Entitlement – warum ich über meine eigenen Privilegien sinnieren kann

Eigentlich wollte ich einen mal wieder wütenden Rant über male entitlement schreiben, anlässlich einer Konversation mit einem „Dude“, wie die Autorin Sofie Lichtenstein so schön sagt, ich bevorzuge ja immer noch die Bezeichnung Schwanzträger, das ist eloquenter und semeiotischer: Es heißt ja auch „Träger von Bedeutung“. Ok, in diesem Falle reduziert auf „Träger von Erbgut“.

Da allerdings sich alle und alles ständig und permanent um irgendwelche Schwanzträger dreht, habe ich keine Lust mehr mich einzugliedern, und ehrlich, seid wann singt Beyoncé, meine Beyoncé, die Feminismus als Marketing-Tool verwendet es aber auch lebt, so ein bisschen, bitte raubt mir nicht die Hoffnung! – seit wann singt sie „Long live the King, you a King, you know it“ wenn es korrekterweise heißen sollte LONG LIVE THE QUEEN YOU A QUEEN YOU KNOW IT….?
Fun Fact: Das Lied lässt sich hervorragend mit diesen geänderten Part singen.
Also, weg von den Schwanzträgern, weg von den Männern, zu denen, die sonst nicht im Mittelpunkt stehen.

Eigentlich nicht zu mir.

Ich stehe im Mittelpunkt, ich ermögliche mir das immer wieder, nehme es mir heraus, tue es, das Unziemliche oder gar das Unziemlichste für eine Frau. Sich Sichtbarkeit zu verschaffen ist in Deutschland ein absolutes No Go, Frauen werden angefeindet ob ihrer Kleidung und ihres Lippenstifts, ich schrieb darüber.

Okay, ich bin total privilegiert. Ich habe das Glück gehabt, Zeit meines Lebens gefördert zu werden. Lehrer:innen die sich Zeit genommen haben, Freund:innen, die mit Geld ausgeholfen haben, Arbeitgeber:innen, die mir ein Job gaben. Damit und natürlich mit viel Arbeit, die ich gerne unterschlage, mit viel Hirn sicherlich auch, habe ich mich auf einmal dort wiedergefunden, wo ich hätte starten können, wäre mein Werdegang die übliche Mittelschicht-Blase vieler deutscher Autor:innen. In einer soliden und sicheren Mittelschicht. Ich habe mir mein Umfeld, das ich in Rumänien verließ, quasi zurück erarbeitet. Aber, wenn ich hier schon wieder mit Pop-Musik-Referenzen um mich werfen darf: I’m still Jenny from the block. Ich bin die, die in der Schule schon Hartz4 bezog und nebenbei schwarz gearbeitet hat. Die schon mit zehn Dostojewski gelesen hat, im Studium dann nicht mehr so viel, weil drei Jobs.
Jaha, ich bin die, die sehr überzeugend ALTER sagen kann und auch sonst so prollig sein und reden kann, dass es alle prvilegierten Menschen als „erfrischend“ empfinden können.
Darf ich mich endlich öffentlich äußern? FICKT EUCH. Fickt Euch dafür, zu jemanden, der eben nicht das Glück einer Mittelschichts-Lehrerkind-geburt hatte, „frech“ oder „erfrischend“ zu sagen. Und hört auf, Euch ständig zu vergleichen, und zu sagen, ich hatte es auch hart. Im Leid ist es immer absolut hart, und nicht relativ-alles klar? Es gibt da einfach keinen Vergleich.

FICKT EUCH ALLE. (Und ich reihe mich ein, denn ich bin jetzt eine privilegierte Person).

FICKT EUCH ALLE, FICKEN WIR UNS ALLE INS KNIE: Weil wir nichts tun.

Aktionismus und Vorträge halten und Podcasts basteln, yeah, wie schön, am Ende des Tage verbleibt es in dem Umfeld, in dem es entsteht. Weil wir uns am Ende des Tages nicht die Finger dreckig machen. Ja, wir kaufen eine Seife mit der wir gleichzeitig Geld spenden, aber keiner geht in den Obdachlosenecken, wo es stinkt, und redet fünf Minuten und droppt einen fünf Euro Schein für egal was. Für mich persönlich habe ich eine super Ausrede, aber ehrlich, es ist am Ende des Tages einfach nur Feigheit. Ja, ich bin feige, mich damit auseinander zu setzen, dass ich zwar was dafür getan habe, um hier zu sitzen und mit die Finger wund zu tickern auf ein Gerät, dass das Essen für ein Jahr !! für eine erwachsene Person bei Hartz4-Bezug gekostet hat. Ja, ich bin das Arschloch, aber ich glaube, ich raffe langsam dass so etwas wie „male entitlement“ zwar sehr scheiße ist, wir aber ein wesentlich größeres Problem haben, das nun akut sichtbar wird.

Ja, wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, und trotzdem ist Armut hier ein Thema. Eines, das auf keinen Fall angegangen wird oder sichtbar gemacht werden darf und soll.
Kinderarmut. So ungerecht.
Altersarmut. Systemisch bedingt und allen egal, weil es sie nicht betrifft, nicht jetzt, nicht morgen, um dann aufzuwachen in den eigenen Exkrementen weil die Hilfe fehlte, die Menschenwürde auch im Alter ermöglicht.

Und jetzt komme ich ausgerechnet vor Weihnachten ums Eck mit so einem Thema.
Da bleibt einem der vegane Bio-Braten im Hals stecken. (Seriously, was ist ein veganer Braten?)

Ich will niemanden ein schlechtes Gewissen machen. Wenn, dann will ich zur Revolution auffordern, dazu etwas anzuzünden, und so weiter.
Oder einfach mal kurz sinnieren, wie gut man es hat. Und das Privileg nutzen. Kannst Du Weihnachten nicht zu Oma? Du hast bestimmt alte Nachbarn. Drop mal Dein iPad vor die Türe, eingeschaltet, und feiere mit denen online.

Ach so, habe kein Fazit. To be continued.

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