Jahresrückblick

LEER.
Im Ernst, welches Jahr nochmal? Kann ich bitte nochmal die AGBs sehen? Und ist das Jahr überhaupt um?

2020 war krass, ohne Frage, und ich habe exakt nichts in diesem Jahr hinbekommen. Das war allerdings auch so absehbar ab einem gewissen Zeitpunkt; und relativ früh wurde mir klar, dass das Jahr als Zeitraum keine Relevanz mehr haben wird. Pandemie, Impfung, alle impfen, Nachwehen – das ist ein Zeitraum, der locker bis 2022 gehen wird.

2020:
Ich bin ausgezogen und lebe wieder alleine. Die Bude entspricht ziemlich genau meinem Vorstellungen, und ich freue mich jeden Tag darüber.
Ich habe meine Erwerbstätigkeit nach zehn Jahren gekündigt. Auch das war geplant, und auch darüber freue ich mich.
Ich habe mich persönlich krass weiter entwickelt, und ich freue mich , dass ich in der Lage bin, das zu erkennen.

Natürlich sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass Dinge, die sonst immer funktioniert haben wie mein Stil, nicht ganz so stabil waren: Knapp bin ich einem paar Schuhe in Leo-Look entkommen, allerdings nur um mir silberne Ballerinas zu kaufen. Was ich mir dabei gedacht habe? Nicht viel, wie es scheint.
Ein paar sehr rockige Designer-Schmuckstücke landeten mit Verlust auf Ebay Kleinanzeigen, und mein neu entdecktes Faible für Haar- und Hautpflege bescherte mir einen Ausschlag, der eigens auf den Namen Arschibald getauft werden musste. Als langjährige Beautybloggerin habe ich nie rumgestestet, nur um in einem Moment der Pandemie-Schwäche Chanel und Moroccon Oil auszuprobieren weil sie so gut DUFTEN. Ach was, sagte meine Allergie, und Arschibald applaudierte.
Diverse Zipperlein bescherten mir eine längere Sportpause und das Fitnessstudio schloss, was sich mit 8 Kilogramm Pandemie-Gewicht rächte.

Glimpflich davon gekommen, oder? Immerhin kein COVID-19 eingefangen, ich lebe noch, ich habe zwei supersüße Kinder und das erste Mal in meinem Leben from scratch ein Brot gebacken.
2020 hat mir gezeigt, dass ich alles kann – und was soll ich sagen, irgendwie ist 2020 noch nicht um, oder?

Warum die Diskriminierung von Müttern systemrelevant ist

Ja, habe ich heute das schärfste Gericht meines Lebens gegessen und dachte kurz, ich würde sterben? Ja.
Dann erinnerte ich kurz, dass Capsaicin, also der höllische Wirkstoff der Chili, schlichtweg Schmerz verursacht und dass ich dieses schon aushalten werde. Ich habe zwei Kinder ohne Schmerzmittel bekommen!
Dieser sicherlich wenig tröstende Gedanke birgt zwei Komponenten: Zum einen, dass Schmerz und Leid zur Mutterschaft gehört, zum anderen, dass FRAU das schon ertragen müsse, könne, werde.

Brückenschlag zum Thema: Berufstätigen Müttern zahlt man wenig Geld. Entweder befinden sie sich im Niedriglohnsektor und müssen ihre 40h irgendwie abreissen, froh dass sie überhaupt Geld verdienen, oder aber sie befinden sich bereits auf einem besseren Niveau, arbeiten in Teilzeit, schlecht bezahlt und mit mehr Output als Vollzeitkollegen, oder aber, und das ist die von vielen beneidete Endstufe: Aufgrund des hohen Einkommens ihres Partners (sorry dass ich hier von Cis-Hetero-Scheisse ausgehen muss, darauf baut das System nun mal auf) ist die Mutter Zuhause, leistet unbezahlte Sorge-Arbeit und bestenfalls engagiert sie sich noch ehrenamtlich.

Ehrenamt. Ehrenamt ist ehrlich gesagt sehr wichtig – und gleichzeitig sehr verkehrt. Nicht nur verhindert Ehrenamt, dass Arbeit bezahlt und somit wertgeschätzt wird, es spielt auch im Perpetuum Mobile des Kapitalismus eine wichtige Rolle, siehe die der Mütter.

Der Sorge-Arbeit (Pflege von Kindern, von Älteren) mangelt es an vielen wichtigen Dingen: Anerkennung und soziales Umfeld seien als wichtigste Punkte zu nennen. Im Ehrenamt findet man beides: Struktur, Anerkennung, ein soziales Umfeld, und dass mit (vermeintlich?) erheblich weniger Druck als in einem schlecht bezahlten Teilzeitjob, und natürlich mit besserer Vereinbarkeit mit den unterirdischen Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Deutschland.

