Die Freiheit, frei zu sein

Ich lese gerade Hannah Arendt „Die Freiheit, frei zu sein“ und ich gestehe, ich bin in politischer Philosophie und Geschichte nicht wahnsinnig bewandert. Dafür fing ich erst an mich zu interessieren, als mir klar wurde, dass mein Forschungsthema Social Media zwar sehr viel mit Kommunikation und Empowerment zu tun hat, aber auf der Kehrseite sehr viel mit technisch möglicher und bedingter Manipulation und einer Deutungshoheit weniger, eine mit Macht einhergehende Möglichkeit der breiten Volksverarschung (dafür gibt es einen besserern Ausdruck, aber die Alliterationsliebe war stärker).


Doofie ich postete das Bild auf Instagram, weil ich fand die acht Euro kann man ruhig mal investieren: Das Buch ist verständlich geschrieben und erklärt die historische Genese einiger politischer Begriffe. Das Bild versah ich mit dem Kommentar: Wir müssen auf die Straße.
Kommentar einer anderen Wissenschaftlerin: Zu spät.

BAMM.

Wie eine Ohrfeige…

Da stehe ich in meiner Küche, mit einer Teetasse in der Hand, und mein Bauchgefühl vom lesen gestern wird auf einmal ganz deutlich. Angst steigt in mir auf. Eine Revolution geschieht, wenn die Macht schon zerbrochen ist, schreibt Arendt. In welcher Phase sind wir eigentlich? Das Erstarken der Nazis und das unverschämte Zurschaustellen ihrer Vorhandenheit, von Hardcore-Hitler bis hin zum besorgten Bürger, ist kein Warnsignal mehr. Wir sind mittendrin.
Auf der anderen Seite haben wir die feministische Bewegung, die leider immer noch Anstalten macht, sich dem herrschenden Patriarchat zuzuwenden und ihre Umdeutung dahin nicht ganz ablegen kann, wir haben die #metoo Bewegung an der sich nun rasend schnell auch #metwo anschließt und vielleicht andere marginalisierte, diskriminierte Gruppen, die folgen werden.

Und dann lief mir ein kalter Schauer über den Rücken: Alles schön und gut, aber das ist ein letztes Aufbäumen. Es ist großes Geschrei, trara, und es wird viel und laut Geschrien, wir sind alle furchtbar abgelenkt davon, uns öffentlich zu beklagen und anzuklagen, es ist laut, aber es ist auch wirkungslos. Man gibt einer (deutschen) Feministin eine Kolumne im Spiegel Online, man lädt die (deutsche) Feministin Teresa Bücker als Allheilmittel zu allen Shows ein (übrigens ein Kind ihrer Branche,Beraterin und Journalistin, ob die Feminismus oder Fritten verkauft ist der egal), und damit ist die Sache fertig.

Währenddessen werden um uns herum Leute wegen ihren Namen nicht eingestellt, wegen ihrer Haarfarbe zusammengeschlagen, wegen Essensgerüche aus ihrer Wohnung vertrieben. Die Polizei Sachsen steht sinnbildlich für eine Staatsmacht, die sich abgeschottet und, von oben toleriert, zu einer Art zukünftige SS wandelt. Die Nazis haben Menschen ermordet, wegen ihre Geld, wegen ihrer Behinderung, wegen ihrem Aussehen. Sie haben Babys an die Wand geschmettert. Sie haben Menschen vergast, sich zu Tode arbeiten lassen, sich gegenseitig beim lebendigen Leibe aufessen lassen als medizinisches Experiment getarnt, und die Liste ginge noch weiter. Die Nazis waren aber nicht eine Elite, die Nazis waren deine Nachbarn. ich wohne in Lüneburg, wo zuletzt der Prozeß gegen einem alten Nazi lief, der jetzt hoffentlich in der Hölle schmort. Es war ein Rädchen im System, liebender Familienvater, der Nachbar von nebenan. Er hat niemanden mit den eigenen Händen getötet? Er hat es organisiert und zugeguckt.

