Das erste Mal: Perfekter Urlaub

Mein letzter Urlaub ist lange her. SEHR.lange. Schlappe vierzehn Monate. Der Rest des Urlaubs bestand aus Pflichtseminaren für die Doktorarbeit oder Krankheitsfällen – vielen Dank auch.
Nun sollte man meinen, dass ich es vor Freude kaum erwarten konnte. Nee, das bin nicht ich, denn ich drehe normalerweise bereits zwei Wochen vorher durch, packe alles und terrorisiere meine Umgebung mit Listen und Was-könnte-alles-schiefgehen-Horrorszenarien.

Diesmal hatte ich keine Zeit zum packen, die drölfzig Listen* waren weg, und ich dachte nur: Werd’ nicht krank, werd’ nicht krank, werd’ nicht krank. Teddy holte ich sogar einen Tag früher aus der Kita. Nachdem ich auch den armen Ehemann völlig in Grund und Boden terrorisiert hatte, fuhren wir los.
Zwei Stunden weit weg von zu Hause! Ja, lacht ihr nur. In einem Hotel! In einem viel.zu.gut.aussehenden.Hotel. Das auch noch eine Dr. Hauschka Kosmetikerin hat. Und laktosefreies Essen. Überhaupt geiles Essen, wie es sich herausstellen sollte.

Ja, schon, aber wie klappt es mit dem kleinen Teddy, der in letzter Zeit eher Steinzeit-Tischmanieren an den Tag gelegt hatte? Mögen die überhaupt Kinder? Und… und… …Hilfe!

Hach.

Erster Kommentar des Ehemanns: Igitt, ist ja richtig idyllisch hier.

Und mich traf fast der Schlag! (Das ist natürlich reine Stilistik.)

Eigentlich, wenn ich ehrlich bin, sollte man solche kleinen und feinen Adressen für sich behalten. Genauso, wie man niemals verraten sollte, welchen Nischenduft man trägt (okay, das habe ich in irgendeinem blöden Stilbuch gelesen). Blödsinn natürlich. Dies hat überdies bedingt Geltung, wenn man eine Bloggerin ist.
Auf der anderen Seite – wer unter erschwerten Bedingungen reist (Allergiker, Kleinkind, Sommerferienpreise) und trotzdem glücklich wird, sollte sein Glück teilen. Wo sonst können solche laktoseintoleranten armen Schweine wie ich immer ihre Extrawurst bekommen? Sogar vegane Küche gibt es hier, und zwar leckere. Ich erinnere mich mit kaltem Grauen an das ebenso kalte Bio-Hotel, das wir aus genau diesem Grund aufgesucht hatten, um nach einen Tag !! wieder abzureisen, und das Essen war ehrlich einfach eklig schlecht.

Jedenfalls gibt es hier Kinderbesteck und Stokke-Stühle (Lüneburger Gastronomie kennt sowas natürlich nicht…) und man kann hier erstaunlicherweise den ganzen Tag den Zwerg beschäftigen. Klar, zu zweit wäre hier auch sehr schön, die Aussicht ist Romantik pur, selbst eine Entenfamilie und Seerosen stehen hier bereit. Idylle pur. Und es gibt ein Trauzimmer! (Notiz an Selbst: Im Falle eines Lottogewinns wird das komplette Hotel gemietet und das Eheversprechen erneuert: Es gibt Champagner, Bier und Grillgut satt mitsamt veganen – ha! – Beilagen.)
Aufgefallen ist mir hier außerdem die Einrichtung – hier hat sich ein verhinderter Innenarchitekt ausgetobt. Überall alles perfekt dekoriert, sehr viele kleine Details – etwas was mir sicher früher nicht aufgefallen wäre, wenn meine Freundin nicht “Schöner Wohnen” abonniert hätte (lese ich heimlich bei ihr, pssst!). Und dann noch Steckdosen, die per Schalter vom Netz genommen werden!
Der Service ist erstaunlich professionell für ein Haus, das keine fünf Sterne hat und vor allem echt bezahlbar ist. Da bin ich sehr anspruchsvoll, schließlich bin ich vom Fach, als Reiseverkehrskauffrau im dunklen Vorleben.

Und jetzt komme ich zu meinem Lieblingspunkt: Die Hauschkine. So nennt Fachleute die Hauschka-Kosmetikerin. Meine ist Richtung Berlin abhanden gekommen, und so kam ich eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr in den Genuß einer Behandlung. Todesmutig buchte ich gleich die große Behandlung** von zwei Stunden, wo man ausgiebig bepinselt wird – im Ernst, die Lymphdrainage ist der Knaller (wird u.a. mit Pinseln gemacht). Meine dicken Tränensäcke waren weg! Die zwanzig Schritte zurück zum Zimmer ging ich dann in einer gefühlten halben Stunde wieder zurück – ich war so entspannt, dass ich während der Behandlung weinte. Entspannen ist ja sonst nicht so mein Ding, nech.
Das Ergebnis hätte ich in ein Vorher-Nachher-Bild festhalten sollen. Das Vorher-Bild in gruselig und dabei sogar geschminkt, das Nachher-Bild in rosig frisch und verwuschelt. Hach. Ich ging ohne Make-up zum Abendbrot.

Doch abgesehen von der perfekten Kulisse, vom Essen, vom Ambiente, von den Menschen – ich glaube der perfekte Urlaub ist es, wenn man etwas ganz, ganz kostbares wiederfindet: Sein inneres Kind.

Im kalten See planschen und im Sand matschen. Den ganzen Tag Ball spielen. Schaukeln. Ameisen beobachten. Mittagsschlaf machen. Sich dreckig machen. Brummend Autos über den Fußboden schieben und Rindenmulchtransporte organisieren. Staunend vor dem Kaminfeuer sitzen (ja, das gab es am Abend auch!). Verstecken spielen. Müllabfuhr beobachten. Spontan Spielzeug kaufen. Äpfel schnorren. Steine sammeln. Balancieren. ***

So geht der perfekte Urlaub. Vielleicht haben wir es einfach auch verdient.

Danke Teddy, danke Ehemann. Habe mich entsetzlicherweise entspannt.

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* Ähm, ich musste noch Zeug ins Hotel bestellen, denn profane Dinge wie Schwimmflügel und Strandhandtücher habe ich einfach vergessen. Dafür eine Kühlbox und eine Strandmuschel durch die Gegend gefahren.
** Kleiner Tipp: Eine Runde Sex ist billiger und macht auch schön. Ha!
*** Zu viel Pommes essen.

P.S. Beweisfotos! Hasst Ihr mich jetzt? Ich hoffe doch.

Mein kleiner Teddybär hat mir Blümchen gepflückt <3 und das Wetter hat toll mitgespielt. Wirklich der perfekte Urlaub.

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4 Gedanken zu „Das erste Mal: Perfekter Urlaub

  1. Tolle Beschreibung! Ich bin ganz neu hier und habe mit viel Vergnügen gelesen! Und ich habe jetzt ein Vogue Abo…das steigert meine Bildung beträchtlich und vielleicht kann ich hier mithalten 🙂

  2. ach ja,….. Urlaubsvorbereitungen. Ich kenn das, am Anfang macht das Schmökern nach dem schönsten, aber auch geheimsten Plätzen im Internet ja noch Spaß 🙂 Am Ende habe ich für einen 7Tage Urlaub mehr Recherchearbeit hinter mir als für eine Doktorarbeit!

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