Das Ende der 40h Woche

Ob ich demnächst eine Beratungsstelle für Kündigungen und Trennungen eröffne? Die Mutig-Mach-Agentur? Nachdem ich heute also schon psychologische Erste-Hilfe geleistet habe, und auch mit anderen sprach, hier mein höchstradikaler Input, der erstens weder radikal, noch neu ist:
Die 40h Woche ist vorbei.

Vollzeit. Vollzeit ist das Gehalt, die Arbeit ist in etwa die gleiche, die ich in einem 20h Job leiste. Bei einer Teilzeitbeschäftigung von 50% mit ein paar Stunden hier und da dazu, habe ich den gleichen Output wie jemand, der 40h arbeitet. Denn sind wir ehrlich, der Rest sind sinnlose Meetings oder Kaffeekränzchen. In meinem Homeoffice arbeite ich ca. 4 Stunden sehr konzentriert und bin danach völlig fertig, habe aber auch das Pensum von einem Tag durch. Etwas entzerrter, also mit kurzen Pausen, bin ich produktiver und entspannter, so daß ich den Rest des Tages auch noch leben kann. Homeoffice hat einige Nachteile, es überwiegen jedoch die Vorteile. Zudem entfallen die Wege, die mitunter drei Stunden am Tag kosten können.
Standard wären also 8h Arbeit, eine Stunde Mittagspause und 3h Pendeln, das macht stolze 12h am Tag. Dazu 8h Schlaf, bleiben noch 4h für Essen, Freizeit, Gesundheit und private Erledigungen wie Arzt, Einkaufen und Ablage.
Kann man machen.
Der Verzicht auf Schlaf, Essen, Arztbesuche ist dabei ein wesentlicher Faktor, der es einem ermöglicht, so einen Alltag durchzuziehen. So sind Übergewicht, Bluthochdruck und Schmerzkrankheiten durch Bewegungsmangel absoluter Standard in der Bevölkerung. Der Preis dafür: Früher oder später fällt jeder aus, Burnout, Krebs, Herzinfarkt, sucht Euch was aus.
Nur Homeoffice ist jedoch auch schwierig, weil wir den Platz unter Umständen nicht haben, wir die Infrastruktur nicht besitzen, und die soziale Komponente fehlt.
Dabei ist es relativ einfach: Meetings an einem festen Tag, alle im Büro an einem festen Tag, so daß man den Austausch hat, und den Tag für Kommunikation priorisieren und einplanen. Homeoffice ebenfalls fest, und dafür die technische Infrastruktur bereithalten. Natürlich bedarf es da einer vollständig digitalisierten Infrastruktur-neulich sollte ich was mit Unterschrift schicken, also ausdrucken, unterschreiben und wieder einscannen. Was der Fick soll??

Der Output ist ja die Sorge der Arbeitgeber, die natürlich davon zehren, dass wir mehr Output leisten, als wir kosten. Der Output ist größer, denn jeder hat schon mal im Homeoffice gearbeitet um etwas Dringendes und Wichtiges fertig zu stellen, wozu man sonst keine Ruhe hatte. Warum sollte es also nicht jede Woche funktionieren? Weil die Waschmaschine läuft? Weil ich in meiner Pause spazieren gehe? Weil ich statt im Zug zu sitzen, ausgeschlafen bin? Wohl kaum.

Doch hat sich eines durchgesetzt: Die Präsenzkultur, denn das ist ein wichtiger Punkt der männlichen Riege. Sie sind präsent und sichtbar, und sie brauchen Publikum, um zu rechtfertigen, dass sie SIND. Das erklärt die vielen Meetings, die keinerlei Output haben, die vielen Konsens-Entscheidungen, die zur Blockade werden, und schafft in vielen Bullshit-Positionen viele weitere Zeitrunden, für die man ja bezahlt werden muss.

