SATC revisited – Hat Sex and the City meine Vorstellung von Beziehungen geprägt?

Ich kenne mich weder mit Serien noch mit Filmen aus, ich lese. Ich bin ein Bildermensch, und daher lese ich, weil mich das bewegte Bild ermüdet. Doch zu einer Zeit, und ich weiß nicht mehr wann und wo, muss es einen Fernseher in meinem Leben gegeben haben, und auch ich habe Sex and the City geschaut, nicht von Anfang an, nicht alles, aber doch ausreichend, um es als eine der wenigen Serien oder Filme in Erinnerung behalten zu haben, die nachhaltig Eindruck auf mich gemacht haben. Die anderen drei oder vier Filme zeichnen sich eigentlich nur dadurch aus, dass ich für den Rest meines Lebens Alpträume haben werde (Die Insel sage ich nur. Schlimmster Film ever.).

Irgendeinen murkigen Abend fiel mir ein, dass ich Amazon Prime habe und dachte, hey, kannst Dir doch mal die Serie komplette reinziehen, denn ich habe nicht alles gesehen. Mich traf der Schlag, als ich dafür bezahlen sollte, und das 20 Jahre nach Erscheinungsdatum! Eine Produzentin, die ich neulich kennengelernt habe, sagte die Serie sei “cringe” und empfahl mir Gossip Girl, auch modetechnisch. Ich kenne nur Memes davon und empfinde die Mode als noch viel schlimmer, aber ich war erstaunt, was zwei Jahre Altersunterschied an Geschmack ausmachen können.

Hm. Eine schlimme Blasenentzündung später buchte Amazon für Staffel 1, Staffel 2und 3 das Geld ab-zu meiner Verteidigung, die Blasenentzündung ist immer noch nicht weg, ergo Staffel 4 und so werden wohl noch kommen. Bettruhe, Wärmeflasche, Tee und SATC. Klingt super, ist es auch.

Außer, dass ich jetzt dringend in Therapie muss.

Okay, let’s NOT talk Phänotypen, unrealistische Clichés von Eigentumswohnungen und täglichen Saufgelagen. Doch ist das Leben mancher Großstädter genau so, so war ich in der 20ern, nur ohne das viele Geld und den Schuhen. Kleidung war von H&M, und es wurde Bier gesoffen. In einem anderen Stadium als die meisten, nach Ausbildung aber vor dem Studium, beschäftigte ich mich ein wenig damit, in In-Bars rumzutingeln und von Handtaschen und teuren Klamotten zu träumen, die ich als verhinderte Modedesignerin genauso verschlang wie die VOGUE und Schaufenster der High-Street Labels in Hamburg. Nach einer gescheiterten Beziehung, die mich aus einer gemeinsamen Wohnung in einer ruhigen Anlieger-Ein-Zimmer-Bude katapultierte, genoß ich das Leben, aber schon irgendwie auf der Suche nach einem Kerl.

Heute habe ich alles hinter mir, Kerle, Beziehungen, Party, eine Ehe, eine weitere Trennung, und bin wieder in eine weitere Single-Wohnung.
Kann ich alles haben? Ja. Ich hatte alles, und mir fällt es wie Schuppen von den Augen, dass ich sämtliche Lebensstille, die dort abgebildet werden, versucht habe zu leben-aber zeitgleich. Das geht nicht! Wir sind alle so eine Mischung Mensch, aber wie viel Carrie, wieviel Samantha und wieviel Charlotte und Miranda stecken in einem und dreht sich wirklich alles um die Suche nach einem Typen??

