Das erste Mal: Gärtnern

Das Leben in der Vorstadt hat mich voll erwischt. Es ist eher wie Auto mit 10km/h in der Spielzone als ein ICE auf der Trasse, es ist eher schleichend als mit voller Wucht. Und doch – ich bin eine Vorstadt-Mutti mit Haus und Garten und womöglich…

…höre ich auf, zum Friseur zu gehen, mir die Füße zu lackieren, mir die Achseln zu rasieren und die Beine gleich auch (Feminismus hin und her, ich mag das nicht, bäh), mir die Haare zu waschen und auch mich zu schminken.

Hahaha. NEIN.

Doch solche Dinge passieren schleichend und man muss wirklich aufpassen, dem nicht nachzugeben und sich zu verlieren. Noch wehre ich mich. Mein Baby ist bald vier Monate alt, ich bin noch echt fett, aber auf den Füßen trage ich Chanel Coromandel, mein Friseur und ich hatten schon ein Date und ohne roten Lippenstift sitze ich nicht am Schreibtisch. Und: Ich sitze am Schreibtisch. Noch nicht häufig genug, jeden Tag müsste ich ja, aber immerhin schon meine 4Tage/Woche. Doch gestern, ja gestern, geschah das Unfaßbare: Ich gärtnerte.

Ich schickte den Ehemann mitsamt Baby ins Bettchen und schnappte mir den „großen Bruder“ – Teddy ist jetzt schon vier. Ich setzte meinen Hut auf und bewaffnete mich mit einer Handschaufel, Handschuhen und Gartenschere. Alles von Gardena, denn ich habe zwar von Gärtnern keine Ahnung, aber kaufen, das kann ich.

[hier Schweiß, Tränen & Flüche einsetzen]

Der Nachbar kam vorbei und schaute… fragend.
Der zweite Nachbar grinste belustigt.
Der dritte Nachbar kommentierte mit einem Augenzwinkern: Jaja, hier herrscht Zucht und Ordnung!

Spätestens da lachte auch ich über meine Garten-Aktion – es war zu spät, um etwas zu retten!
Was war passiert? Am Rand wuchs eine grüne Pflanze (Frauenmantel) die etwas überbordend geworden war, und so schnitt ich die Blätter ab und versuchte die Wurzeln zu entfernen. Leider konnte ich das nicht, und so entstand häßlicher Kahlschlag: Die Hälfte des Beetes ist blätterlos. Ein trauriger Anblick!

Der Ehemann kam auch irgendwann runter und schlug die Hände vors Gesicht. Milde entsetzt. Nahm mich dann tröstend in den Arm.

Ja. Ich kam mir vor wie die fünfjährige Andreea, die irgendwann die Möbel ihrer Eltern reinigte. Das schöne lackierte Echtholz sollte sich nie wieder von den weißen, matten Streifen des Putzmittels befreien lassen. Meine Eltern seufzten damals und beließen es dabei.
Der Ehemann murmelte, es würde ja wieder nachwachsen, und räumte die Reste des Desasters weg. Ich hatte zudem den falschen Mülleimer mit dem abgeschnittenen Zeug befüllt.
Meine Lehre daraus? Gärtnern ist echt harte körperliche Arbeit und man kann dabei wunderbar Aggressionen abbauen. Eine tolle Sache.

Ich lege mir dann mal ein anderes Hobby zu.

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6 Gedanken zu „Das erste Mal: Gärtnern