In letzter Zeit habe ich mehrfach gehört, dass Leute eine Gehaltserhöhung ausgeschlagen haben und lieber weniger arbeiten wollen (keine Angst, es waren nur Männer LOL). Völliger Quatsch! Das Problem ist ja, sie werden genau so viel arbeiten wie vorher, eben mit mehr Druck, aber weniger Geld verdienen. Die vermeintliche Teilzeit ist eine Falle, denn die Aufgaben bleiben immer gleich, es werden sogar mehr, weil man dann mehr Kleinkram bekommt, der „eben mal schnell gemacht werden kann“. Eine Angleichung der Arbeitszeit für alle ist die einzige Lösung. Und wenn ich Chefin anderer Leute wäre, würde ich ziemlich knallhart durchgreifen und sowohl Essen als auch Sport in die To-Dos einführen. Was zunächst ziemlich nach China, Kommunismus und strukturelle Gewalt klingt, hat einen hoffentlich verständlichen Hintergrund: Es wird der Arbeitszeit zugerechnet, das bedeutet, es ist eine präventive Maßnahme, die man mitnehmen wird, weil es eh bezahlt ist. Privat Sport machen? Eher nicht, aber wenn das Teil meines Jobs ist, was soll’s. Wie man das kontrollieren und nachvollziehen soll? Gar nicht. Man schafft einfach entsprechende Angebote und lässt es laufen. Man kann den Leuten Equipment spendieren, und digitale Kurse anbieten, natürlich an den Homeoffice Tagen. Die Mittagspause ist gesetzlich mit 30 Minuten vorgeschrieben, funktioniert aber so nicht, außer das Essen wird einem fertig vor die Nase gestellt, ohne Anstehen, ohne Kochen, ohne Tischgespräch. Das geht mal, das ist auch sehr individuell, aber so funktionieren informelle Gespräche wieder nicht, die sehr wichtig sind hinsichtlich einer nachhaltigen Kommunikation (there, I said it! Das ist mein Thema!) also muss man auch da ein Angebot schaffen oder die Zeit dafür bereit stellen.

Auch wenn man vieles nicht komplett planen kann: Man muss dafür Räume schaffen.
Und dazu gehören eben Dinge wie der Verzicht auf die 40h Woche mit Pendelzeit. Die Effekte hätten eine Konsequenz auch eine Trillion andere Dinge: Büroflächen und Energiekosten dafür; CO2 Ausstoß durch Pendelverkehr plus Feinstaubbelastung; mehr externe Dienstleister und dadurch mehr Flexibilität für alle; Kostensenkung im Personal bei zufriedeneren Mitarbeitern und mehr Output. Da es darüber bereits Studien gibt, muss man das nicht mehr besonders breit treten.
Und dafür ist die Pandemie natürlich gut gewesen: Vieles läuft auch anders als man es kannte. Natürlich nicht, wenn man Zuhause noch drei Kinder hat, doch das ist in der Regel nicht der Fall-ganz im Gegenteil, die Zeit kommt der Familie zu Gute und auch das trägt zu einem guten Output bei. Ob die Waschmaschine und der Trockner nebenher laufen, ist egal. Und wenn die Sportstunde zum Putzen verwendet wird: BRAVO!
Was nach exotischen Märchenland klingt, ist der Alltag vieler Selbstständigen, und da der Klein- und Mittelstand in DE sehr stark ist, kann es soo schlecht nicht sein. Es erfordert natürlich Struktur und auch Koordination von außen, weil es viele selbstständig nicht auf die Reihe bekommen-können und wollen. Auch das ist kein Problem, dafür kann man sorgen. Die Vorgesetzten sind genau dafür da. Die Fuhrüngskräfte natürlich nicht, die machen andere Dinge.

Das Ganze hat natürlich erst einmal Geltung für die Bullshit-Jobs, und sind wir mal ehrlich, es sitzen verdammt viele in solchen Bullshit-Jobs. Doch das kann auch die Infrastruktur in Schichtarbeit ändern, in Krankenhäusern und Fabriken, wo alle kürzere Zeiten arbeiten. Ja, dann muss man mehr Leute einstellen, und ja, das ist Koordination und das sind hohe Personalkosten. Ein zweischneidiges Schwert: Es gibt Infrastruktur wie Gesundheit und Bildung, die nicht auf Gewinn ausgelegt sein darf. EASY. Eine Fabrik hingegen, die will Gewinne fahren, und da sind Lohnkosten natürlich ein Faktor. LOL NEIN! Das stimmt schlichtweg nicht, es ist aber ein beliebtes Totschlagargument. Man muss natürlich dann mehr qualifizierte Arbeiter:innen haben, die man gut bezahlt, was leider Dinge wie Aktienmarkt und Spekulationen entwerten würde. Das ist ja Sozialismus! Nein, ist es nicht, es ist immer noch Kapitalismus und meine Argumentation reiht sich bittererweise erst einmal darin ein; but we have to deal with facts and reality, right.

Erfreulicherweise sehen jüngere Unternehmer:innen ein, dass sich was ändern muss, und kurzfristige Gewinnen leider zu teuer erkauft werden und nicht nachhaltig sind. Und dass man irgendwie auch leben will. Auch wenn es nur eine einzige positive Nachricht ist, die mich diesbezüglich erreicht hat, – ich bin optimistisch. Nach wie vor glaube ich an technische Infrastruktur, an Kommunikation und an den Menschen. Das alles geht aber nur mit einer grundsätzlichen Änderung der Einstellung und Werte. Und es passiert!!

Das Patriarchat zerstören mit: Fett

Es wird Zeit für eine neue Kolumne, die da hieße „Das Patriarchat zerstören“!
Nachdem wir als Frauen gefordert haben, nicht mehr getötet zu werden (WOW!), ist es nur folgerichtig aktiv zu werden und dieser regelrecht faulenden Krankheit dem Kampf anzusagen.

