Ist das eigentlich echt?

Haben wir uns alle an die Pandemie gewöhnt? …ja? Wenn, dann weil wir in Social Media Kanälen leben. Instagram und TikTok ruinieren meinen Kontostand, meine Psyche und mein Work/Life Balance (LOL WAS IST DAS). Und ich meine damit natürlich nicht die Nachrichtendienste wie WhatsApp und Konsorten. Das ist keine Social Media Plattform! Telefonieren oder Videokonferenzen sind schließlich auch keine Social Media. Für eine elaborierte, wissenschaftliche Definition mit zeichentheoretischem Kontext müsst Ihr Euch allerdings an mein Wissenschaftlerinnen-Ich wenden.

Ist Social Media eigentlich… echt? Ist es wahr? ist es real, fragen wir erst einmal so. Ja, was wir sehen ist real, ist aber nicht die Wahrheit. Ich las heute einen Beitrag über Sophia Thiele, kenne ich nicht weiter wenn ich ehrlich bin, also schnell recherchiert: Eine Influencerin aus dem Fitness-Bereich, die zwei Jahre lang abtauchte und mit Buch und etwas zu schnell beendetem Burnout wieder auftauchte. Bei ihr herrschte Friede Freude Sonnenschein und Happy Shiny People, bis sie verschwand, und genau so wieder auftauchte, nur mit einem neuen Schwerpunkt.
Sie ist bereits Millionärin, und wird eventuell mit neuem Geld in ihren nächsten Burnout gehen, der dann durch toxische Positivität und Mindfullness-Bullshit präsentiert wird. Aber das ist zynisch – ich will es nicht hoffen. Sie ist sehr jung und das Geld war und ist es nicht wert.

So wurde auch ich neulich angesprochen von meiner Freundin, die sagte: Ich verstehe nicht, wie Du Social Media betreibst und da lustig fröhlich bist, das aber gar nicht stimmt. Oder Du Empowerment vor Dich trägst, aber über XY-Frau lästerst. Tja.
FAKE ist der Vorwurf, wenn man es verkürzt betrachtet. Und stimmt das?

Jein – es ist eine Perspektive, ein Ausschnitt, und es ist kuratiert. Damit will ich sagen, dass man nie das ganze „Werk“ sieht. Selbst das vermeintliche Leiden und der Psychokram ist bei Influencern schwerstens kuratiert. Und es zählt nicht zu sagen, diese Person ist Influencerin, da weiß ich, dass sie davon lebt, und Du bist keine Influencerin, Du musst ECHT sein. Ich bin echt und ehrlich, aber ich bin auch unvollständig. Und das sind alle Darstellungen in Social Media, sie sind real, und sie sind unvollständig und werden von jedem in dem jeweils eigenen Kontext gesetzt.
Warum gehen diese unfassbar bescheuerten #InspirationaBullshit Sätze so gut? Weil wir sie aufnehmen – so wie wir sie brauchen. Sie sind neutral, sie sagen weder etwas über mich noch über Dich aus, es sei denn, Du ziehst Dir den Schuh halt an. Die Wertung bringt die Leserschaft rein.

Erfahrungsgemäß und kein neuen Trick ist der #clickbait, also Schlagzeilen, bei denen man aufmerksam wird. Wer bin ich, darauf zu verzichten? Schließlich ist Polemik die Mutter aller Aufmerksamkeit und während sich Männer so selbstverständlich ihrer bedienen, soll ich als gute und vernünftige weibliche Stimme achtsam und fürsorglich dafür Sorge tragen, wie die Lesende mich aufnimmt. Bullshit. Hier bringe ich die Wertung selbst mit ein, und muss entsprechend damit rechnen, dass es nicht immer wohlwollend aufgenommen wird. Es ist dennoch nicht manipulativ, sondern versetzt mich lediglich in die Lage, Deutungshoheit über meinen eigenen Text zu beweisen.

Also, muss ich als gute und vernünftige weibliche Stimme achtsam und fürsorglich schreiben? Nein. So funktioniert das nicht, leider nicht – und so funktioniert die gesamte Aufmerksamkeitsökonomie nicht. Wer nachfragt, wird von mir auch den Teil des Bildes erfahren, denn ich nicht unter einem Vergößerungsglas online stelle; und natürlich ist man als öffentliche Persona stets eine kuratierte. Selbst diejenigen, die ihre Pickel zur Schau stellen, was ich sehr mutig und großartig finde, tun es aus irgendwelche Motiven, und auch sie sind eben auch mehr als nur ihre Haut.

Kommen wir zurück zu Influencern und auf/mit Social Media werbenden oder arbeitenden Akteuren. Sind diese eigentlich zu kompletter Transparenz und Offenheit verpflichtet?
Gibt es eine Art Ehrenkodex? Natürlich nicht.
Viele Bloggerinenn haben definitiv einen persönlichen Kodex, und viele Influencerinnen NICHT – da geht es ums Geld und um den Aufbau einer Marke. Dass eine High-Street Influencerin nicht auf einmal für KiK Werbung machen wird, ist klar, egal wieviel KiK zahlen würde (Scheißladen übrigens, weiß ich aus erster Hand). Doch alles andere kommt schon in Frage, unabhängig davon ob die Marke gerade mal wieder ihr Image aufpolieren müsste, weil es wegen Rassismus oder Anti-Semitismus im Netz rundgemacht wird. Und ehrlich, wer will es ihnen verübeln? Es ist schließlich ein Beruf. Der Metzger sagt auch nicht, nimm lieber das Biofleisch, sondern verkauft Dir das, was Du willst.

Deshalb ist es gar nicht verkehrt zu sagen: Ich will dieses Angebot nicht, ich entziehe dem Mist hier meine Aufmerksamkeit. Good riddance.
Und so bleibt es einem überlassen, reflektiert zu konsumieren und sich stets zu fragen, was es über einen selbst aussagt*, wenn man sich ärgert, oder es zu lassen, was unter Umständen sogar besser sein kann als diese ewige fucking Reflexion. Ignorance is a bliss – Ignoranz ist ein Glück.

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*Funktioniert selbst für mich extrem schlecht zuweilen, weshalb auch ich gelernt habe, zu entfolgen, zu blocken, oder gar Inhalte zu melden. Nein sagen!

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