Ürbigens: In SATC sieht man viel mehr Brustwarzen und offenherzige Kleidung als heute in den Sozialen Medien, weil es beispielsweise auf Instagram zensiert wird. Auf der anderen Seite haben wir Pornoplattformen. Hinsichtlich Emanzipation und blauem Lidschatten haben wir nach SATC einen Rückschritt gemacht.
Hinsichtlich sich als Attribut eines Mannes sehen, sicherlich ein Fortschritt, aber stimmt das wirklich?
Und warum hatte ich solche Beziehungen wie die Frauen in dieser Serie und was wollte ich eigentlich für Beziehungen und wie sehr bin ich das kulturell geprägte, wie sehr bin ich ein “Mann” und was genau brauche ich für einen Menschen an meiner Seite, der es mit mir aushält?

Als Carrie liebevoll in den Armen genommen wird, sagt der Typ zu ihr zärtlich “Du Verrückte”. Ich zuckte zusammen, und dachte wow, da ist er, der perfekte Mann, aber alles was sie will ist Drama. Und dann kann sie dieses Drama eigentlich gar nicht handeln, denn auch wenn sie Mr. Big ständig als Arschloch hinstellt, ist sie nicht eigentlich diejenige, die ihn verlässt? Und ist sie nicht diejenige, die das Arschloch ist, weil sie sich nicht zugesteht, dass sie genau das braucht, Drama und verlassen werden, und deshalb auch so agiert, dass es immer wieder Stunk gibt? Ist ihre eigene Bindungsunfähigkeit auch meine Bindungsunfähigkeit?

Fun Fact: Wenn ich mich jetzt anschaue, würde ich sagen, ich bin Mr. Big. In meinen Parnerschaften ging es bei den Trennungen immer darum, was für ein Problem der Typ mit der Anerkennung seines Vaters hatte, und es ging darum, dass ich Männer nicht wirklich als ebenbürtig anerkennen kann. Mein Problem mit Männern ist in erster Linie, dass ich selber einer bin. Aber will ich in Wirklichkeit nicht auch “gerettet” werden? Zu Hause ankommen, Ruhe und Stabilität? Also eher die Charlotte Lösung, Kinder, Küche, Synagoge. So kenne ich es von Zuhause aus, minus Synagoge/Kirche, plus Karriere.

Ich zog aber auch schon in einer Beziehung die Hausfrauen-Nummer. Die Beziehung ging in die Brüche, weil man mir genau das vorwarf, trotz eigenem Geld und Job. Eine Freundin, die Tag ihres Lebens nicht gearbeitet hat, sondern von Eltern/Männern/Erbe lebte, pushte mich sanft dahin. Groß, blond, kultiviert hatte sie stets jemanden auf Halde, der zahlte. Das funktionierte für mich nicht, denn ich hatte das Spiel “Sex gegen Geld” nicht verstanden und lebte meine Carrie-Momente auf der Suche nach der “Liebe”. Ich trennte mich nicht nur von dem Typen, sondern auch von dieser toxischen Freundin, und heiratete den perfekten Mann, insofern er existiert. Gutaussehend, gebildet, großzügig, heiß eh, völlig in mich vernarrt. Wir heirateten, bekamen ein Kind, meine Karriere, die bis dahin auch nicht wirklich existierte, fing an zu bröckeln. Ich bekam das zweite Kind, flog mehr oder minder raus aus dem Karussell, und der Streßpegel stieg dank eines Teilzeitjobs ins Unendliche. Das Leben halt.

Als ich die Reißleine zog, hatte ich keine Probleme in der Beziehung. Wir hatten keine Zeit füreinander, die Rollen, die wir erfüllen mussten, auch wenn wir sie so nicht wollten, hatten sich so ergeben. Das Drumherum war allerdings Scheiße ohne Ende, und wieder zerbrach die Beziehung.

Etwas war aber anders: ICH zerbrach die Beziehung. Bin ich wie Carrie, die Drama braucht? Bin ich Samantha, die eigentlich nur vögeln will, und sollte frau dann Geld dafür nehmen? Wäre Karriere machen die richtige Option gewesen, also verheiratet mit dem Job? Das geht in Deutschland ja eh sehr schwer, ich erinnere nur an das Zitat von Jutta Allmendinger, dass die Ehe Frauen besser bezahlt als der Job.
Welche Beziehungen führe wir eigentlich mit Freunden? Ist das vielleicht die Antwort auf die Frage, welcher Beziehungsmensch man ist? Weil man sich da nicht groß anzupassen versucht?

