Liebe in Zeiten von Tinder

Über das, was man nicht versteht, sollte man nicht sprechen, aber wie so ein Mann habe ich einfach Mal eine Meinung dazu, ohne jegliche Ahnung und vor allem ohne Tinder. Mich reizt zu verstehen wie das Ganze funktioniert, nicht technisch, sondern welche Erwartungshaltung dahinter steht, welcher “Bilder” damit verbunden sind, welche Kodierungen es gibt. Mist nur, dass ich als öffentliche Person nicht gerade anonym rumforschen kann, und erst recht keinen Typen suche… aber hey, wozu hat frau Single-Freundinnen??

Matches (Part 1). So schnell wie sie über den Bild wischt, komme ich überhaupt nicht mit. Ich kann nicht mal das Gesicht richtig erkennen, schon sagt sie nein, nein, nein und wegwegweg. Offensichtlich hat sie nicht nur einen Tinder Filter angelegt (Alter) sondern auch einen inneren. Mir wird bei ihrer Auswahl auch nicht wirklich klar, ob es einen “Typ” gibt, oder eine Schnittmenge von Eigenschaften. Ihr Profil: Eine junge Frau, sportlich, attraktiv, aber alles in konservativer Darstellung. Mit einige schreibt sie belangloses Zeug, hier und da trifft sie sich in sicheren Rahmen zum Quatschen, aber “nix dabei”. Okay, das ist früher alles ein bisschen mühsamer gewesen… Eigentlich sucht sie tatsächlich nur Kontakt, will “eigentlich” keine Beziehung, und erst recht nicht sinnfrei rumvögeln.

Matches (Part 2) Auch diese Freundin wischt schnell über den Bildschirm, sie hat ihren Fokus ganz klar auf andere Dinge gelegt, die durchaus dem Klischee entsprechen: Gut gebauter Kerl zum Vögeln gesucht, darf gerne Geld haben – ihr Profil ist entsprechend attraktiv. Sie bekommt ebenfalls viele Zuschriften und ist hier und da kurz im Gespräch, stellt aber schon online fest “alles Idioten” und trifft sehr selten jemand. Mich irritiert ihre Aussage zu den Männern, das ist schon sehr speziell, die Hüften sollen so sein, Brusthaare ja nein vieleicht, alles sehr oberflächlich klingend, dabei ist sie gar nicht so, und schon gar nicht ihre Auswahl. Im Nachhinein vermute ich einen Ausdruck der eigenen Verunsicherung über das Äußere.

Beide haben gemeinsam, und so vermute ich es für die meisten Beteiligten, dass man zunächst filtert, so gut es geht, und trotzdem, im tiefsten Herzen, die große Liebe sucht (der Liebe muss man sich eher soziologisch annähern, ist die romantische Liebe doch eine relativ neue Erfindung). Daher befinden sich die Leute in einem wechselnden Modus von vorab enttäuschter Erwartung und übergroßer Hoffnung.

Lustigerweise hat die nix erwartende Freundin sich in einem spontanen “nur-mal-so-treffen-kein-Date” total verliebt und die andere, die tatsächlich was sucht, noch nichts gefunden.

Und das alles verstehe ich nicht – was filtert man da? Was gibt man von sich preis und was stellt frau/mann dar? Die eigenen Wahrnehmung ist ja in der Regel beschissen und stets auf die Makel fixiert, das kann also gar nicht gut gehen. Und das Zielobjekt soll Farbe/Format und Größe X haben – und am Ende kauft man doch den blauen Kaschmirpulli, den man immer kauft, aus Unsicherheit etwas neues zu probieren.
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Masse an Menschen zeitgleich die Erwartungshaltung hoch schraubt. Dabei ist Tinder Quantität, nicht Qualität, die versprechen andere Plattformen vielleicht um es auch nicht zu erfüllen, aber es geht die ganze Zeit eben nicht um den anderen, sondern scheinbar immer um sich selbst. Geht es um das eigene Bild von sich selbst? Mir schienen die Leute immer viel mehr damit beschäftigt zu sein, was und wie sich darstellen, als tatsächlich am anderen interessiert zu sein.

Sind wir kleine Instagram Klone, die sich durchs Leben tindern?

…Falls jemand von Euch tindert und dazu eigene Forschung betreibt, es interessiert mich echt. Gerne per Mail.

Post scriptum: Ich habe versucht, zwei Leute zu verkuppeln. Das hat sich innerhalb von fünf Sätzen erledigt. Das Leben ist besser als Tinder *LOL*

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