Dadurch werden unzählige Jobs zunichte gemacht. Die unbezahlte oder geringfügig bezahlte Arbeit ermöglicht es, systemische Unterversorgung in Kindergärten, Schulen und Sozialeinrichtungen zu verdecken.
Nun, das ist ja nichts Neues, ich habe außerdem selbst schon mal darüber geschrieben.

Das Argument dagegen ist klar: Bevor die Institutionen und damit verbundenen Menschen völlig verwahrlosen und das Leid unerträglich wird, muss Abhilfe geschaffen werden – die Mitleidstour.
Erstaunlicherweise passiert gar nichts, wenn sich niemand findet. Es dauert ein wenig, aber auf einmal wird jemand eingestellt. Und auf einmal wird „Mehrbedarf“ anerkannt. Und schwupps, ist ein neuer, sozialversicherungspflichtiger Job entstanden. Dies gilt natürlich nicht für alle Institutionen. Obdachlose, an die nun mal wirklich keiner an Interesse hat, wären betroffen, gäbe es kein Ehrenamt. Deswegen – jede Medaille hat selbstverständlich zwei Seiten.

Angenommen, Mütter/Elter/Ehrenamtler:innen würden von heute auf morgen alle gemeinsam das Handtuch schmeißen. Da wäre was los! Oder sie würden ein Gehalt verlangen.

Überhaupt ist der Niedriglohnsektor, die sogenannten Frauenberufe, auch gerade deswegen den Frauen zugeteilt. So wird das schreckliche Potential, das in Frauen steckt, und glaubt mir, es ist eine Menge Grausamkeit;-) durch Überarbeitung, Nicht-Beachtung und Diskriminierung in Keim erstickt. Was passiert mit empowerten Frauen, die an sich glauben und von anderen gefördert werden? Wir haben es jüngst an der Dichterin Amanda Gorman gesehen, die bei der „Thronbesteigung“ Bidens in den USA einen vielgelobten Auftritt hingelegt hat. Mit 22 Jahren.

Warum gibt es keine Gleichberechtigung und keine Revolution? Weil wir weder die Kraft hatten, noch die Zeit dazu. Das gilt leider mittlerweile für Mütter und Väter gleichermaßen, wenn auch Männer nach wie vor eine privilegierte Stellung selbst haben.

Deshalb: Wer Zeit hat, sich für Ehrenamt zu engagieren, sollte vielleicht etwas anderes machen: eine Demo auf die Beine stellen, eine Protestaktion starten, Unterschriften sammeln, oder den Bundestag anzünden.

Empowerment – Wir sind alle Entrepreneurinnen

Es ist ein revolutionärer Akt in der heutigen Gesellschaft, als Frau sichtbar zu sein. #CreateYourself

Frauen dürfen. Alles.
Außer: Schön sein, auffällig, erfolgreich. Dann haben sie nix in der Birne, sich hochgeschlafen, sind Anhängsel und bestenfalls Influencerin, statt Entrepreneurinnen.

Die Beispiele finden wir reichlich auf Instagram. Leonie Hanne, eine sehr erfolgreiche Social Media Expertin, die mit 3 Millionen Follower, einem bezaubernden Lächeln und knallharten Brain ihr Business aufgezogen hat, vergisst niemals, jeden Tag dankbar zu sein, aber ich persönlich finde, sie kann sich das auf alle Fälle jeden Tag in erster Linie selbst zuschreiben. Ich finde es toll, dass sie nicht abgehoben ist, aber ich weiß mittlerweile, wie hart der Job ist, den die Blicke hinter den Kulissen sind zwar immer rosig-gefärbt, zeigen jedoch auch die knallharte Wahrheit.

Eine andere Expertin, die österreichische Beatrice Frasl, die im Bereich Mental Health arbeitet, wurde neulich als Influenecerin bezeichnet. Das ist niedlich, weil sie als Kulturwissenschaftlerin uns definitiv influenced, einen Antrag bei der Krankenkasse zu stellen, ansonsten außer Reichweite nichts mit dem Begriff zu tun hat. Sie als digitale Entrepreuneurin darzustellen? Niemals.

Als Unternehmerin ist diese Tage Madeleine Darya Alizadeh ein bisschen steil gegangen, nachdem sie angefeindet wurde. Sie hat sich eine Immobilie gekauft, und ja, sie ist jung und erfolgreich UND sieht dazu normschön aus. Ich persönlich finde sie beispielsweise aus irgendeinem Grund unsympathisch, sicherlich ein Funken Neid, aber sie hat alles richtig gemacht und ich bewundere ihre Marke und ihren Erfolg auf Social Media. Einen Shitstorm für Erfolg zu bekommen, das steht nur Frauen zu. Währenddessen sind Millionärssöhne wie Elon Musk voll der Knaller und werden gehypt für jeden peinlichen Auftritt und sind Vorbild ganzer Männer-Generationen. Ich kotze sanft in die Ecke.