Ich bin umgeben von allen möglichen Formen von Beziehungen, stabile Ehen, welche die stabil scheinen, aber eine Lüge sind, Singles, Singles die sich im Scheidungs-Rosenkrieg befinden, Beziehungen, die on-off sind, und welche, die eher einseitig gelebt werden. Ich habe SATC nun in real life gesehen und bin immer noch nicht schlauer.
Und selbst wenn ich weiß, wie ich beeinflusst wurde, stellt sich die Frage nach dem, was richtig wäre – ich bin äußerst pragmatisch und so ähnlich, wie ich meine Shoppinglisten abarbeite, arbeite ich auch sonst meine anderen Wünsche ab. Aber was brauche ich?
Und gestern kam mir die riesige Einsicht, die total trivial ist, nämlich dass die längste Beziehung bislang mit mir war. Und die war echt nicht immer einfach. Ich habe die längste Beziehung außerhalb von mir mit einem Blog, mit dem Schreiben und einem toten Philosophen. Der kann wenigstens keine Widerworte geben.
Im Sternzeichen Zwilling geboren, mit einem Aszendenten in der Gegenposition, habe ich es doppelt schwer, meine zwei Seiten zu vereinen. Die eine strebt nach Rosa und Beige, die andere strebt nach Schwarz und Marine. Die eine will freundliche Worte, die andere will Geschrei. Das ist vermutlich sehr anstrengend, kann aber funktionieren, wenn man mit sich selbst sonst klar kommt. Ich habe keine Ahnung! Und ich frage mich ehrlich, wenn die Haupt-Protagonistinnen einfach nicht zehn, sondern zwanzig Jahre älter gewesen wären, ob das Thema immer noch Männer wären, oer schon wieder. Es gibt bestimmt eine Serie, die genau das macht, und die ich nicht kenne.

Derweil wird mir immer klarer, dass es ein bisschen wie mit Kleidung sein muss: Man kann “monochrome” gehen, das ist edel, aber auch schwierig und schnell langweilig, oder “color-block”, das ist auch schwierig, aber wenn man den Dreh raus hat, sehr einfach und sehr effektiv. Ich liebe ersteres, aber es steht mir nicht so gut wie letzteres.

Also, raus aus der Komfortzone, raus aus Sex und die Provinz.

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7 Gedanken zu „SATC revisited – Hat Sex and the City meine Vorstellung von Beziehungen geprägt?

  1. Hallo! Deine alte Followerin ist wieder da 🙂 ich lese hier viel Wahres, aber eins fehlt: Miranda!! Du bist am ehesten Miranda! (Big ist zu viel Ego, Entitlement, Elite). Seltsam, wie unsere Generation, auch wenn wir von SATC total genervt sind, sie immer als Parameter anwenden muss… Charlottes Lösung ist die einfachste Lösung. Deine ist nicht die einfachste aber ich bin mir sicher, sie wird eine sehr gute sein. Halte uns hier bitte weiter auf dem Laufenden. Und gute Besserung (was ist das für eine krasse Blasenentzündung?!)
    Ps: Gossip G geht gar nicht

    1. Vermutlich fehlt sie deswegen, weil ich auf diesem Auge nun mal blind bin 😂 ja, es gibt Da gewisse Überschneidungen. Gossip Girl ist nix?! Mich spricht es auch nicht an, insofern ok…
      Tja, wenn du Recht hast, dann ist mein Haarschnitt hoffentlich besser-ich finde die Schauspielerin, gerade weil sie in die Politik gegangen ist als Lesbe in den USA, ziemlich gut und engagiert.
      Wenn das so ein Hint sein soll mit der Politik, dann ist es der hundertste… echt nicht.

