#Surviving2021 – Stand der Verwahrlosung

Zwischendurch twittere ich meinen Stand der Verwahrlosung: Die Tatsache, dass ich es überhaupt tun kann, also die Konzentration aufbringe, einen Satz zu formulieren, der dazu meist witzig und ansprechend ist, deutet auf einem annehmbaren Zu-Stand.

Wir haben bald ein Jahr Pandemie mit Lockdown überlebt, und es ist keine Besserung in Sicht, wenn wir ehrlich sind. Es wird also noch locker ein Jahr dauern, bis wir Dinge wie Schule, Präsenz-Arbeit haben und völlige Entfremdung von Menschengruppen überwinden müssen. Mich machen übrigens schon halb gefüllte Supermärkte aggressiv, allerdings liegt es am Verhalten der Menschen, nicht an deren Anzahl, zum Beispiel wegen dem nicht vorhandenen Abstand, der einzuhalten ist.

Ich kann nur sagen: Die Situation ist nicht gut. Die Kinder gehen die Wände hoch, auch wenn sie physisch im besten Zustand sind, ausgeschlafen, gutes Essen, kerngesund. Sie haben gelernt, dass Mensch arbeitet, und sie deswegen leise sein müssen; sie bespielen und bespaßen sich alleine, und haben verinnerlicht, dass sie sich permanent die Hände waschen, wegen Corona ein Abstand gilt, und die Maske über die Nase geht, die natürlich draußen Pflicht ist, sobald man unter Menschen geht.
Wir als Eltern sind einfach nur fertig.
Großeltern schluchzen ins Telefon, weil sie ihre Enkel nicht sehen können, übrigens vielen Dank dafür, eine große Hilfe, da auch noch die psychische Belastung tragen zu dürfen; andere Großeltern leisten Betreuung.
Es gibt Eltern, die auf alles scheißen und ihre Kinder in die Schule und Kita schicken. Aber: Je älter die Kinder, desto mehr belastet sind sie, dass sie krank werden können und potentiell auch in ihrem nächsten Umfeld jemand anstecken und umbringen könnten.
Arbeitgeber berufen Bürofuzzis ins Büro, und viele nehmen das wahr, auch weil sie kein Bock auf ihre Blagen haben. Es gibt keinene echten Lockdown, weil ein großer Teil der Menschen immer noch von A nach B eiern müssen, um einer sinnlosen Erwerbstätigkeit nachzugehen, die sog. Bullshitjobs; die AG haben keine Lust, Homeoffice-Arbeitsplätze auszustatten und: Sie müssen es auch nicht.

Es herrscht die Mär, man stecke sich Zuhause an. Das ist falsch und ignorant; dieses gilt jedoch für das Verhalten der Leute leider auch.

Es gibt immer noch Menschen, die glauben, es gäbe keine Pandemie. Jeden Tag sterben in DE alleine circa 1000 Menschen. Es betrifft, soweit ich es sehe, viele ältere oder aber kranke Menschen, die ohnehin in Altersheimen oder anderen Einrichtungen abgeschoben wurden; diese sind quasi unsichtbar und dadurch fällt es vielen leicht, die Situation als unglaubwürdig einzustufen. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Ich persönlich leide unter meinen Haaren, unter meinem Übergewicht, und unter Bewegungsmangel. SCHERZ: Ich finde das alles scheisse, aber ich lebe und habe mich für den Luxus entscheiden können, die Pandemie zu überleben anstatt so weiter zu machen, als ob es diese nicht gäbe. Die psychische Belastung für eine extrovertierte Person ist enorm, als Mutter: enorm, und als jemand, der absehbar in die Armut geht: ENORM.
Trotzdem, die Priorität ist klar: In Armut leben ist besser, als in Mittelmäßigkeit zu verrecken.

Ich beobachte übrigens, dass diejenigen, die versuchen einen Status Quo aufrecht zu erhalten, dadurch mehr Stress ausgesetzt sind. Der Versuch, eine nicht vorhandene Normalität zu bewahren, ist eben anstrengender als die faktische Realität zur Kenntnis zu nehmen und mit unter Umständen drastischen Maßnahmen darauf zu reagieren. Entscheiden und Prioritäten setzen sind Qualitäten, die man eben nicht beigebracht bekommt, außer man kennt extreme Krisen und musste sie bereits handeln. (BTW: Realität anerkennen und drastische Maßnahmen – ja, das gab es in anderen Ländern, die nun keine tausend Toten am Tag haben.)

Bitter-saures Fazit: Beneidet seien die Ignoranten, die es auch überleben werden und absolut nichts beigetragen oder daraus gelernt haben werden. Ignoranz regiert die Welt. Wir werden es bei den Wahlen dieses Jahr dann schwarz auf weiß zu sehen bekommen. Hach, welche Freude!

P.S. Alles in allem gehe ich als Gewinnerin aus dieser Situation hervor, da ich eindeutig beweisen kann, sowohl Mut, Entscheidungsfähigkeit und Prioritätensetzungskompetenz zu besitzen. Die traumatisierenden Krisen aus meinem bisherigen Leben, unter anderem als Kind politischer Flüchtinge und als Kind in einer Diktatur, haben mich diese Kompetenzen gelehrt. Ja, ich hätte gerne darauf verzichtet, und die Pandemie brauche ich echt auch nicht, aber hey, man muss stets das Positive sehen. AMEN.

2 Gedanken zu „#Surviving2021 – Stand der Verwahrlosung

  1. „Der Versuch, eine nicht vorhandene Normalität zu bewahren, ist eben anstrengender als die faktische Realität zur Kenntnis zu nehmen…“
    Für diesen Satz bist du meine heutige Heldin. Danke für den so wahren Blogpost!
    LG Andrea

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