Und nehmen wir mal jemand aus meinem persönlichen Umfeld, eine erfolgreiche ITlerin, die sagte, so mit 50 darf sie sich entspannen, davor darf sie nicht zu hübsch sein und zu teure Handtaschen tragen, weil es ihrem Können Abbruch tut, da sie sonst als Püppchen abgetan wird. Die Frau ist knallhart, witzig, liebenswürdig und attraktiv, was sie jedoch definitiv runter spielt. Der Erfolg gibt ihr leider recht, und sie sagte, es fehlen Vorbilder, es fehlt Empowerment, sich hinzustellen und zu sagen: Ich BIN, Bitches, denn das steht scheinbar nur sehr erfolgreichen und sehr reichen Frauen zu, also den drei üblichen Verdächtigen, die wir immer vor die Nase gehalten bekommen. Uns wird ein Narrativ vor die Nase gehalten, das zum einen bestätigt, es geht, aber gleichzeitig unerreichbar ist, denn reich geboren sind nun mal weniger, und von da aus ist es halt etwas einfacher. Post Scriptum: Meritokratie gibt es nicht wirklich.

Also gehen Frauen in Sack und Asche, sind ewig dankbar, haben einen Partner „ohne den sie es nicht geschafft hätten“, sind witzig, weil knallhart ist bitchy, und vor allem bescheiden und achtsam und sagte ich schon, dankbar?

FRAU, SEI DANKBAR, ACHTSAM, NETT UND FREUNDLICH. Und ja nicht zu kurz der Rock und nicht zu ausladend das Dekolleté, in das sowieso jeder starrt. Ich habe gelernt: Own it. Wer sichtbar ist, aufgrund welcher Eigenschaft auch immer, muss auch lernen souverän zu sein. Das ist die Master Class schlechthin. Souveränität im Umgang mit einem nicht wohlwollenden Umfeld ist eine Königsdisziplin.

Empowerment ist nur leider kein Handtäschchen, das man sich anziehen kann, es ist quasi nur die Hefe im Teig: Ein Starter. Ich habe mir eine neue Berufung als Stylistin zwar auch wegen den Klamotten ausgesucht, ich kann es einfach, aber auch um Empowerment zu liefern, deswegen den Zusatz Image Consultant. (Habe ich mich gerade als Hefe bezeichnet? Ich bin ein Pilz! Urgh.)

Das Narrativ können wir nur selbst ändern und in erster Linie bei uns und für uns, und ja, es ist anstrengend.
Es wirkt zuweilen trivial – über Klamotten?! Über High-Heels oder Handtaschen? Oder einen bunten Schal? Ja, weil Sichtbarkeit auch Handlungsfähigkeit bedeutet. Es gibt sogar ein Buch, übrigens wurde die Autorin wegen ihrem roten Lippenstift geshitstormt, ehrlich, und das 2020!!, – und das Buch heißt sehr treffend: Wer nicht sichtbar ist, findet nicht statt. Die Entrepreneurin Tijen Onaran ist eine eierlegende Wollmilchsau, Autorin, Chefin, krasse-Anzüge-Trägerin (sie hat eine tolle Berliner Stylistin) und hat aus ihrer Schwäche, nämlich ZU sichtbar zu sein, ihren Erfolg begründet. Ist es so einfach? Ehrlich gesagt, ja. Das weiß ich aus Erfahrung.

Empowerment ist nicht Selbstoptimierung als Hobby oder Arbeitsbeschaffungsmassnahme. Es kann nicht sein, das wir unser Leben mit drölfzig Coachings verbringen in der Hoffnung, das alles gut wird. Es ist nicht nachhaltig. Ich vergleiche es gerne mit Sport: Ja, Massage ist geil, aber machen muss man selbst etwas, damit eine Änderung dauerhaft wirkt, und ja, das ist anstrengend, zumindest am Anfang. Nicht jedeR braucht Sichtbarkeit oder eine Stilberatung, aber vielleicht tatsächlich Hilfe, den richtigen Sport zu finden, oder will an der Körpersprache arbeiten, oder braucht Empowerment für eine Gründung, oder Coaching in Bereich Partnerschaft und Sex. Gibt es alles.

Sichtbarkeit, neue Klamotten, check, jedoch macht erst das darin steckende Narrativ des empowered-seins es nachhaltig. Klamotten dürfen natürlich auch gerne nachhaltig sein, klar.

Ja, wir brauchen Empowerment und Anerkennung dessen, was wir leisten und können. Ändert die Sprache, ändert das Äußere, ändert das Narrativ – das geht ehrlich gesagt sehr einfach.
Es ist mir peinlich, weil ich das Geheimnis eigentlich für viel Geld verkaufen will, aber es ist sehr einfach: Glaube es.

Auf Instagram findet Ihr eine Zusammenfassung und paar Kommentare dazu, Ihr könnt mir gerne zwei Euronen paypalen oder mir Blumen schicken (OMG dafür würde ich gerade töten!!)