Die Krise des Kapitalismus – wir können nichts mehr kaufen

Ich mache Instagram auf, und bekomme: Eine statistisch beeinflusste Wahrnehmung, bestenfalls eine anekdotische Evidenz meinerseits, doch am Ende des Tages soll ich nur eines, etwas KAUFEN.

Nachdem ich ein, zwei Sport-Geschichten mir angeschaut habe (sehr empfehlenswert an dieser Stelle: Work It Hamburg, sehr pragmatischer und wissenschaftlicher Ansatz zum Thema Bewegung und Haltung), wurde ich mit Werbung für Sport-Klamotten und Sport-Kursen bombardiert. Dann kamen noch die Selbstfindungs-Coachings oben drauf. Die Social-Media Experten. Weiterbildung. Zum Teil in einer unglaublich schlechten Qualität, aber hey, start before you are ready. Jeder hat etwas zu verkaufen, online natürlich, als Abo für schmales Geld. So weit, so gut.

Nur, geraten wir aus dem “ich kaufe mich glücklich” Hamsterrad in den “ich optimiere mich zu Tode” Hamsterrad? Noch ein Zertifikat, noch ein Training, noch eine Beckenbodenübung?
Die Rückbesinnung auf sich selbst erfolgte nun dank Pandemie zwangsweise, und ist im Zweifel richtig. Wir müssen alle unsere Werte überprüfen. Fleischkonsum, Medien-Konsum, Fast-Fashion-Konsum, Kosmetik-Konsum (ein krasser Markt, der nicht gerade nachhaltig ist, weshalb ich die “wenig, aber gut” Schiene propagiere) und den Umgang mit toxischen Menschen und toxischen Umfeldern.
Von den politischen Implikationen will ich gar nicht erst anfangen. Es finden in Deutschland rassistische Angriffe auf Kinder statt: Es werden Kinder ANGESCHOSSEN. Kinder! Nach Amerika zeigen brauchen wir wirklich nicht.

Im kollektiven Retreat merken wir auf einmal, was wir alles NICHT brauchen. Ich liebe Mode, aber wieviele Kleider/T-Shirts/Sportsachen kann ich tragen? Auf einmal werden Selbstverständlichkeiten zum Luxus, der Blumenstrauß, das Parfüm, die Bodylotion. Aufmerksamkeit von Menschen. Aufmerksamkeit von sich selbst.

Die Frage lautet: Radikalisiert uns diese Rückbesinnung? Und wovon wollen wir leben, wenn wir nichts mehr verkaufen wollen?

[EXKURS: Das ist mir persönlich sauer aufgestoßen: Ich will meine Beautycoachings nicht “verkaufen”. Die Leute kamen immer so auf mich zu, und gingen sehr glücklich. Das ist leider rein betriebswirtschaftlich ein beschissener Ansatz, aber es hat eine 100%ige Erfolgsquote. Wie funktioniert das “Auf sich selbst Schauen” ohne in die Selbstoptmierung abzugleiten? Ich weiß es mittlerweile,- been there, done that.]

Viele junge Start-Ups arbeiten mittlerweile mit Authentizität: Sie stellen sich ungeschminkt vor die Kamera, sie machen ihre Margen transparent, sie kommunizieren ehrlich, daß sie sowohl verkaufen, als auch nachhaltig agieren wollen. Wir brauchen Klamotten, wir brauchen Ästhetik in unserem Leben, von Parfüm bis zur Kunsthalle, wir brauchen geistige Entwicklung und Herausforderungen. Also warum nicht?!

Wir, ich, wir müssen zwei scheinbar sehr auseinanderstrebende Dinge vereinbaren, Gegensätze in Balance bringen, you name it:
Die Sinnlosigkeit des Kapitalismus, die Unmöglichkeit einer gerechten/ausbalancierten Welt UND … ja, da fehlt mir die andere Seite der Medaille.

Reflektierte Intellektuelle (Männer nicht mitgemeint!!) haben in der Pandemie ehrlich darüber gesprochen, dass sie in ihre sogenannten “White-Collar” Jobs völlig unwichtig sind. Ja, denn eine Ärztin mag dringender gebraucht worden sein, und dennoch: Ohne die geistige Elite dieses Landes, und sie ist so gut wie weiblich, können wir gar keine Veränderung bewirken. Trotzdem geht alles, was Frauen betrifft, medial kollektiv unter. Warum? Die Antwort ist einfach. Männer machen Medien. Es gibt für Frauen fünf Sekunden Aufmerksamkeit, damit sie sich zufrieden geben, dann ist wieder ein männlicher, alter Mann am “Reden”. Und da geht es stets um Nabelschau, während die klugen Frauen über den Tellerand und um die Ecke denken.

Wir können nichts mehr kaufen, was überflüssig ist, wir können nichts mehr leben, was sinnfrei ist, – wir tun es aber durchaus.
Sachzwänge, Miete, Korsett Kinder und Familie-beim letzteren wird auch sehr gut darauf geachtet, dass die Gruppe mit dem größten Radikalisierungspotential, die Mütter, schön nahe am Burnout gehalten werden, und die Partner dazu ebenfalls, die nicht aufmucken können weil sie auch so ihren Teil tragen müssen.

Wir können nichts mehr kaufen.
Was wir brauchen, ist so fundamental, dass kann Amazon uns nicht liefern. Aber Amazon würde, und genau das ist die Krux des Kapitalimus.

Dieser Text könnte hier zu Ende sein, denn der Abschluß ist cool – aber wie bei so vielen Texten, die ich im Netz lese, fehlt immer der zündende Gedanke, die Antwort, die Lösung, oder viel, viel mehr: Die Frage. Texte sollten kein Amuse-bouche sein, sondern stets eine ganze Mahlzeit, oder gar ein Menü!

Ich wiederhole daher die Frage: Radikalisiert uns diese Rückbesinnung?
Spontan würde ich sagen: Ja.
Und eingrenzend, stelle ich die weiteren Frage:
Was willst Du anzünden?
Was geht Dir so richtig gegen den Strich?
Und wie willst Du vorgehen?

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Ein Gedanke zu „Die Krise des Kapitalismus – wir können nichts mehr kaufen

  1. Sehr interessanter Artikel! Ihre Gedanken sind sehr willkommen. Danke, dass Sie über dieses Thema geschrieben haben. Ich hoffe, dass ich in Zukunft mehr aus Ihrem Blog lesen kann.

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