  1. gärtnern ist so dermaßen eine lernen-durch-fehlschläge-angelegenheit! sag ich aus eigener erfahrung. ich bin als studentin mit schwarzem daumen gestartet (ich hab sogar kakteen versehentlich gekillt …). dann hab ich aufm dorf den von der oma-der-exfrau-des-gatten beackerten garten widerwillig übernommen. da kam die oma noch regelmäßig auf besuch und flennte mir dann immer vor, wie ihr ihre rooooooosen doch fehlten, die schööööönen roooooosen, die bei mir noch nicht so richtig wollten, siehe oben – ahnungslose pflegeunwillige). irgendwann unterblieben die ommabesuche aber. zu anfang kam noch regelmäßig ein gärtner, der das unkraut rodete. aber der startete zu viele gestalterische eigenmächtigkeiten (mein, ich hasse studentenblumen, und nein, ich will keinen plastik-rehbock unter den rosen liegen haben *brech*)
    irgendwann beschloss ich, wenn ich schon den garten am bein hab, dann soll der auch so aussehen, wie ICH das will.
    ab dem moment wurde es besser. (und es kam ne MENGE arbeit dazu.)
    ich hab zwar vieleviele pflanzen durch anbau- und pflegefehler gekillt. aber mit den jahren kommt auch die erfahrung – und nunmehr, nach insgesamt 11 jahren, ist der garten passabel. und ich liebe ihn. sehr. ist viel hübsches zeug drinne (päonien! mohn! ein winterharter rosmarin! lavendel!), auch die ersten richtig langzeitigen projekte (apfelbäume! maulbeere! felsenbirnen! yay!!). aber auch vieleviele quadratmeter erde, auf der vieleviele unkräuter wunderbar platz haben, sich auszubreiten.
    das fiese: zufrieden bist du mit deinem garten immer nur sehr punktuell 😀 du startest zum beispiel eine große unkraut-rodeaktion, bei der du ein komplettes wochenende auf allen vieren im beet verbringst, rupfend, schleppend und fluchend kubikmeter grünzeug ausreißt. danach sieht es aufgeräumt aus und du freust dich und überlegst, was du nun hübsches in die freien flächen pflanzt.
    ne woche später guckst du dich vor der abfahrt zum gartencenter auf deinen latifundien um und fragst dich, wo, VERDAMMTE AXT!, diese scheißndrecks-grüne hölle herkommt?! und du verschiebst die fahrt zum gartencenter und ziehst stattdessen die buddelhandschuhe an.
    sieben stunden und ein mörderkreuzweh später sieht es manierlich aus, das gartencenter hat nun aber zu und deine familie schreit „hunger!“. und du verschiebst den shoppingtrip auf die kommende woche. wo du dich vor der abfahrt auf deinen latifundien umguckst und dich fragst, … (siehe oben).
    *lach*

    aber trotz alledem: es macht nen heidenspaß. mich erdet das buddeln ganz ungemein. ein mieser tag, stress mit irgendwem – da spring ich entweder aufs rad oder ich fange an, in der erde zu wühlen. hilft nahezu immer.
    und dann das erste mal irgendein als zickig verschrienes grünzeug unter der eigenen pflege gedeihen und dann auch blühen zu sehen: der hammer! und wenn das erste mal die passanten stehen bleiben und staunend das blumenmeer ansehen: geilomat! (hält nur nicht lange vor, siehe oben …)

    fazit: mach weiter.
    und sollte es irgendwann aufhören, spaß zu machen, mach das blühzeug platt und verleg rollrasen.

    alles liebe!

  2. Zum Glück haben wir keine Nachbarn, breitgrins. So kann ich unbeobachtet unseren Garten in ein großes Versuchslabor verwandeln. Bei mir gingen zu Studizeiten selbst Kakteen ein – und noch ist es kaum anders.
    Ich bin einfach ein Großstadtkind – im Walde auf dem Lande mit drei Kindern gestrandet.
    So bin ich dankbar, dass unser Garten eher wild, denn kultiviert ist und erfreue mich an den Wildkräutern und am blühenden Holunder. Auch der von anderen Menschen vor Jahrzehnten gepflanzte Rhododendron möchte von mir nur gegossen werden. Brav so.
    Aber ich gebe nicht auf! Letztes Jahr buddelte ich Pflanzen im Wert für 500 Euro ein … davon geblieben sind vier Kräuter und zwei Lavendel. (Vögel, Zecken, Mäuse und im Garten schmatzende Rehe konterkarierten aber auch mein Vorhaben „Blühender Garten“)
    Zum Glück hab ich einen Schmunzelgatten, fern jeglicher Pflanzenkenntnis („Ich hätte gießen müssen?!😦), der selbst meine kläglichen Bemühungen zu schätzen weiß.
    Aber ich gestehe – ich buddel mich ungeschminkt, ohne Duft und Lack-frei durch den Dreck. Natürlich aus Prinzip, hüstel.
    😣 Wie recht du hast, der Prozess ist schleichend. Und nach drei Jahren schaut man in einem lichten Moment in den Spiegel und erschrickt …
    Aber auch daran arbeite ich!

    Liebe Grüße aus dem Garten, der seit diesem Jahr wieder wöchentlich vom Gärtner gerett … äh gepflegt wird.

    Katharina

    1. Rehe lieben Rosen! Garten ist hier ja übertrieben, es ist eher ein Handtuch vorne und ein Teppich hinten – blüht und wächst ohne Zutun. Noch. Gegossen habe ich den allerdings mal, und gleich noch einen Gartenschlauch gekauft… nachdem der Ehemann sich da ein wenig mit dem ersten Schlauch vertan hat. So um zehn Meter 😂

    2. Liebe Katharina… ich dachte ich wäre die einzige aber wie so oft…? Wie passierte das und: Ist es gut? Das zählt am Ende wirklich 🙂 ich würde mich sicher etwas mehr gehen lassen, weil hey, warum auch nicht, aber ich weiß dass sich das in paar Jährchen rächen wird und es wird mir nicht gefallen und dann werde ich mich frage, warum ich die Zeit so schlecht genutzt habe.

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