kosmetik.

Also ich fand das mal richtig spannend, im Vergleich zu den überwiegend amerikanischen Sachen, die ich kenne. Deutsche Filme und Serien finde ich grauenvoll, immer; kann die also nicht als Vergleich hinzuziehen. Die Amis, ja, da habe ich so einigermaßen einen popkulturellen Begriff. Sehr viel Action, sehr brutal, in Teilen sehr misogyn, sehr unrealistisch, aber stets ein Fest für die Synapsen. Meine Erwartungen sind auch entsprechend…

The Divorce Insurance ist eine romantische Komödie und ab 16, weil darin in einer Szene zwei Leute bekleidet im Bett liegen, mit Abstand! und sich küssen. Erwachsene, geschiedene Leute. Es wird also Geschlechtsverkehr angedeutet, oha!! Ansonsten gibt es keine Gewalt, keine sexuelle Gewalt vor allem und nichts verstörendes. Worum geht es? Es ist eigentlich ein schlichter Plot, der sich als psychologischer Ratgeber für Beziehungen beschreiben ließe.

Ein paar Versicherungsleute erfinden eine Scheidungsversicherung und müssen die auf den Markt bringen, sich als Team behaupten, Bedingungen für die Versicherung erörtern und vor allem: Wie bringt man die Leute, dass die sich eben NICHT scheiden lassen, damit die Versicherung nicht zahlen muss? Und wie geht man mit dem kulturellen Hintergrund um, denn Scheidungen sind in Korea für konservative Menschen immer noch eine Schande für die gesamte Familie.

Dazu muss man auch noch wissen, dass in Korea die Heiratswilligkeit gleich Null ist und die Geburtenrate auch sehr niedrig. Das liegt an den konservativen Werten, der Misogynie der Kultur, der Arbeitskultur und dem toxischem Männerbild – alles wird in dieser Serie angesprochen und gezeigt. An sich könnte man diesen Film als Maßnahme der Regierung sehen: Ein Ratgeber zu Beziehungen in so ziemlich jedem Alter.

Der Plot gibt uns dazu die verschiedensten Paar-Konstellationen, von denen natürlich auch das Versicherungs-Team betroffen ist. Der dreifach Geschiedene, die betrogene Frau, der abwesende Ehemann, die Frau, die NICHT heiraten will. Viele andere Paare kommen dazu, mit relativ gängigen Mustern. Interessanterweise haben alle keine oder erwachsene Kinder, was subtil darauf hindeutet, dass mit kleinen Kindern wohl nix mit Scheidung läuft.

Das faszinierende daran ist, dass alles leicht, nett und gut aufbereitet herüberkommt. Es bedarf keinerlei psychologischer Ausbildung oder intellektueller Leistung, um die Botschaften zu verstehen. Klar, die Szenarien haben allesamt einen bürgerlichen bis finanziell sehr guten Hintergrund, was ausblendet, dass in Korea auch die meisten Menschen unter Kapitalismus und Rezession ächzen. Klassismus ist dort sehr stark und wird in der Serie absolut unreflektiert gezeigt; allerdings kenne ich es aus meiner eigenen Kultur, und hier in Deutschland ist es eigentlich genau so, nur besser verbrämt. Aber okay.

Durch die Serie führte ich viele (Selbst-) Gespräche über Beziehungen und dachte auch über mich selbst nach. Es gibt da natürlich auch die weibliche Hauptfigur, die endlich empowered ist und Mut fasst, anders zu leben, da konnte ich wohl projizieren. Toxische Männlichkeit und mangelnde Kommunikation sind auch ein Thema, wenn auch sehr nett und harmlos verpackt. Natürlich gibt es ein Happy End für alle Betroffenen, selbst die einzige stattfindende Scheidung wird positiv angegangen.

Alles in allem herrlich leicht verdaulich, mit einigem Tiefgang hier und da, sehr unterhaltsam und perfekt für Leute, die eine Beziehung hatten, haben oder im Dating-Game sind.

Und weil ich ein Konsum-Opfer bin, habe ich in jede Szene das Styling genossen und den Schmuck, die Handtaschen, sowie das Interieur. Props an die Stylistin der männlichen Hauptfigur, die sich richtig ausgetobt hat, und an wenn auch immer die Accessoires ausgesucht hat.

Serie läuft beim bösen Bezos, bitte nicht judgen.

Das erste Mal: Eine Theater-Schulaufführung

Unter der Rubrik Kultur erscheinend, weil im Zeiten des Faschismus jedes winzige Stück Kultur und Kunst wertvoll ist – und eine Schulaufführung abzutun wäre… ja, was wäre es?