Niemals nie nicht hätte ich gedacht dass ich mich zu einem politischen Thema äußere. Ich möchte das meine Kinder aufwachsen ohne solche Mitläufer zu werden. Ich möchte dass ihre Enkelkinder nicht gefoltert werden, verbrannt werden, …

Lasst Euch nciht täsuchen. So viele Ausländerinnen gibt es in Deutschland nicht mehr, die werden nur die primäre Zielgruppe sein, aber dann werden die anderen Zielgruppen auf die Agenda kommen. Du. Die Frauen, die ewig störenden Frauen, die fordernden Frauen, und laßt Euch auch dahingehend nicht täuschen: Feminismus kann sehr wohl nationalsozialistisch umgedeutet werden. Stellt Euch jemand wie den charismatischen österreichischen Hitler vor, der da Kurz heißt, im Gepäck die Theresa Bücker, die jetzt die Möglichkeit hat in die Geschichte einzugehen, die weißen, gebildeten Frauen an die Macht holt, ganz gezielt, ganz wenige, ganz im Sinne der neuen Ordnung. Macht korrumpiert. Wer Zeit seines Lebens in seiner Selbstgerechtigkeitsblase und Heile Welt-Tatütata gelebt hat, wird potentiell immer korrumpiert werden, weil sie/er gar nicht die Möglichkeit hat, zu widerstehen. Nur wer wirklich schlimme Dinge erlebt hat, wer wirklich Dinge gefühlt und gesehen hat, wird dem widerstehen können.

Nur eine diskriminierte Minderheit wird Euren Arsch retten, denn sie werden die Straße auch anzünden. Aber sie werden nicht mehr da sein, wenn es soweit ist, denn wir haben alle aus dem zweiten Weltkrieg gelernt und haben wenig Lust, uns töten zu lassen.

Deshalb müssen wir alle aktiv eingeifen in unserem Umfeld. Der Nachbar, der irgendwas im Bart murmelt mit Ausländer raus – aktiv ansprechen und zurechtweisen. Die Fahrkartenkontrolleure, die die Frau mit Kopftuch anblaffen: sich dahin stellen, Photos machen, Anzeige erstatten. Polizei rufen (ja, das bringt gar nix, Polizei!! haha, es geht um die Handlung).

Wir leben in einem privilegierten Land, den die Freiheit, frei zu sein, ist die Freiheit von Mangel zuerst. Und die Freiheit, frei zu sein bedeutet die Beteiligung an politischen Prozessen, eine eigene politische Stimme zu haben. Und das geht nicht im Bundestag, dafür haben sich ein paar Leute zur Verfügung gestellt, das geht im Alltag und im hier und jetzt.

Jetzt möchte ich wissen, was ihr dazu denkt. Gerne anonym, ich schalte alles frei.

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2 Gedanken zu „Die Freiheit, frei zu sein

  1. Ich werde mir das Buch auch kaufen. Schon Dein Instagram-Post hat mich dazu angeregt.
    Ich weiß nicht so recht, was ich von den aktuellen politischen Entwicklungen halten soll. Sie gefallen mir nicht, ich muss dazu sagen, dass ich Ausländerin bin, aber seit 12 Jahre in Norddeutschland lebe. Und da mein Name auch ein wenig „ausländisch“ klingt, habe ich auch schon mehrfach den netten Nachbarschafts-Rassismus kennenlernen dürfen. Nichts dramatisches, eher so oberflächlich-gedankenlos, aber nichtsdestotrotz schlimm und es wird mehr. Teilweise bekomme ich auch während der Arbeit mal so dumme Sprüche, die Hemmschwelle ist gesunken. Ein- oder zweimal hatte ich auch Situationen mit Kunden, in denen meine nicht-deutsche Herkunft ein Thema war und eifrig „diskutiert“ wurde. Bis jetzt hat sich mein Chef immer hinter mich gestellt und mich unterstützt, ich hoffe, das bleibt so. Danke für Deinen Artikel, ich finde es mutig, Stellung zu beziehen und sich damit angreifbar zu machen. Das Internet ist ja leider die Heimat von Trollen. Ich versuche, in der kleinen Blase, in der ich mich bewege, Bewusstsein zu schaffen für Rassismus und rassistische Sprache. Und auch mal die Kollegin darauf aufmerksam zu machen, wenn sie mal wieder über Ausländer schimpft, dass eine Ausländerin mit am Tisch sitzt und sich angesprochen fühlt.
    LG, Claudia

    1. Danke Claudia! Ich finde es gut, dass dein Chef überhaupt dafür das Bewußtsein hat. Du solltest ihm ruhig das nochmal sagen. Und ja, wir müssen im Alltag lauter sein. Ich gehe als Deutsche durch, aber ich bin keine-was man da mitbekommt ist echt hässlich. Die Frauenfeindlichkeit ist noch übler, und da trauen sich Frauen nichts zu zu sagen. Dass die Hemmschwelle niedriger ist, ist kein Alarmzeichen, sondern schon die klare Kriegsansage. Wir haben hier ein großes Problem.

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