Folge 1 und sicherlich dem Sommer geschuldet: Sei dick!

First of all gilt einfach sein Äußeres und das anderer Leute nach Möglichkeit nicht zu kommentieren, wenn es nicht gefragt wurde. Auch Bewunderung ist heikel, einfach schauen ob dahinter nicht doch eine kleine passiv-aggressive Ader steckt. Ich kann so ehrlich Komplimnete raushauen dass es schon weh tut, dann geht es, aber ansonsten wirklich lieber auf die Zunge beißen und FRESSE HALTEN. Beispiel: Das ist aber mutig BLABLABLAH.

Zum zweiten bemüht sich das Patriarchat unliebsame Menschen unsichtbar zu machen. Also sind alle nicht normschönen, normdünnen, jungen und weißen Menschen schon mal betroffen. Männer auch! Der Hintergrund ist einfach: Wer dick ist, nimmt Platz ein, ist sichtbar und stört-und wenn es eine Frau ist, erst recht, sie soll bitte unsichtbar im Hintergrund mitschwingen, Kaffee servieren und Fresse halten, sich zu Tode hungern und sich nach männlicher Aufmerksamkeit verzehren BLABLABLAH.

Und so beklagen sich Frauen, dass sie keine Radlerhosen tragen könnten, weil man dann sieht dass sie – was? EXISTIEREN?? Dass sie ihren Fitnesszustand anhand der sichtbaren Muskulatur messen lassen müssen? Also Muckis aber sonst nix, nur Haut. Geht biologisch nicht und ist auch nicht sinnvoll.

Daher – NEHMT PLATZ EIN. Breitet Euch aus. Im Bus, auf der Picknickdecke, auf dem Bürgersteig. Habt Breitseite. Weicht nicht aus. Seid PHAT!
Und das gilt auch für kleine Menschen. Geht in der Mitte des Bürgersteiges, geht aufrecht, und nehmt Euren Platz ein. Zeigt es Euren Kindern, besonders Euren Töchtern.

Mütter reiten auf Einhörner durch’s Kita-Land und #RegrettingMotherhood

Das sind sie, meine zwei am häufigsten gelesenen Beiträge persönlicher Art:
Mütter reiten auf Einhörner durch’s Kita-Land und #RegrettingMotherhood.

Sie unterscheiden sich nicht großartig. Während ich in „Mütter reiten auf Einhörner durch’s Kita-Land“ schreibe, wie müde ich bin, sage ich kaum zwei Jahre später mit dem Hashtag #RegrettingMotherhood knallhart, dass ich meine Familie „verlassen“ werde.

Das Einhorn ist tot. Das Einhorn taugt nicht mehr zum reiten. Wenn mich heute jemand fragen würde ob sie(sic) Kinder bekommen soll, was würde ich sagen? Die Frage beantwortet sich von selbst. Heiraten? Seid Ihr irre?
Mitten im Scheidungsverfahren, was sich schon so anhört wie ein Verbrechen, das ich begangen habe, mit Anwältin, die mich vertreten muss, werde ich immerhin mit Rentenpunkten meines Ex-Mannes abgespeist. Der wird mich wiederum nicht los, und muss auf immer und ewig für mich zahlen, wenn er nicht wieder heiratet, ob er oder ich wollen oder nicht. Heiraten ist einfach eine schlechte Idee, es sei denn, man will das Geld einer wesentlich reicheren Person ergattern, dann kann sich das wohl lohnen.

Wie haben meine Kinder die Trennung verkraftet? Wie Kinder es nun mal tun, sie passen sich an und versuchen das Beste heraus zu holen. Als bemitleidenswerte Wesen, die sie nun mal sind, bekommen sie überall eine Extra-Wurst. Und das ist gut so! Auch der alleinerziehende Vater ist sehr geachtet und bemitleidet, denn die schlimme Bitch (ich LOL) hat ihm übel mitgespielt. Auch wenn ich dabei nicht gut weg komme, kommt es doch den Kindern und auch ihm zu Gute.
Kinder alleinerziehender Mütter sind asozial, Kinder alleinerziehender Väter sind arme, arme Kinder mit überfordertem Vater. Die Symbolik ist klar. Und die klar frauenfeindliche Haltung dahinter auch.