      1. Nee ich meinte nur die Figur Miranda und weder Aussehen der Schauspielerin noch Politik. Miranda war von allen doch die „freieste“, weil den Männern nicht hinterhergelaufen ist (und es sie am Ende doch erwischt hat). Aber sie wollte auch wie du keinen Tamtam wie Carrie & Charlotte, sondern lieber getrennte Konten etc etc, sorry dass ich die Serie auswendig kenne 🤣

  2. Ich war 19, als ich zum ersten Mal SATC gesehen habe. Und es hat mein Leben verändert. Ich lebte noch bei meinen Eltern, in einem kleinen österreichischen Dorf und mein Leben schien vorgezeichnet. Ich hatte zwar gegen den Willen meiner Eltern ein Studium begonnen (sie wollten eine Banklehre für mich), aber wohnte trotzdem noch daheim. Und dann traten Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha in mein Leben. WOW. Da wusste ich, dass ich richtig lag, als ich für mein Studium kämpfte. Damals war Charlotte mein Vorbild, optisch bin ich auch eher der Charlotte-Typ. Ich habe jede Folge zelebriert und die Mädels haben mich gepusht. Sie waren die Vorbilder, die es in meinem echten Leben nicht gab. LEIDER. Ich bin die einzige aus meinen Grundschulklasse mit Universitätsabschluss, die einzige, die ihren Heimatbezirk dauerhaft verlassen hat, und die einzigen ohne Kinder. Aber mit Schuhschrank.
    Ich habe SATC als Deluxe-DVD-Box mal gekauft, jetzt auch online bei amazon gekauft. Vor gut einem Jahr, als ich mal knapp zwei Wochen krank geschrieben war, habe ich nochmal alle Folgen geschaut. Jetzt natürlich aus einem anderen Blickwinkel, mittlerweile bin ich 40, verheiratet und einigermaßen erfolgreich in meinem Beruf. Ich bin keine Charlotte, Miranda oder Samantha, ich bin wohl wirklich eine Carrie. Dramaqueen, erst nach 16 Jahren Beziehung zur Ehe bereit, hab meinen Mr. Big ebenfalls betrogen, wir waren kurz getrennt (4 Wochen), doch ohne ihn ging und geht es nicht. Meine Schuhe sind zwar von Ecco, nicht von Louboutin, aber mein Mann hat mir trotzdem einen Schuhschrank und zwei Bücherregale gebaut. Kinder waren bei uns nie ein Thema, auch das hat immer bei uns gepasst. Lange Rede, kurzer Sinn, ich bin dieser Serie sehr dankbar. Sie hat mich ermutigt, das zu tun, was ich möchte und nicht das, was von mir erwartet wird (egal von wem). Ohne SATC würde ich jetzt als Desperate Housewife irgendwo in der österreichischen Provinz leben.
    Danke für Deinen tollen Post!

    1. OMG waren wir wirklich erst 19 damals?! Ich war in der Großstadt, umgeben von reichen Freundinnen die nach Sorbonne gingen, und ich entscheid mich für eine Ausbildung, wegen dem Geld. Was für ein Mist, aber ich habe etwas gelernt: Verkaufen. Und zwar gute Dinge verkaufen, nicht blöde Dinge. Und ich weiß dass ich die VOGUE inhaliert habe… ich wollte Mode-Design studieren, aber ich war mir im klaren dass mir da einige Skills fehlten; und Schuhe haben bis heute auf mich eine magische Kraft, genau wie Schmuck: Das Verstand schaltet sich aus. Natürlich innerhlab des Kontostands, aber stets ausserhalb der Vernunft. Ansonsten war ich immer Samantha, mit dem versuch Charlotte zu sein, aber es geht sich einfach nicht für mich. Nun, hier bin ich, hab nix, habe alles.

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