Wie eine andere Zuschauerin und Mutter mir vor der Vorstellung zuraunte: Früher mussten Eltern zweimal im Jahr zum Elternsprechtag, jetzt… ja, jetzt ist Elternschaft ein Vollzeitjob, zwölf Wochen Ferien, unzählige freie Tage, Schulfeste und Aktionstage, wo die Eltern involviert werden. Ich will mich nicht beklagen (DOCH!!), aber gerade Mütter haben permanent ein schlechtes Gewissen nicht genug für Ihre Kinder zu tun oder da zu sein oder, wahlweise, sie aufgrund der Berufstätigkeit u vernachlässigen, dabei verbringen Eltern mit ihren Kindern mehr Zeit denn je, und trotzdem, trotzdem – es ist gefühlt immer zu wenig. Wenn Teresa Bücker über eine Ökonomie der Zeit schreibt, hört es isch nach einem Luxusproblem an, denn gerade in Familien, wo ein oder beide Elternteile aus finanziellen Gründen Vollzeit arbeiten müssen, gibt es keine Wahl; es tröstet vielleicht zu wissen, dass nicht die Menge, sondern die Qualität der Zeit ausschlaggebend ist. Zeit, das kostbare Gut, dass wir den Kindern geben können, Zeit die wir von unseren Eltern als Übergangsgeneration, als Millenials, nicht bekommen haben.

So ein Prolog erscheint überflüssig, aber man muss Dinge einordnen, vor allem wenn man an einem späten Nachmittag, wo regulär Eltern noch arbeiten, in einem stickigen Raum sitzt, um seinem Nachwuchs zuuschauen. Stolz, Stress, eine so einfache Sache ruft viele Gefühle hervor.

Kritik vorweg: Die Lehrerschaft gendert nicht, hat nicht auf den Schirm, dass nicht alle Eltern in Deutschland sozialisiert wurden und genuin deutsche Autor*innen kennen, aber sei es drum – die Inszenierung von Ronjas Räubertochter war fabelhaft, und man merkte, wieviel möglich ist mit wirklich wenig Kram.

Wenn alle beteiligt werden sollen, alle ihren Part haben sollen und nicht nur eine, sondern alle Hauptfigur werden – was für eine tolle Sache! Der jetzige Intendant des Theaters Lüneburg, Friedrich von Mansberg, hat sich sehr für diese Theaterklasse engagiert, und das merkt man. Überhaupt ist das Theater Lüneburg, ein Drei-Sparten-Haus, das tatsächlich sogar gewinnbringend arbeitet, ständig in den Medien, weil man das Budget kürzen, es gar komplett oder Sparten davon schließen will, dabei ist es in Zeiten von Faschismus, und ich wiederhole mich, unheimlich wichtig Kultur und Kunst aufrecht zu erhalten. Und es ist nicht “virtue signaling”, Tugenddemonstration übersetzt, dass das Theater Lüneburg sich entsprechend positioniert, gegen Rassismus und Homophobie. Trotzdem, die Kulturszene (und gerade hier auf dem Ländle) ist noch sehr weiß, wahnsinnig misogyn (hat den höchsten Gender Pay Gap) und klassistisch, aber: Work in progress.

…eine stolze dreiviertel Stunde lang dauerte die Erzählung, begleitet von selbstkomponierter Musik, mit Gesangseinlagen, und am Ende habe ich sogar geweint. Zwar weiß ich immer noch nicht genau worum es ging, aber mir erschien der Auftritt der Schüler*innen genuin authentisch, und überhaupt nicht gestellt oder seltsam, was ich im professionellen Theater immer merkwürdig finde. Es wurde herumgeklettert, es gab eine Szene, in welcher Schnee oder sowas evoziert wurde, indem sich die Crew unter einem großen Laken verbarg, das langsam auf die Bühne gezogen wurde, klingt jetzt bescheuert wo ich es schreibe, aber – es war toll gemacht. Ein paar Holzkästen, ein paar Laken und zwei Leitern waren das gesamte Bühnenbild, so wenig und so gut, denn die Kinder waren – alles. Vögel, Wald, Erzähler*innen, Hauptfiguren und Chor.

Warum ich mein Kind in die Theaterklasse gesteckt habe kann ich gar nicht sagen, ob es was für die Zukunft bringt finde ich auch eher unwichtig – das Theaterstück hat mich umgehauen. Zwei Jahre Proben, sich mit der Komplexität der Bühne auseinadersetzen, Musik dazu komponieren, zeitgenössische Musik dazu zu nehmen, einfach WOW. Mein Kind war leider das einzige, das nach der Vorstellung altmodischerweise eine Rose geschenkt bekam, von seiner super stolzen und leicht verheulten Mutter. Schade. Eltern, you can do better!

Applaus an alle! Wohlverdient! Nicht weil es “für so junge Menschen” gut war, sondern weil es so gut war aufgrund dieser jungen Menschen.