Und jetzt bin ich die Mutter, die der Vater ist, oder wie soll ich das beschreiben? Ich bin der Bonus-Elternteil. Ich hetze mich nicht mehr zur Kita ab und was in der Schule abgeht, weiß ich nicht. Die Zeit mit meinem Kindern ist Quality-Time pur und ich teile mir die Termine nach meinem Gusto ein. Mental Load ist zwar immer noch ein Thema, aber auch da habe ich Abstand gewonnen: „Ist nicht mein Problem, wie der Vater der Kinder das mit den Kindern regelt.“
Es ist nämlich exakt das, was ich tagaus, tagein von der Gesellschaft zu hören bekommen habe: Es ist DEIN Problem! Dass es jetzt ausgerechnet ein einzelner, wirklich guter Mann ausbaden muss, ist schade, aber es ist für ihn viel leichter als es für mich wäre. Zu sagen, dass ich die Mutterschaft bereue, ist nicht zu sagen, dass ich meine Kinder nicht liebe oder sie mir egal sind. Sie sind Teil meines Lebens und sie können mir alles erzählen, und das tun sie auch. Und sie holen sich die Zeit, die sie mit mir brauchen-insgesamt eine viel bessere und innigere Beziehung als vorher. Dennoch wäre es für mich fatal gewesen, eine Trennung zu erwägen, bei denen ich die Kinder versorge und arbeite. Es gibt kein Bonus für alleinerziehende Mütter, nicht mal Mitleid. Es ist DEIN Problem, liebe Frau, Kinder zu haben, und wenn Du kein Problem damit hast, wird schon irgendjemand dafür sorgen, dass es zu Deinem Problem wird.

Das Einhorn der (Instagram-Glucken-)Mutterschaft, das noch so viel zelebriert wird, bleibt offensichtlich einem bestimmten Mindset und, seien wir ehrlich, einer bestimmten Einkommensgruppe überlassen.
Oh, und ich darf nicht vergessen: Die Power-Mütter. Die Gründerinnen und Start-Ups Bitches, die erfolgreichen Mütter und knallharten Frauen, die „es geschafft“ haben. Wie? Nun, sie haben eine Haushälterin und eine Nanny oder Au-Pair und dazu einen Partner, der „zurück gesteckt“ hat. Umgekehrt wird wiederum erwartet, dass Frauen sowohl Nanny, Haushälterin als auch Beruf SIND und der Mann bestenfalls seine Kinder babysittet. Das ist Deutschland 2021!
Jedes Paar gerät spätestens bei ungleichem Einkommen in diese Falle. Will der Vater endlich mal in Elternzeit, statt im dummen Bürojob zu versauern, wird ganz schnell Druck gemacht. Jetzt bekommen also auch Männer die kalte Hand des Patriarchats zu spüren. YAY!! Nicht.
Der Begriff wäre in #RegrettingParenthood umzuwandeln, wenn wir ehrlich sind.

Das hat auch die #Pandemie gezeigt, als die schlechtbezahlten Frauenjobs in der Altenpflege und im Krankenhaus auf einmal so krass zeitlich anzogen und Väter Zuhause alles stemmen mussten. Als viele Frauen nicht mehr arbeiten konnten und es vorzogen, zu kündigen. Als viele Frauen in hochqualifizierten Positionen die Tatsache, dass sie im Homeoffice arbeiten, zu ihren Ungunsten ausgelegt bekommen haben, während Männer als Helden gefeiert wurden, weil sie aus Kinderzimmern konferierten und ein Mittagessen bestellten.

Die Kita hat nun ein paar Wochen auf und demnächst ziemlich sicher dank Delta-Variante wieder zu. Man hat staatlich beschlossen, ein wenig Eugenik zu betreiben oder wie es euphemistisch genannt wird, Durchseuchung, und Kinder einem potentiell tödlichen Virus auszusetzen, weil man keine Lust hat, etwas am System zu ändern. Oder ein paar Luftfilter zu installieren. Private Kitas und Schulen haben sowas, staatliche Schulen nicht – wie polemisch das Wort Eugenik klingt, und wie unbequem und schrecklich. Wäre der Begriff völlig abwegig, wäre das unangenehme Gefühl beim Lesen nicht dabei.

Um #RegrettingMotherhood aufzuweichen, bräuchte es mehrere Veränderungen, die recht einfach und nachvollziehbar sind. Alles schon bekannt, sehr viel im Bildungsbereich und sehr wenig Dinge, die denen, die das Land in Wahrheit regieren (ABER DIE WIRTSCHAFT!), wirklich kratzen würden.

Die Klimakrise ist ganz klar da und ich weiß nicht, wie ich manchmal schlafen soll, wenn ich nicht weiß ob meine Kinder in 30 Jahren überhaupt überleben können. Was nach Katastrophenszenario klingt, ist längst wissenschaftlich erwiesen. Ich werde bis dahin ein ziemlich gutes Leben gehabt haben, aber meine Kinder? I doubt so.

Deswegen bleibt es im kleinsten Kosmos wie das der Familie und im großen Kosmos wie das der Lebenswelt alles wie immer: Das Private ist politisch.