Doing business

Ich muss Euch mal wieder mit einem Schwank aus meinem Leben belästigen, angesichts der mageren Schminkausbeute in letzter Zeit. Zwar gehe ich nicht ohne Gesichtspatte aus dem Haus, das Programm ist jedoch reichlich homogen: Augenbrauenstift, sehr viel Abdeckcreme, Wimperntusche und roter Lippenstift, derzeit am liebsten Chanel Coromandel, ein schöner, warmer Rotton mit Gold, der erbärmlich schlecht auf den Lippen hält. Dazu passend den schönsten Nagellack aller Zeiten, den mir eine Leserin besorgt hat und den ich bereits zur Hochzeit trug – ist auch schon fünf Jahre her?! Meine Güte! Der Lack Chanel Coromandel und der passende Lippenstift. Natürlich alles mit einer Prise Tom Ford, den Bronzer gebe ich nämlich nicht mehr her.

Beim Schreiben hatte ich vor nicht allzu langer Zeit eine Art Zusammenbruch und wollte alles hinschmeißen. Absolut biestig gelaunt und kurz vorm Weinen, rief ich meinen Projektleiter ins Büro (ja, ich ihn!) und sagte: Ich brauche jetzt einen Arschtritt, sonst schmeiße ich.
Er ist ja einiges gewohnt, aber bestimmt nicht sowas und nicht von mir – ein Mensch hinter der ganzen Schminke?! Er atmete tief durch und legte los.

Ich komprimiere es mal in einem Satz.

Glaub, verfickte Scheiße nochmal, an Dich, und habe das Selbstbewußtsein, das hinzurotzen, was du für richtig hältst.

Seine Ausdrucksweise weichte nicht unbedingt vom obigen Zitat ab.

Ich weiß nicht genau, was danach passierte, aber es machte KLICK. Die darauf folgenden Stunden schrieb ich ohne zu zitieren, weil es schließlich „meins“ ist, die darauf folgenden Sitzungen im Job sagte ich Dinge, wo ich mich sonst zurückhalte und ich traute mir jüngst sogar zu, alleine durch die Gegend zu jetten und ein paar Geschäftskontakte aufzureißen. (Absolutes Chaos, aber davon später.)

Was ist passiert?
Genagt von Selbstzweifeln, das ist der Normalzustand – ob Mann, ob Frau. Zwischen den traditionellen Modellen steckend und auch zwischen den traditionellen Bildern, besonders als Frau, ist es immer wieder eine Gratwanderung, so zu sein wie man ist. Gerade Frauen sollen freundlich sein, bescheiden, nicht zu laut, nicht fordernd, sollen… – ALLE INS KNIE FICKEN LASSEN. Pardon my french.
Wir Frauen haben es wirklich schwerer im Alltag, wir haben es auch schwerer mit uns selbst, weil wir diese Rollenbilder eingeimpft bekommen. Wie soll man da bitte Selbstvertrauen haben, wo es ständig heißt, scheitern vorprogrammiert?

Natürlich kann man Selbstbewusstsein nicht erzwingen. Persönlich behelfe ich mir mit Äußerlichkeiten, die ihre Wirkung selten verfehlen (Kleidung, Auftreten) aber es hat erst jetzt in meinem Kopf klick gemacht. Vielleicht ist es das Alter? Die Erfahrung? Wird man irgendwann erleuchtet oder einfach abgebrühter, indifferenter? Ich fühle mich auf einmal erfahren und entspannt, und kann mit meinen merkwürdigen Spleens leben. Ich habe mich selbst akzeptiert und einen gewissen Humor gegenüber meinen Schwächen entwickelt, meiner Planlosigkeit gegenüber genauso wie meinem Perfektionismus.

Wichtig: Ich bin in erster Linie ICH. Nicht die Frau von, nicht Mutter, nicht ein Attribut von irgendjemand. Zu mir gehören alle diese Dinge wie der Partner und das tollste Kind der Welt, die endlosen Lippenstifte und die tussige Handtasche. Endlose Wissensdurst und für jede Peinlichkeit zu haben.

Das Größte, was mir die Dissertation bislang eingebracht hat, ist mich selbst ernst zu nehmen.
Neben den vielen aufgeblasenen Männern zu bestehen ist jeden Tag nicht leicht, aber machbar. Es ist ein Spiel, und genauso sollte man es aufnehmen und durchziehen. Die Spielregeln sind dehnbar, manchmal verliert man, manchmal ist man sogar Schiedsrichter. Manchmal muss man auf den Tisch hauen, manchmal zuhören, manchmal ehrlich sein. Man darf keine Angst davor haben, etwas zu tun. Etwas ist besser als Nichts; und Tun meist besser als Lassen.

Ich muß ein paar Plattitüden schwenken, tut mir leid! Die Frage nach der Wahrheit oder nach Erkenntnis folgt immer dem gleichen Muster. Es gibt immer die Meta-Frage nach der Erkenntnis und sie ist, sind wir mal ehrlich, schon gelöst. Die Frage, die wir uns stellen müssen und die sich jeder Denker gestellt hat, von Plato über Leibniz bis Peirce, ist die nach der Ausgestaltung unserer Erkenntnis.
Und „Wie sieht Deine Erkenntnis aus“ ist immer auch eine Frage nach der Frage. Was ist Deine Frage?

Forschung oder Philosophie ist daher nicht die Frage nach Erkenntnis im Sinne einer absoluten Erkenntnis oder des absoluten Wissens, sondern einfach nach einer zeitgemäßen Ausgestaltung. Das mit dem „zeitgemäß“ ist wichtig und wesentlich, schließlich müssen wir die Erkenntnisse immer wieder anpassen. Das „wie“ ist und bleibt in erster Linie eine persönliche Aushandlungssache, und so muss man es eben auch im Alltag sehen.

Der Alltag, den wir bestreiten, ist genauso fundamental und wichtig wie die Forschung eines Nobelpreisträgers, denn in unserem Alltag prägen und ändern wir permanent Prozesse und Kontext. Daher ist es wichtig, sich selbst ernst zu nehmen, in erster Linie sich selbst, denn in seinem kleinen Mikrokosmos ist man einer der Interaktions-Knoten und somit für eine Anzahl X von Menschen/Gegebenheiten sehr wichtig. Der Rest kommt dann wie von selbst, denn Empathie und Zuhören kommen wie von selbst dazu (und die müssen viele Frauen nicht erst lernen, aber mal wieder TUN!! ich erlebe zu häufig dass Frauen überhaupt nicht zuhören!)

…jeder Tag ist Business, Baby.

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6 Gedanken zu „Doing business

  1. Guter Projektleiter! Mögest Du Dich immer an seine Wort erinnern. Und ja, das Alter bringt mit seinem Fortschritt auch Gelassenheit. Nicht in jeder Situation (zum Glück), aber hin und wieder gibt es diese Geschichten, die man schon mal hatte und dann klappt es tatsächlich, anders als beim ersten Mal damit umzugehen. Halte durch, ich glaube an Dich!
    Bärbel kürzlich veröffentlicht..Ü30-Blogparade Black & WhiteMy Profile

  2. Da kann ich dich schon verstehen. Ich denke aber dass das bei jedem Menschen anders ist. Das kommt auf die Erfahrungen an.

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